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PolarNEWS Magazin - 17 - D

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Arbeitsbeginn um halb

Arbeitsbeginn um halb neun. Mittagessen um halb eins, Abendessen um halb sieben. Und die Arbeit... ...passierte verhältnismässig oft am Schreibtisch. Im Vergleich zu früheren Überwinterungen hatten wir den grossen Luxus, dass inzwischen mit Messgeräten gearbeitet wird, die ihre Daten direkt per Funk zur Station übermitteln. So mussten wir nicht raus, um Daten ab- oder auszulesen. Dabei stellt man sich doch Forscher immer im Freien vor, verwegen Wind und Wetter trotzdend. Oh, wir waren sehr wohl auch draussen. Zu meinen festen Aufgaben gehörte es unter anderem, jeden zweiten Tag geomagnetische Messungen in einer kleinen Aussenstation eineinhalb Kilometer von Neumayer III in einem Labor 13 Meter unter dem Eis durchzuführen und auszuwerten – und zwar bei jedem Wetter. Zweimal mussten wir auch eine sogenannte Traverse zu unseren seismologischen Aussenstationen durchführen. Diese sind zwischen 80 und 110 Kilometer von der Station entfernt. Dort mussten wir routinemässig Seismometer, Datenlogger und Funkmodems kontrollieren. Zudem erledigten wir dort Wartungsarbeiten wie das Ausbuddeln von eingeschneite Messgeräten, die bis zu drei Meter von Schnee bedeckt waren. Oder Solar- und Windkraftanlagen reparieren. Da wir mit einem Pistenbully unterwegs waren, der bei unserer grossen Beladung nur mit 12 Stundenkilometern fahren konnte und die durchzuführenden Arbeiten oft recht aufwändig waren, dauerte eine solche Tour meistens sechs bis neun Tage. Alleine die Fahrt von Neumayer III bis zur ersten Messstation dauerte neun Stunden. Wo haben Sie dann übernachtet? In einer sogenannten Biwakschachtel, einem umgebauten Seefrachtcontainer, den wir auf einem Schlitten mit dem Pistenbully hinter uns her gezogen haben. Das waren die Momente, in denen es richtig abenteuerlich wurde: Man ist unterwegs und hat um sich herum nur flaches Eis, so weit das Auge reicht. Oben: Das wichtigste Werkzeug in der Antarktis bleibt die Schaufel – hier beim Eingraben einer Pinguin-Kamera. Mitte: Mit neun Mann Besatzung ist der Betrieb der Station Neumayer III gewährleistet. Unten: Auf Traverse: mit einem Gespann aus Werkzeugschlitten und Schlafunterkunft reisen 4-5 Personen zu den entlegenen geophysikalischen Aussenposten der Neumayer-Station. 34 PolarNEWS

Wie kamen Sie mit der Kälte klar? Das Arbeiten im Freien war schon recht unangenehm, zumal filigrane Arbeiten mit den klobigen Handschuhen recht mühsam waren. Beim Schneeschaufeln wurde es dafür richtig schön warm. Die Kälte allein war nicht so schlimm, bei minus dreissig Grad kann man locker ein paar Stunden im Freien arbeiten, es ist ja eine sehr trockene Kälte. Schwierig wurde es erst mit dem Wind: Der kühlte uns schnell aus. Was wird auf Neumayer erforscht? In der Geophysik registrieren wir in erster Linie weltweite Erdbeben und führen geomagnetische Messungen durch. Mit den Erdbebenmessungen verifizieren wir einerseits die Daten, die von eventuellen anderen Stationen gesammelt wurden – damit ein Beben sicher lokalisiert werden kann, muss es an möglichst vielen Orten auf der Welt gemessen werden. Anderseits liefern unsere Resultate Einblicke in die unterliegende Struktur der Antarktis und der Erde allgemein. Zudem fliessen diese Daten in globale Erdmodelle ein. Mit den Geomagnetik-Messungen erfassen wir die Richtung und Stärke des Erdmagnetfeldes. Dies ist in erster Linie Grundlagenforschung und hilft uns daher, globale Zusammenhänge zu verstehen. Andere Wissenschaftler an Neumayer haben die chemische Zusammensetzung der Luft gemessen oder aufwändige Wetterbeobachtungen durchgeführt und protokolliert. Diese Messungen fliessen in eine nun über 30 Jahre durchgeführte Langzeitmessreihe des Wetters und der Luftzusammensetzung in der Atka-Bucht mit ein. So werden Studien des Klimawandels in der Antarktis möglich. Keine neuen Erkenntnisse? Das ist nicht das primäre Ziel. Es geht vielmehr darum, Langzeit-Erhebungen sicherzustellen und mit den gewonnenen Daten globale Modelle zu entwickeln, aus denen sich nach und nach Erkenntnisse herauskristallisieren. Wie gesagt: Das war bereits die 32. Überwinterung auf Neumayer. Während der Wintermonate war das Team ganz auf sich allein gestellt? Genau. Keine Versorgungsflüge, kein Schiff. Während des antarktischen Winters von März bis Oktober konnten wir mit keinerlei Hilfe von aussen rechnen. Der Arzt wäre zum Beispiel bei einem aufgebrochenen Blinddarm auf sich alleine gestellt gewesen. Wie kamen Sie mit der langen Dunkelheit zurecht? Wesentlich besser, als ich befürchtet hatte. Von Mitte Mai bis Mitte Juli war es sechs Wochen lang dunkel. Das heisst, wir hatten jeden Tag drei bis vier Stunden Dämmerungslicht, ohne dass die Sonne am Firmament auftauchte. Dann war die Stimmung in der Landschaft jeweils besonders schön und faszinierend. Man ist in diesen Wochen zwar ein bisschen müder und träger, wie bei uns im Winter. Aber letztlich hatte niemand im Team Probleme mit der Dunkelheit. Alle haben diese Zeit als sehr schön empfunden. Wie war das Team? Man kann sich das wie eine grosse Familie vorstellen: Es gibt Tage, an denen alle miteinander glückselig sind, und es gibt Tage, an denen man sich wegen Kleinigkeiten in die Haare gerät. In einer Situation wie der unsrigen war es sehr hilfreich, dass wir immer gemeinsam gegessen haben. Am Tisch haben wir immer Lösungen gefunden, die für alle akzeptabel waren. Und am Dienstagabend hielten wir immer eine Teamsitzung ab. Ich glaube, wir waren ein sehr gutes Team. Nie Zoff gehabt? Wenn wir uns stritten, hatte das mit Arbeit zu tun. Als Überwinterer war es unter anderem unsere Aufgabe, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und Medienanfragen über unsere Arbeit im Eis zu beantworten. Darunter waren auch Anfragen von Zeitungen, die nicht bei allen Gruppenmitgliedern den gleichen Stellenwert hatten, so dass es in diesen Situationen zu Diskussionen kam, ob wir überhaupt an einer Berichterstattung teilnehmen wollten. Das war nicht anders als im Büro zu Hause. Ansonsten debattierten wir über Kleinigkeiten, die vor allem damit zusammenhingen, dass wir vom Rest der Welt abgeschnitten waren. Zum Beispiel darüber, was wir zu Weihnachten kochen wollten. Kriegte niemand den Koller? Nein. Wir wussten, worauf wir uns eingelassen hatten. Wir wussten auch, dass unser Einsatz zeitlich begrenzt blieb. Und wir waren vor allem total begeistert darüber, in dieser umwerfend schönen Landschaft leben und arbeiten zu dürfen. Hatten Sie viel Freizeit? Wenn alles glatt lief, hatten wir viel Freizeit. Wenn es aber irgendwelche Messfehler oder andere Probleme gab, schrumpfte die Freizeit gegen Null. Im Grunde waren wir 24 Stunden täglich auf Pikett, weil wir ja durchgehend die konstanten Messungen sicherstellen mussten – die wenigsten Messgeräte funktionieren tadellos bei minus vierzig Grad... Das war unsere allererste Aufgabe. Sie haben in ihrer freien Zeit vor allem fotografiert. In jeder freien Minute! Dass ich in der Antarktis fotografieren konnte, gab ja letztlich den Ausschlag, dass ich diesen Job angenommen habe. «Während des antarktischen Winters von März bis Oktober konnten wir mit keinerlei Hilfe von aussen rechnen» Hatten Sie einen Plan? Da ich 14 Monate dort war, konnte ich zum Beispiel einen ganzen Jahreszyklus der Kaiserpinguine in Bildern festhalten, von der Eiablage bis die Jungen ins Meer gingen. Das ist auf der Welt wohl ziemlich einzigartig. Ich habe versucht, den Lebensraum der Tiere so darzustellen, als wäre ich ein Teil davon. Und ich wollte natürlich diese unglaubliche Weite und Leere der Antarktis erfassen. Aber auch die Südpolarlichter, sternenklare Nächte, Weddellrobben, Skuas, einfach alles, was mir vor die Linse kam. Insgesamt habe ich mehr als 15’000 Bilder geschossen. Wie gingen Sie vor? Irgendwann hatte ich das Gespür dafür entwickelt, welche Wetterlagen ideal zum Fotografieren waren und welches Licht die besten Bilder ergab. So kombinierte ich den Rhythmus der Natur mit den neusten Daten unseres Meteorologen und war draussen am Fotografieren, wann immer es möglich war. In einem Radius von einem Kilometer rund um die Station durften wir uns alleine bewegen. Wenn wir weiter weg gingen, was meistens der Fall war, mussten wir uns regulär abmelden und mindestens zu zweit sein, damit im Falle eines Falles einer von beiden Hilfe holen konnte. Abgesehen davon: Gemeinsam frieren war immer um einiges schöner, als alleine vor Kälte zu zittern. Meistens konnte ich den Funker oder den Arzt überreden, schon um vier Uhr morgens mit mir rauszufahren. PolarNEWS 35

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