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PolarNEWS Magazin - 18 - D

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Text: Peter Balwin Die

Text: Peter Balwin Die bedrückende Stille, die im Frühsommer über der Hocharktis liegt, ist für Menschen kaum auszuhalten. Schnee bedeckt noch die Tundren, das Meer rundum ist gefroren. Kein Laut irgendeines Lebewesens stört die bleierne Ruhe über der wunderschönen Landschaft. Die kräftiger werdende Mai-Sonne, die hier oben bereits 24 Stunden am Firmament steht, hat das Fjordeis in Schollen aufgebrochen. Bald wird der zu Treibeis gewordene Eisdeckel einfach wegdriften und schmelzen. Wer trotz der gleissenden Helligkeit von Schnee und Eis genauer hinzusehen vermag, bemerkt eine kleine Gruppe von Eiderenten weit im Innern des Fjordes. Scheinbar unbeeindruckt von ihrer gefrorenen Umgebung, sitzen sie ruhig auf einer winzigen Fläche offenen Wassers inmitten des Fjordeises. Doch die Unaufgeregtheit, mit der diese Eiderenten auf dem einzigen Wasserloch weit und breit herumdümpeln, täuscht. Aufmerksam beobachten sie tagelang ein Inselchen in Ufernähe, auf dem jetzt, Anfang Mai, der Schnee schon fast geschmolzen ist. Dort haben sie letztes Jahr ihre Brut grossgezogen, dort wollen sie jetzt wieder hin, um ihre Eier zu legen. Zwei Dinge hindern sie jedoch daran, dorthin zu gehen: der zierliche Eisfuchs, der mit gesenkter Nasenspitze schnüffelnd über die Brutinsel läuft – und die dicke Brücke aus Meereis, welche die Insel mit dem Ufer des Festlands verbindet. Beides, Fuchs und Eisbrücke, müssen weg, bevor sich die Eiderenten auf die Insel getrauen. Wie lange wird das Warten dieses Jahr dauern? Wann bricht das Meereis auf? Wann löst sich der letzte Eisrest, der die Brutinsel noch ans Festland koppelt? Besonders letztere Frage ist eminent wichtig: Über solche Eisbrücken gelangen Fressfeinde wie etwa der Eisfuchs ins Brutterritorium. So kann nicht gebrütet werden! Derweil warten weit draussen im offenen, eisfreien Meer tausende von Eiderenten auf das Signal ihrer Erkundungsgruppe im Fjord. In der zweiten Aprilhälfte sind diese Enten aus südlicheren Gefilden hierher in ihre immer noch winterlich vereisten Brutgebiete in Spitzbergen zurückgekehrt. Und während sie auf das Okay ihres Spähtrupps warten, fressen sie, was das Zeug hält. Denn die bevorstehende Brutperiode wird kräftezehrend. An einem sonnigen Arktistag Anfang Juni dringt ein dumpfer Knall über die auftauende Landschaft im Fjordinnern. Die Eisbrücke ist endlich gebrochen, die Brutinsel ist nun für Füchse unzugänglich. Darauf hatten die Eiderenten lange gewartet! Noch am selben Tag fliegen sie auf und hin zum Inselchen, um sich einen guten Nistplatz zu sichern. Das Brutgeschäft kann endlich beginnen. Für Eiderenten sind der Beginn der Schneeschmelze sowie das Aufbrechen des Festeises rund um Inselchen und entlang der Küsten entscheidend. Denn von diesen Zeit punkten hängt ab, wie viele Paare im Sommer überhaupt brüten und wie gross deren Gelege sein werden. Beliebtes Studienobjekt Diese dicke Meeresente mit dem markanten Kopfprofil, deren Männchen auffallend schwarzweiss gefärbt sind (Weibchen: beige-grau bis rotbraun), kommt rund um den Nordpol vor. Die weltweit 3 bis 4 Millionen Eiderenten brüten an den Küsten der Arktis und in der südlich anschliessenden borealen Zone der Nordhalbkugel. Grosse Populationen an Eiderenten leben in Grönland, allein in Island werden rund 400 Brutkolonien gezählt. Die südlichsten Brutvorkommen erreichen in Nordamerika den US-Bundesstaat Maine, in Europa die Küsten der Ostsee, Englands, der Niederlande und Nordfrankreichs. Selbst in der Schweiz brütet eine Handvoll Eiderenten – wohl die südlichsten überhaupt (siehe Box). In Europa trifft man sie am häufigsten in Schweden und Island an, wo über zwei Drittel des europäischen Bestandes vorkommen. Fast überall in ihrem weiten Verbreitungsgebiet gehört die Eiderente dank ihrer Häufigkeit zu einer der am stärksten wissenschaftlich untersuchten Vogelarten der hohen Breiten. Während die Wissenschaft sich aus purer Neugier mit dieser Vogelart befasst, ging es bei anderen ums Überleben: Seit Urzeiten sind Eiderenten eine wertvolle Nahrungsquelle für die Eskimovölker Grönlands und Nordamerikas. Fiel die Eider-Jagd gut aus, war das Fortbestehen der Sippe vielerorts gesichert. Doch nicht nur das Fleisch der gut 2,2 Kilogramm schweren Ente war hoch willkommen, auch andere Teile des Vogels wurden verwendet. So nähten sich die Inuit aus dem nördlichen Quebec und Labrador Parkas aus Eiderentenhaut, weil es an Karibus und deren Felle mangelte. Schwere Arbeit So richtig berühmt wurde die Eiderente aber nicht wegen ihres Fleisches. Wirtschaftliche Bedeutung und weltweite Bekanntheit erlangte sie wegen etwas Federleichtem – ihrer Daunen. Bereits Steinzeitmenschen im heutigen Finnland nutzten die Daunenfedern der Eiderente für Kleidung, und müde Vikinger deckten sich auf ihren Schiffsreisen mit Eiderdaunendecken zu. Im 16. Jahrhundert wurden Daunenduvets allgemein beliebt, und in Island und Norwegen wurde die sprichwörtlich federleichte Daune zum Exportartikel von Bedeutung. In Island erreichte die Daunenernte 1915 ihren Höhepunkt mit 4300 Kilogramm. Heute liegt die Menge bei 2500 Kilogramm. Aber auch die Jäger und Fallensteller auf Spitzbergen waren fleissige Daunensammler. In den 43 Jahren zwischen 1871 und 1914 verschifften Trapper aus Spitzbergen jedes Jahr durchschnittlich 1100 Kilogramm Eiderdaunen nach Norwegen. Allein 1914 waren es 2451 Kilogramm Daunen, was etwa der Menge entspricht, die man aus über Bilder auf dieser und den vorhergehenden Seiten: Heiner Kubny 22 PolarNEWS

Wenn die Weibchen ihre Eier ausbrüten, verziehen sich die meisten Männchen. In den steinigen Wiesen sind die Weibchen gut getarnt. hunderttausend Nestern einsammeln kann. Kein Wunder, sind Eiderdaunen extrem teuer. Nicht nur das Einsammeln ist arbeitsintensiv, auch die Verarbeitung ist aufwändig. Jedes Kilogramm Federn verlangt den Produzenten im Schnitt neun Stunden Arbeit ab (sammeln, von groben Federn säubern, waschen mit 360 Liter Wasser für 1 Kilogramm, trocknen). Es erstaunt deshalb nicht, dass man für ein Eiderdaunen-Duvet mit den Standardmassen 160 zu 210 Zentimeter weit über 4000 Franken hinblättern muss... Das Gute am Produkt Eiderdaune ist, dass der Mensch nur einsammelt, was der Vogel selber an Daunen abgibt. Ein Eider-Weibchen verliert während der Legephase dank hormoneller Umstellungen rund 17 Gramm weichster Daunenfederchen aus ihrem Bauchgefieder. Jede dieser Federn wiegt nicht mehr als zwei Milligramm und dient dazu, das Nest zu polstern und die Eier zur Tarnung abzudecken. Nach dem Ende der Brutzeit, wenn die Nester verwaist sind, lassen sich diese Daunenfedern leicht einsammeln. Grossmutter brütet mit Das Brutgeschäft der Eiderente ist jedoch nicht nur für den kommerziell interessierten Daunensammler wichtig. Es ist vor allem der ornithologischen Forschung zu verdanken, dass immer wieder neue, fesselnde Details aus diesem bedeutungsvollen Lebensabschnitt dieser Tauchente enträtselt werden. Zum Beispiel zum sogenannten Brutparasitismus, wenn Weibchen ihre Eier in das Nest eines anderen Weibchens legen – wir kennen das vom Kuckuck: Eine kürzlich veröffentlichte Studie über die Eiderenten hat aufgezeigt, dass junge Weibchen einen Teil ihrer Eier älteren Verwandten zum Ausbrüten anvertrauen. Laut dieser Studie von einer Vogelinsel nahe der dänischen Ostseeinsel Bornholm und einem Brutplatz bei Akureyri im Norden Islands nahm der prozentuale Anteil an fremden Eiern zu, je älter die Weibchen waren. Das ist sehr praktisch: Junge Eiderentenmütter in der Blüte ihres Lebens legen mehr Eier, als sie selber ausbrüten könnten – und platzieren den Überschuss bei verwandten älteren Weibchen, die altersbedingt selber PolarNEWS 23

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