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PolarNEWS Magazin - 17 - D

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Startklar: Im Eiltempo

Startklar: Im Eiltempo füllen Helfer den Trichter mit neuen Pellets auf, die der Helikopter-Pilot auf der Insel verteilt. gebiet könnte in den nächsten Jahren grösser werden, denn der Klimawandel kann den Ratten neue, bisher unbewohnte Gebiete eröffnen. Südgeorgien wird von zwei hohen Gebirgsketten beherrscht, von denen aus grosse Gletscher die Insel durchschneiden. Die Berge und das Eis wirkten bisher wie natürliche Barrieren, die verhindern, dass sich die Ratten weiter ausbreiten. Aufgrund dieser speziellen geographischen Verhältnisse konnten sich zwar nur lokale Populationen der Nager etablieren, der Schaden blieb auf diese Gebiete beschränkt. Aber wegen der Klimaveränderungen ziehen sich die Gletscher auf Südgeorgien massiv zurück und machen den Ratten bisher geschützte Gebiete zugänglich. Die Zeit drängt, denn die Ratten sind bereits unterwegs. Zum Beispiel auf Saddle Island, einer Insel an der westlichen Spitze von Südgeorgien und rund 300 Meter von der Hauptinsel entfernt: Eine 1984 durchgeführte Zählung ergab eine grosse Zahl von endemischen Südgeorgien-Riesenpiepern, dem südlichsten Singvogel der Welt, und keine einzige Ratte. Bei einer erneuten Zählung 2006/07 wurde kein einziger Vogel mehr gefunden, aber eine grosse Zahl an Ratten. Insgesamt sind auf ganz Südgeorgien bereits rund 90 Prozent der Riesenpieper wegen den Ratten verschwunden. Weitere Vogelarten zeigen ähnliche Tendenzen. Die Lage ist dramatisch. Der Retter naht Ein grosses Gebiet rattenfrei zu machen, ist schon ein schwieriges und kostspieliges Unterfangen. Dies auf einer Insel durchzuführen, die mehr als 2000 Kilometer von jeglichem Festland entfernt ist und in einer der klimatisch schwierigsten und windigsten Regionen der Welt liegt, grenzt schon an ein Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem hat sich jemand bereit erklärt, den Ratten und Mäusen auf Südgeorgien den Kampf anzusagen: der South Georgia Heritage Trust (SGHT). Diese im Jahr 2005 ins Leben gerufene Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, sowohl die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt Südgeorgiens wie auch das geschichtliche Erbe der Insel für die Weltgemeinschaft zu schützen und zu bewahren. Sie wird von einer internationalen Gruppe verwaltet, unter anderem von Frederik Paulsen (siehe Interview in PolarNEWS Nummer 15). Weiter steht sie unter dem Patronat ihrer königlichen Hoheit Prinzessin Anne und weiteren Persönlichkeiten wie dem bekannten Dokumentarfilmer Alastair Fothergill («Der blaue Planet», «Eisige Welten»). Ihr 2009 ins Leben gerufene «South Georgia Habitat Restoration Project» ist das grösste und ambitionierteste Projekt dieser Art weltweit: Über einen Zeitraum von fünf Jahren sollen 1093 Quadratkilometer teilweise unzugängliches Gelände von Ratten befreit werden. Kostenpunkt: rund 7,5 Millionen Pfund, umgerechnet rund 8,7 Millionen Euro. Die Finanzierung des grossangelegten Projekts ist entsprechend aufwändig. Denn das Geld, das Südgeorgien mit seinen Einnahmen aus Fischerei lizenzen, Tourismus, Forschung und staatlichen Zuschüssen erhält, würde nicht genügen. Hoch effizient: Brodifacoum Leiter des «South Georgia Habitat Restoration Project» ist Professor Tony Martin von der Universität Dundee. Als Experte für Wildtierschutz bringt er seine grosse Erfahrung ein. «Meine Aufgabe wird es sein, die hinterste und letzte Ratte zu erlegen, ohne dass andere Tiere allzu grossen Schaden nehmen», sagt er gegenüber PolarNEWS und spricht damit eine der grössten Herausforderungen des «South Georgia Habitat Restoration Project» an: Wie rottet man die Ratten und Mäuse aus, ohne dass dabei der Rest der Tierwelt einen Schaden davonträgt? Dass Tony Martin nicht einfach auf konventionelle Bekämpfungsmassnahmen zurückgreifen kann, liegt auf der Hand: Fallen sind zu wenig effizient, und Gift kann nicht einfach ausgestreut werden: einerseits wegen 48 PolarNEWS

Zwischenstand: Diese Gebiete auf Südgeorgien werden in der Phase 2 «behandelt». der Unzugänglichkeit des Geländes, anderseits zum Schutz der Vögel. Zudem sind Ratten sehr schlau und vorsichtig, was ihre Ernährung betrifft: Entdeckt eine Rattengruppe eine neue Futterquelle, schickt sie einen Vorkoster voraus. Überlebt dieser den nächsten Tag, gilt die Futterquelle als sauber. Stirbt aber der Vorkoster, wird die Futterquelle von der ganzen Gruppe gemieden. Kommt hinzu: Was passiert mit den Ratten, wenn sie erst mal tot sind? Die Lösung des Problems kommt aus Neuseeland, wo man bereits grosse Erfahrung mit ähnlichen, kleineren Projekten hat: Auf Getreidebasis hergestellte und mit Brodifacoum, einem Nagetiergift, versetzte Köder in Form von Pellets. Dieses Gift löst schon in geringer Dosis innere Blutungen aus, indem es die Gerinnung des Blutes hemmt. Die Wirkung tritt jedoch nicht sofort ein, sondern erst nach vier bis fünf Tagen. So bringen die Ratten den Verzehr des Köders nicht in Verbindung mit der Vergiftung. Ausserdem ist Brodifacoum nicht wasserlöslich und zerfällt nach einer Weile in harmlose Bestandteile, die keinen weiteren Schaden in der Umwelt anrichten können. Weiter macht das Gift die Ratten stark lichtempfindlich, so dass sie den Bau nicht mehr verlassen können und dort sterben – womit der Kadaver auch gleich «entsorgt» ist. Dies schützt aasfressende Vögel wie Riesensturmvögel, Scheidenschnäbel und die endemische Südgeorgien-Spiessente vor den vergifteten Kadavern. Damit keine anderen Vögel die Köder fressen, wurden die Köder zusätzlich blau eingefärbt. Dies schreckt die Vögel vor dem Verzehr ab, sie fressen auch keine blauen Blumen. Den Ratten spielt die Farbe ihres Futters hingegen keine Rolle. Das Gift wurde von der US-amerikanischen Firma Bell Laboratories in Madison, WI entwickelt und bereits in anderen Rattenbekämpfungsprogrammen weltweit erfolgreich angewandt, unter anderem im Jahr 2001 auf der neuseeländischen Insel Campbell, bis dahin das grösste Projekt gegen eine Rattenplage. Logistische Herausforderung Diese Frage wäre also geklärt. Jetzt kommt erst das richtig grosse Problem: Die Logistik. Südgeorgien liegt mitten im Südpolarmeer und kann nur mit Schiffen erreicht werden. Auch im Sommer ist die Insel immer noch zu 75 Prozent mit Eis und Schnee bedeckt. Die meisten eisfreien Gebiete sind hügelig bis bergig und schwer zugänglich. Strassen sucht man auf der Insel vergeblich, Helikopter sind nötig. Zum Aufbau der Infrastruktur sind deshalb vor Beginn der Ausführungsphase genaue Pläne erstellt worden. Das Basislager wurde in Grytviken errichtet, dem einzigen bewohnten Ort in Südgeorgien. Schiffe der British Antarctic Survey (BAS), die hier eine wissenschaftliche Station betreibt, bringen Mensch und Material von den Falklandinseln auf die Insel. Das Projekt wird über mehrere Jahre durchgeführt, da jeweils nur ab Februar operiert werden kann. Zum einen deshalb, weil dann die Brutzeit der meisten Seevögel zu Ende ist und sie die Insel verlassen. Zum anderen, weil die Ratten dann auf Nahrungssuche für den herannahenden Winter sind. Der Februar ist aber auch die Zeit rascher Wetterwechsel, die Winde wehen beinahe konstant aus verschiedensten Richtungen. Für Helikopterflüge sind dies alles andere als ideale Bedingungen. Es braucht sehr erfahrene Piloten und Maschinen, um das Projekt erfolgreich durchführen zu können. Glücklicherweise kann man auch hier auf die Hilfe aus Neuseeland zählen. Um die Köder effizient zu verteilen, werden Spinner-Trommeln unter den Helikoptern angehängt. Die Öffnung der Trommeln rotiert dabei und wirft die Köder 40 Meter auf jeder Seite der Flugroute ab. Ein einfaches, aber wirkungsvolles System. Erste Erfolge Im März 2011 begann die erste Phase des Projekts im Gebiet um Grytviken. In nur 26 Tagen verteilte ein Team aus elf Leuten Bedroht: Ratten haben die Bestände der Südgeorgien-Spiessente (links) und der Südgeorgien-Riesenpieper massiv reduziert. PolarNEWS 49

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