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PolarNEWS Magazin - 17 - D

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Elfenbeinmöwen leben an

Elfenbeinmöwen leben an der Eiskante: Dort sind sie mit ihrem schneeweissen Gefieder bestens getarnt. Text: Heiner Kubny Bilder: Rolf Stange Das war sogar der «Hamburger Morgenpost» eine Meldung wert, als im Dezember 2006 auf der dänischen Insel Lolland eine Elfenbeinmöwe gesichtet wurde. Hunderte entzückte Menschen pilgerten auf die kleine Insel, um den Vogel leibhaftig zu sehen. Als Hobby-Ornithologen 1972 im etwas weiter südlich gelegenen deutschen Dörfchen Kellinghausen eine tote Elfenbeinmöwe fanden, wurde der Vogel flugs ausgestopft und ist seither im Landesmuseum für Naturkunde in Münster zu bestaunen. Wir sehen: Alle paar Jahre fliegt zwar eine Elfenbeinmöwe gen Süden, nach Schottland vielleicht oder bis nach New York. Aber das sind so grosse Ausnahmen, dass man solcherlei «Wandervögel» in Ornithologendeutsch als Irrlinge bezeichnet. Denn die Elfenbeinmöwe lebt an der Packeisgrenze. Und weil sich diese im Verlauf der Jahreszeiten nach Süden ausdehnt und wieder nach Norden zusammenzieht, muss im Spätsommer schon bis nahe zum Nordpol hochfahren, wer die Vögel in freier Wildbahn beobachten will. Schon der Süden Grönlands ist ihnen viel zu warm. Das ist der Grund, warum die Elfenbeinmöwe zu denjenigen Vögeln gehört, über die wir bis heute am wenigsten wissen. Fangen wir also, wie immer in solchen Fällen, beim guten alten Alfred Brehm an, der 1882 im sechsten Band von «Brehms Thierleben» notierte: «Wie alle hochnordischen Vögel ist sie sehr einfältig und leicht zu fangen, denn sie kennt die Gefährlichkeit des Menschen nicht.» Weiter zitiert Brehm seinerseits den dänischen Vogelforscher und Zeitgenossen Carl Peter Holboell: «..., ja, ein Grönländer, welcher mir eine junge [Elfenbeinmöwe] brachte, erzählte mir, er habe sie dadurch geködert, dass er seine Zunge hervorstreckte und bewegte, worauf er sie mit seinem Ruder erschlug.» Solcherlei Vermenschlichung von Tieren ist heute natürlich inakzeptabel. Das Totschlagen sowieso. Aber mit gebührender Distanz ist es heiter zu lesen, wenn Brehm erzählt, wie Elfenbeinmöwen in Gruppen um Atmungslöcher der Robben herum stehen und warten, bis diese auftauchen: «Es scheint dann wirklich, als ob sie, um einen runden Tisch sitzend, Rath hielten», weshalb man ihnen auch den Namen Ratsherr gegeben habe. Ihre Nester in den steilen Felsklippen beschreibt er als «kunstlos und ohne Zusammenhang». Etwas präziser hatte der deutsche Seefahrer Friederich Martens schon hundert Jahre vor Brehm herausgefunden, dass sich die Elfenbeinmöwe im Gegensatz zu allen anderen arktischen Vögeln niemals auf dem Wasser treiben lässt, sondern immer auf einer Eisscholle oder auf dem Packeis landet. Flugrouten zweier Individuen: Sie legen weite Strecken zurück. 60 PolarNEWS

Heute gehen Wissenschaftler nüchterner und akribisch vor. Zum Beispiel so: 2007 untersuchten Wissenschaftler von Instituten mehrerer Nationen die Dicke der Eierschalen und verglichen die Messungen mit Berichten aus dem frühen 20. Jahrhundert. Ergebnis: Die Schalen haben bis zu 17 Prozent an Dicke verloren. Der vermutete Grund: langlebige Umweltgifte wie PCB und DDT, die sich in den Vögeln anreichern. Der Beweis: Seit Norwegen DDT verboten hat, ist die Dicke der Eierschalen wieder auf das natürliche Ausmass angewachsen. Wann Elfenbeinmöwen zum Beispiel die Geschlechtsreife erreichen und wie sie sich paaren, weiss niemand so genau. Man hat aber beobachtet, dass ihre Populationen in den letzten Jahren drastisch abgenommen haben. In der kanadischen Arktis um 80 Prozent in den vergangenen 20 Jahren. Auch auf Spitzbergen und in Südgrönland sind sie inzwischen fast völlig verschwunden. Man schätzt heute die Population auf weltweit zwischen 19’000 und 27’000 Tiere. Vom Aussterben bedroht Der Grund für das dramatische Verschwinden ist unter anderem der Klimawandel, denn der schafft den schneeweissen Möwen ernsthafte Probleme: Sie brüten in den nördlichsten Inseln von Russland, Europa und Kanada, also am südlichen Rand der Arktis. Ihre Nahrung holen sie sich aber an der Eiskante. Und weil diese wegen des Klimawandels immer mehr nach Norden zurückschmilzt, werden die Distanzen zur Futterbeschaffung so gross, dass sich am Ende das Brüten nicht mehr lohnt oder die Jungvögel verhungern. Die Elfenbeinmöwe wurde deshalb auch schon der Dodo des 21. Jahrhunderts genannt nach dem gleichnamigen flugunfähigen Vogel, von dem man bei seiner Ausrottung um 1690 nicht viel mehr wusste, als dass man ihn essen konnte. Die internationale Vogelschutz- Organisation Bird Life International setzte die Elfenbeinmöwe deshalb schon vor Jahren auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten. Kadaver auf dem Speiszettel: Hier der Blubber eines toten Wals. Permanent auf Sendung Die Groupe de Recherches en Ecologie Arctique (Grea) beringt und besendert deshalb seit 2003 Elfenbeinmöwen auf Grönland – und hat dabei 20 bisher unbekannte Brutplätze entdeckt. Die mit Satellitensendern ausgerüsteten Vögel liefern den Forschern ausführliche Daten über ihr Flug- und Zugverhalten. So hat man zum Beispiel herausgefunden, dass sich das Männchen und das Weibchen beim Brüten ablösen: Während der eine Partner auf den Eiern sitzt (in der Regel zwei), legt der andere während zwei bis drei Tagen bis zu mehr als 400 Kilometer auf Futtersuche zurück (sie fressen Fische, Robben-Exkremente und -Kadaver). Nach der Brutzeit (24 Tage brüten und weitere 30 Tage, bis die Jungen flügge sind) bleiben sie an der Eiskante und wandern mit ihr im Sommer nach Norden und wenn es wieder kälter wird nach Süden. So führt sie der Winter zurück ans arktische Festland. In der Zeit von Juli bis Dezember legten einzelne Vögel insgesamt über 50’000 Kilometer zurück. Bilder: Jomilo75, Grea, Flickr Die Jungtiere tragen schwarze und braune Sprenkel im Gefieder. Viele offene Fragen Viel weiter ist die Forschung noch nicht gekommen. Es gibt also noch viel zu tun. Wer diese seltenen Tiere live zu sehen bekommt, kann auch als Laie feststellen: Das Gefieder der Jungtiere ist mit braunen und schwarzen Flecken gesprenkelt, insbesondere um den Schnabel herum. Erst, wenn die Jungvögel erwachsen sind, kriegen sie ihr schneeweisses Gefieder, denen sie ihren Namen verdanken: Pagophila eburnea, Elfenbeinmöwe. PolarNEWS 61

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