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PolarNEWS Magazin - 17 - D

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12. Juli 1894: Forschung

12. Juli 1894: Forschung ausserhalb des Schiffes. Expeditionsleiter Fridtjof Nansen persönlich liest die Daten des Temperaturmessers. Das Schiff steuerte entlang der russischen Nordküste bis vor die Neusibirischen Inseln und von dort geradewegs ins Eis, wo die «Jeannette» untergegangen war. Ende September war die «Fram» eingefroren. Jetzt helfe ihnen Gott. Aber das war nicht nötig. Zwar driftete die «Fram» entgegen allen Erwartungen zuerst nach Osten statt nach Westen, die Strömung kehrte dann aber nach ein paar Wochen, und das Schiff trieb Richtung Grönland. Im Dezember überstand die «Fram» den ersten Packeis-«Angriff». Lange Weile an Bord Nansen schrieb in sein Tagebuch: «Eines Nachmittags, als wir müssig schwatzend herumsassen, begann plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm, das Schiff bebte in allen Fugen. Der erste Eisdruck! Alles stürzte an Deck, um dieses Schauspiel mitanzusehen. Die ‚Fram’ benahm sich grossartig. Das Eis drückte, musste aber nach unten ausweichen und hob uns langsam in die Höhe.» Nun konnte endlich so etwas wie ein Alltag an Bord einkehren. Und der war: langweilig. Der Borddoktor gab zwar die schiffseigene Zeitung «Framsjaa» heraus, es gab Werkstätten für alle Arten von Schiffsarbeit. Jeder Geburtstag, jeder Feiertag und sämtliche Nationalfeiertage wurden mit einem Festessen zelebriert. Aber die Männer taten vor allem eines: abwarten. Und Tee trinken. «Die Leute sind inzwischen so gleichgültig geworden, dass sie beim stärksten Donnern und Krachen nicht einmal aufschauen», notierte Nansen in sein Tagebuch. Auch ihm selber wurde die Eiswüste öde: «Oh, wie habe ich deine kalte Schönheit satt. Lass mich wieder heimkehren, als Eroberer oder Bettler, das ist mir gleich, aber lass mich wieder heimkehren.» Der Winter verging, der Sommer verstrich, der nächste Winter brach an. Auf Höhe des 84. Breitengrades machten die Messungen des Navigators immer klarer, dass das Schiff im besten Sinne des Wortes von der gewünschten Route abdriftete. Irgendwann war allen klar, dass die «Fram» nicht über den Nordpol treiben wird. Das war ja nicht so schlimm, denn das primäre Ziel der «Fram» war Grönland. Aber wo Nansen schon so nahe am Nordpol war wie noch kein Mensch zuvor, wollte er unbedingt die knapp 500 Kilometer bis zum Pol auch noch hinter sich bringen. Er entschied sich deshalb, zusammen mit einem Besatzungsmitglied das Schiff zu verlassen, zu Fuss zum Nordpol zu gehen und sich dann nach Franz-Joseph-Land durchzuschlagen. Das Vorhaben war so wagemutig wie tolldreist, denn er hatte nicht den blassesten Schimmer, was ihn da draussen erwarten würde. Der Sportler und Wissenschaftler Fredrik Hjalmar Johansen anerbot sich, Nansen zu begleiten. Vorstoss zum Nordpol Am 14. März 1895, die «Fram» lag auf Höhe von Franz-Joseph-Land, gingen die beiden von Bord. Im «Gepäck»: drei Schlitten, zwei Kajaks, ein Zelt, Proviant für 100 Tage und 27 Hunde. Nansen schrieb: «Hinein ging es in das Unbekannte, das wir mit unseren Hunden monatelang durchstreifen wollten.» Fünfzig Tage rechneten Nansen und Johansen bis zum Pol. Nach 26 Tagen gaben sie auf. Die Fussreise war zu beschwerlich geworden. Das Eis driftete ihnen entgegen, die zu überwindenden Packeis-Hügelketten wurden immer höher und gefährlicher. Lieber lebend nach Hause als tot im Eis. Immerhin: Sie erreichten 86 Grad 13 Stunden 40 PolarNEWS

6 Minuten nördliche Breite. Das war am 8. April 1895. So nahe am Nordpol war noch nie ein Mensch zuvor. Auf dem Rückmarsch nahm ein weiterer Grund, weshalb die beiden sich zur Umkehr entschlossen hatten, immer dramatischere Formen an: Der Sommer brach an und machte mit seinen warmen Temperaturen das Eis weich und unsicher. Wochen- und monatelang schleppten sich die beiden durch knietiefen Schneematsch. Die Hunde brachen vor Erschöpfung zusammen. Nansen beschloss, die schwächsten Tiere zu töten und an die anderen zu verfüttern. Dummerweise vergassen eines Tages beide, ihre Uhr aufzuziehen. Ein fataler Fehler, denn die Zeit beziehungsweise die Stellung der Uhrzeiger war damals zwingend nötig, um die exakte Position zu bestimmen. Nun konnten sich die Helden nur noch mit dem Kompass orientieren, was bedeutete, dass sie bloss noch ungefähr in die richtige Richtung liefen. Und das Eis war inzwischen so weich und aufgebrochen, dass sie oft von Eisscholle zu Eisscholle hüpfen oder paddeln mussten. Rettendes Land Auch wenn der Proviant längst aufgegessen war – Hunger litten die beiden nicht. Denn mittlerweile waren sie bis in den Lebensraum der Robben zurückgekehrt. Und damit auch in das Gebiet der Eisbären. Eines Tages attackierte ein «riesiger Bär» den ahnungslosen Johansen. Nansen konnte das Tier im allerletzten Moment erschiessen. «Gerade als der Bär im Begriff gestanden hatte, Johansen in den Kopf zu beissen, hatte er diese denkwürdigen Worte ‚du musst dich sputen’ ausgesprochen», erzählte Nansen später. Am 7. August, 145 Tage nach dem Abschied von der «Fram», betraten Nansen und Johansen endlich Festland an der Nordküste von Franz-Joseph-Land. Die beiden hatten allerdings nicht die leiseste Ahnung, welches Land das war. Nansen taufte diesen kostbaren Flecken Erde zu Ehren seiner Frau Eva-Liv Eva’s Island. Von den 27 Hunden war keiner mehr übrig geblieben. Noch einmal überwintern Nun waren die beiden zwar aus dem Gröbsten heraus, aber ihre Reise war noch lange nicht zu Ende. Denn zwar machten sich die beiden zu Fuss und per Kajaks auf nach Süden, aber der kurze Sommer neigte sich dem Ende zu. Sie beschlossen deshalb Ende August, als sie die Jackson-Insel erreicht hatten, zu überwintern. Weitere neun Monate lang harrten die beiden in einer aus Steinen, Moosen und Tierhäuten gebauten Hütte aus. Es war ihr dritter arktischer Winter. «Wir versuchten, eine Art Winterschlaf zu halten, und brachten es in dieser Kunst so weit, dass wir manchmal von 24 Stunden 20 verschliefen», notierte Nansen in sein Tagebuch. Zu Hause in Norwegen galten Nansen und Johansen seit längerem als vermisst. Am 19. Mai, man schrieb inzwischen das Jahr 1896, brachen die Überlebenskünstler wieder auf in Richtung Süden. In der Hütte hinterliessen sie eine Nachricht: «Wir gehen nach Südwesten, der Landmasse folgend, um nach Spitzbergen zu gelangen.» Nur für den Fall, dass man sie suchte. Vier Wochen waren sie unterwegs. Nansen überlebte unterwegs knapp eine Walross- Attacke, Johansen schwamm eines Abends todesverachtend den Kajaks hinterher, die schlecht vertäut und abgetrieben waren. Aber sie lebten. Am 17. Juni hörte Nansen aus dem Nichts einen Hund bellen. Eine akustische Fata Morgana? Ein Wunschtraum? Nein: Das musste ein echter Hund sein. Nansen rief nach ihm – und erhielt Antwort von einem Menschen! «Mein Herz klopfte zum Zerspringen, das Blut stieg mir ins Gehirn, als ich den Hügel hinaufeilte und mit der ganzen Kraft meiner Lungen ‹Hallo› rief.» Es war Frederick George Jackson, der zurückgerufen hatte: Der Engländer hatte sich wenige Jahre zuvor als Mitglied der «Fram»- Expedition beworben, wurde aber von Nansen abgewiesen. Jackson unternahm deshalb eine eigene Expedition, er wollte Franz- Joseph-Land kartografieren. Nun wurde er zum Retter des «Fram»-Expeditionsleiters und seines Begleiters. Fünf Wochen verbrachten Nansen und Johansen in Jacksons Basislager auf Kap Flora, bevor sie mit dem Versorgungsschiff «Winward» zurück nach Norwegen fahren konnten. Am 13. August 1896 erreichten sie den Hafen von Vardø. Ruhm und Ehre waren ihnen sicher. Nansen kehrte als Eroberer heim. Fälschlicherweise verbreiteten einige Zeitungen die Nachricht, Nansen sei am Nordpol gewesen. 1895: Wenn an den Aussenwänden zu viel Eis gefroren war, mussten die Männer das Schiff freipickeln. Eisbären waren dabei eine ständige Gefahr (7.5.1896). PolarNEWS 41

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