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PolarNEWS Magazin - 18 - D

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Bin ich das? Ein junger

Bin ich das? Ein junger Eisbär beobachtet interessiert sein eigenes Spiegelbild. 36 PolarNEWS

Interview: Christian Hug Bilder: Florian Schulz Sie gelten als der Tierfotograf, der ganze Ökosysteme dokumentiert. Was bedeutet das genau? Ich möchte, dass der Betrachter meiner Bilder eine Region oder eine Landschaft aus unterschiedlichen Perspektiven sieht. Er soll grössere Zusammenhänge erkennen und ein Gefühl für diese Gegenden erhalten. Deshalb fokussiere ich mich nicht auf die Tiere allein, sondern gestalte meine Bilder so, dass sie ein Bestandteil der Landschaft werden. Ein Tier kann ganz gross im Bild sein und die Landschaft verschwindend klein im Hintergrund. Oder umgekehrt steht das Tier verschwindend klein in der Landschaft. Sie spielen mit Dimensionen... Ja genau. Das sieht man zum Beispiel in den Luftaufnahmen mit den Karibus. Die werden plötzlich so klein wie Ameisen. Aber man bekommt eine Vorstellung davon, wie weitläufig die arktische Tundra ist. Und die Wildnis kommt wirklich rüber. Ich gehe mit der Kamera auch unter Wasser, um diesen Aspekt einzubringen. Ich probiere in jeder Situation, sehr vielseitig zu fotografieren. Dann sind Sie sowohl Tierund Landschaftsfotograf als auch Unterwasserfotograf. Sind das unterschiedliche Anforderungen? Sehr grosse sogar. Reine Landschaftsfotografen benötigen eine oder zwei hochauflösende Kameras und eine Handvoll Objektive, das passt alles in einen Kamerarucksack. Tierfotografen hingegen müssen mit unterschiedlichen Objektiven arbeiten, vom starken Weitwinkel- bis hin zu den grossen Super-Teleobjektiven – plus den entsprechenden Stativen. Und unter Wasser funktioniert sowieso alles anders, da braucht es nicht nur eine komplett andere Denkweise, sondern auch spezielle Unterwasser-Gehäuse, gekoppelt mit lichtstarken Super-Weitwinkel- Objektiven. Plus Trocken-Taucheranzüge und die restliche Taucherausrüstung. Wenn Sie alle drei Ausrüstungen mitnehmen, ergibt das ein ganz schönes Bagage... Das können Sie laut sagen. Alleine die komplette Fotoausrüstung bringt es auf etwa 120 Kilo. Und wir haben noch gar nicht vom übrigen Material gesprochen, das mit muss: aufblasbare Kanus zum Beispiel und Boote, Zelte, Schlafsäcke, Kleider und Nahrung. Wenn ich mit dem Schneemobil oder den Hundeschlitten unterwegs bin, muss ich mir sehr genau überlegen, was mitkommt und was nicht. Sie werden als «einer der besten Tierfotografen der Welt» gelobt. Was bedeutet das genau? Es freut mich natürlich, das zu hören, aber das entscheiden andere Leute, nicht ich. Für mich ist das, was ich mache, kein Beruf, sondern die reine Leidenschaft. Deshalb gehe ich nicht einfach irgendwo hin und fotografiere drauflos, sondern bin monatelang unterwegs in der Natur. Dann beobachte ich, was um mich herum geschieht, ich nehme Gerüche wahr und höre Geräusche, das Wetter und das Licht ändern sich dauernd. Das alles versuche ich zusammenzubringen. Und wenn am Ende Bilder entstehen, die Menschen zum Anhalten bringen, wenn jemand wegen eines Bildes innehält und mehr wissen will, wenn jemand das Gefühl hat, selber mitten in dieser Landschaft zu stehen, dann ist es ein gutes Bild. Wenn eines meiner Bilder darüber hinaus beim Betrachter Fragen aufwirft und Neugierde weckt, dann kommt alles zusammen. Wie stellen Sie Fragen in Bildern? Zum Beispiel dieses Bild von der Eisbärenmutter mit ihrem Jungen auf einer Eisscholle. Mir ist ein solches Bild enorm wichtig, weil die Problematik des Klimawandels the- «Es ist auch eine Art Meditation, draussen zu sein. Ich nehme die Natur mit all meinen Sinnen wahr» matisiert. Dem Betrachter wird klar, in welch schwierigen Lage sich die Eisbären befinden. Ich möchte, dass die Leute beim Betrachten eines solchen Bildes innehalten und sich veranlasst fühlen, mehr für den Naturschutz zu tun. Dann gewinnt meine Fotografie für mich an Bedeutung. Mal unter uns: Wenn Sie monatelang in der Arktis oder in einem Nationalpark unterwegs sind und tagelang nicht ein einziges Tier zu Gesicht bekommen – ist das nicht langweilig? Nein, kein bisschen. Einerseits muss ich ja mein eigenes Überleben sichern. Muss mein Zelt einrichten, Essen zubereiten und Trinkwasser aufbereiten. Sicherstellen, dass ich nicht erfriere oder von einem Eisbären gefressen werde. So bin ich ständig unter Spannung und natürlich immer auf der Suche nach besonderen Bildern. Es ist auch eine Art Meditation, draussen zu sein. Ich nehme die Natur mit allen meinen Sinnen wahr, ich pendle mich ein in ihren Rhythmus. Nur schon das Zuhören. Zum Beispiel der Ruf der Schnee-Eule, wie sie versucht, das Männchen zurückzulocken. Oder wenn sie probiert, das Männchen zu motivieren, eine Maus zu fangen. Und dann höre ich plötzlich die Goldregenpfeifer. Oder ich sehe einen Fuchs auf der Jagd. Dann überleg ich, ob ich ihn so lange beobachten kann, bis ich rausfinde, wo sein Bau ist. Oder ich denke mir neue Bilder aus. Mir wirds draussen nie langweilig. Sie haben mal gesagt, dass Sie die Bilder schon im Kopf haben, bevor Sie auf Expedition gehen... Das sind eher Konzepte, nicht konkrete Bilder. Zum Beispiel die erwähnte Eisbärenmutter. Das, was ich mit einem Bild wie diesem mitteilen wollte, war mir schon vorher klar. Bloss wie das am Ende konkret aussehen wird, das ist von der Situation abhängig, das kann ich ja nicht planen. Aber wenn sich die passenden Umstände ergeben, weiss ich sehr genau, zu welchem Objektiv ich greifen muss. Gibt es das perfekte Bild? Fotografen kokettieren ja gerne damit, dass dies gar nicht möglich sei. Aus meiner Sicht gelingt hie und da ein Bild, bei dem ich sage: Da gibt es nichts zu verbessern. Ich brauche diese Erfolgserlebnisse, weil es kein Urlaub ist da draussen, sondern harte Arbeit, und da muss man sich freuen können über traumhaft gut gelungene Bilder. Expeditionen, wie Sie sie unternehmen, kosten eine Stange Geld. Wer bezahlt das? Ein Vorhaben wie das Arktis-Projekt, das sich über sechs Jahre hingezogen hat, kann mehrere hunderttausend Euro kosten... Zu Hause am Bodensee lebe ich mit meiner Familie sehr einfach. Ich veröffentliche Magazingeschichten und Bücher, halte Vorträge, mache Filme und kriege Aufträge von verschiedenen Firmen. Um so ein Mammutprojekt wie «Arktis» zu realisieren, arbeite ich regelmässig mit Naturschutzorganisationen, Filmteams und Wissenschaftlern zusammen, um zum Beispiel Kosten bei Expeditionen zu teilen. PolarNEWS 37

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