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PolarNEWS Magazin - 18 - D

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Kollektive Aufzucht: Die

Kollektive Aufzucht: Die Küken werden im Kindergarten grossgezogen, damit alle Weibchen ausführlich zum Fressen ins Meer gehen können. Eiderenten in der Schweiz Vom spärlichen Wintergast von früher zum heutigen Brutvogel – so liesse sich die Geschichte der Eiderente in der Schweiz zusammenfassen. 1988 brütete erstmals ein Eiderentenpaar in der Schweiz; heute ziehen fast jedes Jahr eine Handvoll Paare ihre Jungen in der Schweiz gross (am Zürich-, Neuenburger-, Walen- und Vierwaldstättersee). «Unsere» Eiderenten gehören zu den südlichsten Brutvögeln dieser Art. Die Ausbreitung der Wandermuschel in den Schweizer Gewässern (eine willkommene neue Nahrungsquelle für Wasservögel) ab den 1970er-Jahren war einer der Gründe, weshalb mehr und mehr Vögel bei uns auch den Sommer verbrachten und schliesslich brüteten. Eigentlich erstaunlich, dass sich eine ans Meer angepasste Ente bei uns wohlfühlt. Nach wie vor halten sich auch im Winter etwa 60 bis 70 Eiderenten als Wintergäste bei uns auf; die meisten dieser Beobachtungen stammen von den grösseren Gewässern des Mittellandes. hocharktischen Winter entfliehen sie an die Küsten Norwegens oder nach Island. Viele bleiben auch in den eisfreien Meeresgebieten vor der Westküste Spitzbergens. Die Brutvögel der östlichen kanadischen Arktis hingegen rasten vor Südwestgrönland. Dort hält sich im Winter eine halbe Million Eiderenten auf, hauptsächlich aus kanadischen Brutgebieten. Und die weiblichen Eiderenten, welche an den Küsten der Beaufortsee in Nordalaska und Nordwestkanada brüten, ziehen Ende August, Anfang September mit ihren Jungen westwärts ins Beringmeer. Einige besonders östlich brütende Vögel legen bei dieser Herbstwanderung wahrscheinlich über 3000 Kilometer zurück. So unterschiedlich die Wanderungen sind: Bei alle Eiderenten-Populationen überwintern Männchen und Weibchen gemeinsam in grösseren Trupps und kleinen Gruppen. Verschiedene neue Studien legen übrigens den Schluss nahe, dass Wasservögel wie die Eiderente durch ihr Zugverhalten Klimaänderungen anzeigen können. Seit langem ist hauptsächlich bei Singvögeln belegt, dass etliche Arten wegen steigender Temperaturen ihren Heimzug im Frühling sowie ihren Brutbeginn vorverlegen. Ihr Zugverhalten im Herbst ist jedoch nur wenig beachtet worden. Jetzt zeigt eine Untersuchung finnischer Forscher, dass nordeuropäische Wasservögel neuerdings im Herbst viel länger im Brutgebiet bleiben, bis sie nach Süden wegziehen. Ist dann der Winter an Norwegens Küsten, vor Grönland oder andernorts ausgestanden, fliegen Eiderenten-Männchen im Frühling oftmals in ein Brutgebiet zurück, das bis zu 1700 Kilometer entfernt liegen kann von jenem Ort, an dem sie aus dem Ei geschlüpft waren. Anders die Weibchen: sie kehren an ihren Geburtsort zurück, zum Beispiel auf ein küstennahes Inselchen in einem arktischen Fjord. Dort sitzen sie dann wieder dicht gedrängt in einer Öffnung im Packeis und warten darauf, dass eine meterdicke Eisbrücke unter der Frühlingssonne einbricht. Die Klimaerwärmung wird’s richten, dass die Enten jedes Jahr ein bisschen weniger lang warten müssen... Tempo: Kaum geschlüpft, verlassen die Kleinen das Nest. Bilder: Eric Meyer, Kev Chapman 26 PolarNEWS

Vergessene Helden Teil XIV Der Mann, der ignoriert wurde Serie Sport bis zum Umfallen, auf Skis und auf Turngeräten. Das machte Fredrik Hjalmar Johansen glücklich. Denn beim Sport musste der junge Norweger nicht über seine Schreibschwäche nachdenken und auch nicht über sein Jurastudium, das nur schlecht vorankam. 1885, da war der Sohn einer christlichen Bauernfamilie aus Skien gerade mal 18 Jahre alt, wurde Hjalmar norwegischer Gymnastik-Meister. Zwei Jahre später brach er sein Studium ab, und 1889 wurde er in Paris gar Turner-Weltmeister. Das machte Hjalmar Johansen zum berühmtesten Sportler Norwegens. Aber irgendwie brachte der wortkarge Johansen sein Leben nicht richtig auf die Reihe. Er hielt sich mit belanglosen Bürojobs oder als Gefängniswärter über Wasser. Manchmal half er einfach zu Hause auf dem Hof. Als sein Landsmann Fridtjof Fredrik Hjalmar Johansen. Nansen fähige Leute für seine geplante Driftfahrt mit der «Fram» zum Nordpol suchte (siehe PolarNEWS Nummer 17), witterte Johansen Morgenluft in seinem ungeordneten Leben. Er bot Nansen an, ohne Lohn zu arbeiten, wenn er denn nur mitkommen dürfe. Er wurde – gegen Heuer – als Heizer und Hunde-Betreuer in die Crew aufgenommen. In der Arktis fand Johansen endlich, was er suchte: Stille. Und die wilde Natur, in der keine Worte nötig waren, sondern unbeirrbarer Durchhaltewillen und sicherer Instinkt. Nansen erkannte Johansens Qualitäten und nahm ihn als einzigen Begleiter mit auf seinem Vorstoss zum Nordpol. Ein Jahr lang waren die beiden zu Fuss auf dem Eis unterwegs, allerdings ohne den Nordpol erreicht zu haben. Die beiden wurden nach ihrer Rückkehr 1896 in Norwegen trotzdem als Nationalhelden gefeiert. Aber Johansen wurde nicht zur offiziellen Ehrung am Königshof eingeladen. Dass ihn der König zum Hauptmann beförderte, war ihm ein schwacher Trost. Immerhin: Nansen gab mehrfach öffentlich zu, dass er ohne den untrüglichen Instinkt Johansens im ewigen Eis nicht überlebt hätte. Fredrik Hjalmar Johansen wurde also ein zweites Mal berühmt. Aber wieder kam er mit dem Ruhm und dem Alltag nicht zurecht. Sein schwermütiger Charakter brach durch. Er begann zu trinken. Seinen Job bei der Armee kündigte er ohne Angabe von Gründen. 1898 heiratete er Hilda Øvrum und zeugte mit ihr vier Kinder, aber die Ehe ging in die Brüche. In der Arktis, fernab von zu Hause, blühte er hingegen auf: 1907/1908 überwinterte er mit Theodor Lerner auf Spitzbergen. Irgendwann schrieb er in sein Tagebuch: «Oh, hier hat man es gut. Meist ist es kalt und dunkel, aber man ist frei!» Auf Empfehlung von Fridtjof Nansen nahm ihn Roald Amundsen 1910 mit auf seine Expedition in die Antarktis. Das erklärte Ziel: Amundsen soll im Wettlauf gegen den Engländer Robert Falcon Scott als erster Mensch den Südpol erobern. Hjalmar Johansen war der Eis-erfahrenste Mann der ganzen Crew. Amundsens erster Vorstoss zum Südpol mit Johansen im Team misslang: Es war noch tiefster Winter, die Männer litten an Erfrierungen und kamen kaum voran. Amundsen befahl den Rückzug, beging aber einen Fehler: Er teilte sein Team in drei Gruppen auf, schnappte sich den besten Schlitten und eilte zur Basisstation zurück – ohne Rücksicht auf den Rest seiner Mannschaft. Und der war schlecht beieinander: Ein junger Leutnant hatte schwere Erfrierungen erlitten. Hjalmar kümmerte sich um ihn und brachte ihn nach einem Gewaltsmarsch von 75 Kilometern bei minus 60 Grad lebend ins Lager zurück, wo Amundsen bereits am warmen Feuer sass. Johansen stellte Amundsen vor versammelter Mannschaft zu Rede. «Das nenne ich nicht Expedition», schimpfte Johansen, «das nenne ich Panik.» Amundsen war blossgestellt. Und interpretierte Johansens Aufbegehren als Meuterei. Zur Strafe schloss er Johansen von der Pol-Gruppe aus. Amundsen befahl Johansen sogar auf eine unbedeutende Erkundung, während er selber im zweiten Anlauf als erster Mensch den Südpol erreichte. Als die ganze Mannschaft wieder nach Norwegen zurückkehrte, durfte Johansen nicht gemeinsam mit den Helden das Schiff verlassen. Erneut wurde Johansen bei den Feierlichkeiten «übersehen». Amundsen verschwieg sogar in seinen Memoiren die heldenhaften Taten Johansens. Das war zuviel für Hjalmar. Er war doch Mitglied an zwei der wichtigsten Entdecker-Expeditionen der Weltgeschichte, er war doch fast am Nordpol und fast am Südpol – und wurde dafür schlicht und einfach: ignoriert. Er versank in tiefster Depression. Am 3. Januar 2013 schoss er sich in einem Park im heutigen Oslo eine Kugel in den Kopf. Heute gilt Fredrik Hjalmar Johansen als drittwichtigster Polar-Entdecker nach Fridtjof Nansen und Roald Amundsen. Greta Paulsdottir PolarNEWS 27

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