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PolarNEWS Magazin - 18 - D

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Dumm gelaufen für diese

Dumm gelaufen für diese Möwe: Eierdiebe, die den brütenden Weibchen zu nahe kommen, werden gnadenlos angegriffen. weniger Eier legen, als sie eigentlich noch ausbrüten könnten. Ein durchschnittliches Eiderentennest – zum Beispiel eine Mulde im Tundraboden, oftmals windgeschützt hinter einem Stein oder Busch angelegt – enthält vier bis fünf recht gross wirkende, grünlich-graue Eier. Gelingt es einem Weibchen, die Ablage der Eier so zu terminieren, dass ihre Jungen genau dann schlüpfen, wenn auf dem Wasser die letzten Eisreste des Winters umhertreiben, erhöht es damit die Überlebenschance für die Küken beträchtlich. Denn dann ist bis zum Flügge-Werden der Küken sämtliches Eis geschmolzen – und den Jungeidern steht ein maximal langer Aufenthalt in sommerlich eisfreien Gewässern bevor. Das klingt einfach, ist aber schwierig: Denn immerhin dauert es zehn Wochen, bis ein Eiderentenküken die Grösse eines ausgewachsenen Vogels erreicht – zehn lebenswichtige Wochen im sonst schon kurzen arktischen Sommer! Wer zu früh dran ist, findet in den noch eisbedeckten Gewässern keine Nahrung. Wer zu spät ausfliegt, gerät in Zeitnot, weil das Meer bald wieder zufriert. Die gefährlichste – und verlustreichste – Phase des Brutgeschäfts fällt jedoch an dessen Anfang, zwischen der Ablage des ersten Eies und dem Beginn der Bebrütung. Weil das Weibchen täglich nur ein Ei legen kann, dauert es vier bis fünf Tage, bis das Gelege komplett ist. Dazwischen verlässt das Weibchen sein Nest immer wieder, um sich vor der langen Bebrütung von etwa 25 Tagen noch einmal richtig sattzufressen. Denn wer brütet, frisst nicht! Nur zum Trinken verlassen die Weibchen während der Brutphase ihr Nest für ein paar Minuten, und auch das nur alle paar Tage. Leibwächter Seeschwalbe In dieser strengen Zeit verlieren die Eider- Weibchen zwischen 30 und 45 Prozent ihres Körpergewichts, das sind etwa 30 Gramm pro Tag. Obwohl es die bereits gelegten Eier sorgsam mit den dunkelbraunen bis metallisch grauen, äusserst leichten und luftigen Daunenfedern bedeckt, lassen sich etliche Feinde wie Eismöwen oder Eisfüchse von einer solchen Tarnung nicht täuschen und fressen die Eier unbewachter Nester auf. Doch nicht nur Eismöwen und Füchse haben es auf Eiderentenbruten abgesehen – die Liste der Feinde ist länger: Krähen, Heringsund Mantelmöwen töten und fressen eine grosse Zahl von Küken; Seeadler attackieren Eiderenten vor der Küste Norwegens. Und im arktischen Verbreitungsgebiet dieser Ente, etwa auf Svalbard oder Nowaja Zemlja, zählen sogar Eisbären zu den grossen Widersachern. Während einer Forschungsperiode Anfang der Nullerjahre beobachteten Wissenschaftler an der kanadischen Hudson Bay, wie sich ein einzelner Eisbär vier Tage lang durch eine Eiderenten-Kolonie frass und insgesamt 325 Nester plünderte. Aus 206 davon frass er alle Eier weg! Falls es einem Eisfuchs gelingen sollte, auf eine Eiderenten-Brutinsel zu gelangen, kann auch er durchaus sämtliche Eier einer Kolonie zerstören. Um sich vor solchen Attacken zu schützen, wählen die Eiderenten für ihren Neststandort einerseits kleine, der Küste vorgelagerte Inseln. Oftmals sogar jene Insel, Bild: Edy Bachmann, Hinrich Bäsemann 24 PolarNEWS

Harte Mahlzeit: Eiderenten bringen so ziemlich alles runter, was sich zerkleinern und schlucken lässt – auch Seesterne. wo sie selber als Küken geschlüpft waren. In Svalbard ziehen über vier Fünftel die Insel- Variante vor. Anderseits suchen sie schon mal die Nähe zu brütenden Küstenseeschwalben, wie Beobachtungen aus Svalbard zeigen. Wer als harmloser Tundrawanderer den erbitterten Luftangriff aufgebrachter Küstenseeschwalben überstanden hat, weiss, dass die Eiderenten mit einem solchen Bodyguard keine schlechte Wahl getroffen haben... Kollektive Aufzucht Und wo bleiben die Entenmännchen? Weshalb verteidigen sie nicht ihre werdende Familie? Die Antwort ist einfach: Sie sind gar nicht da. Bei den meisten Eiderenten-Populationen rund um die Arktis verlassen die Erpel ihre Weibchen, sobald diese zu brüten beginnen. Einzig in Svalbard bleiben die Männchen noch eine bis zwei Wochen nach Brutbeginn am Nest, bevor sie sich wie alle anderen Erpel in grossen Trupps im offenen Meer versammeln und mit der Mauser beginnen. Als Vogel der Meere zieht es auch die Weibchen wieder zur See, kaum ist das Brutgeschäft abgeschlossen – die frisch geschlüpften Küken verlassen schon im Alter von einem Tag ihr Nest. Die Entenmütter schwimmen mit den Kleinen bis 20 Kilometer weit von den Brutplätzen weg zu idealen Aufzuchtgebieten. Dort versammeln sie sich erneut, diesmal zu grossen Trupps aus vielen, vielen alleinerziehenden Müttern, die von einem Gewimmel unzähliger Küken umgeben sind. Weibchen, die ihre Jungen gut beaufsichtigt wissen, halten sich manchmal wochenlang auf dem Meer auf und gehen in Küstennähe auf Nahrungssuche, wo das Meer zwischen 15 und 50 Meter tief ist. Nach der anstrengenden Brut müssen sie wieder ihr Normalgewicht auf die Waage bringen. Die meiste Zeit des Jahres ernähren sich Eiderenten von sesshaften oder sich langsam bewegenden Organismen des Meeresbodens. Obwohl Eiderenten eigentlich Allesfresser sind, stellt ausserhalb der Arktis die Miesmuschel einen Hauptpunkt auf dem mindestens hundert Tierarten umfassenden Menuplan dar. Eine Eiderente kriegt bis zu 2 Kilogramm dieser Muschelart runter – pro Tag notabene! Zugegeben, nur ein Bruchteil davon ist verwertbare organische Masse, der Rest besteht vor allem aus Muschelschalen. Begehrte Beilagen sind andere Muschelarten, Fischrogen sowie Stachelhäuter (Seeigel, Seesterne), Borstenwürmer oder Krebse wie etwa der ein Zentimeter lange Hummer-Flohkrebs. Enten als Klima-Zeiger Sobald der Nachwuchs im Alter von zwei Monaten endlich fliegen kann, ist die Zeit reif, dem Winter auszuweichen. Je nach geografischer Lage des Brutgebietes ziehen Eiderenten unterschiedlich weit. Am wanderfaulsten sind die Eiderenten. Zum Beispiel in der Umgebung der nordnorwegischen Stadt Tromsø: Sie bleiben selbst im Winter im Umkreis von weniger als 25 Kilometern rund um ihren Neststandort. Sehr viel weiter verschlägt es dagegen die Eiderenten aus Spitzbergen: Dem eisigen PolarNEWS 25

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