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PolarNEWS Magazin - 17 - D

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Interview Der Sammler

Interview Der Sammler Vierzehn Monate lebte Stefan Christmann als Forscher auf der Antarktis-Station Neumayer III. Wann immer es die Arbeit erlaubte, fotografierte er alles, was ihn beeindruckte. Interview: Christian Hug Bilder: Stefan Christmann Sie haben für Ihre Diplomarbeit Technik fürs Weltall entwickelt – wie kamen Sie da ausgerechnet auf die Antarktis? Einerseits fotografiere ich leidenschaftlich und war immer angetan von den einzigartigen Landschaften der Antarktis: Für mich war es immer klar, dass ich einmal im Leben die Antarktis selber erleben und fotografieren wollte. Anderseits überwinterte ein Uni- Kollege von mir 2005 auf der Neumayer- Station. Als ich im November 2010 seinen Vortrag darüber besucht hatte, war für mich klar: Das wollte ich auch. Der Kollege machte mich dann darauf aufmerksam, wie ich auf die Neumayer-Station komme. 32 PolarNEWS

Vor jedem Ausflug informierte sich Stefan Christmann beim Meteorologen über Auf- und Untergangszeiten von Mond und Sonne. Und wie? Auf der Internetseite des Alfred-Wegener- Instituts AWI in Bremerhaven war im Januar 2011 die Ausschreibung für die Rekrutierung des Teams zur 32. Überwinterung postiert – man sucht für jedes Jahr eine komplett neue Mannschaft, unter anderem zwei Geophysiker. Da habe ich mich ganz regulär beworben. Ich wurde zu einem Bewerbungsgespräch nach Bremerhaven eingeladen und kriegte im April positiven Bescheid. Warum hat man sich für Sie entschieden? Das weiss ich nicht. Es gab relativ viele Bewerbungen. Ich kenne mich halt gut aus in Elektronik, kann viele Programmiersprachen und bin ein guter Teamplayer... Ich denke, das waren dann auch die Kernkompetenzen, die mir in meinem Job an Neumayer am meisten weitergeholfen haben. Wie hat Ihre Freundin Teresa reagiert? Sie musste natürlich zweimal leer schlucken. Ich übrigens auch – wir würden uns ja ein ganzes Jahr nicht sehen und nur telefonieren oder emailen können. Aber wir beschlossen, auf die Zähne zu beissen und das durchzuziehen. Hat ja auch bestens geklappt. Wozu haben Sie sich genau verpflichtet? Der Arbeitsvertrag läuft über zwei Jahre: Vier Monate Vorbereitungskurse, vierzehn Monate in der Antarktis, sechs Wochen Nachbearbeitung und der Rest ist Urlaub. Um das gleich zu klären: Was muss man sich unter Nachbearbeitungszeit vorstellen? Da werden zu Hause die ganzen Daten, die wir in der Antarktis genommen haben, in entsprechende Datenbanken eingepflegt. Wir dokumentieren abschliessend unsere Arbeit und unsere Ergebnisse. Zudem werden noch einmal alle von uns durchgeführten Arbeiten an Station in Form von Abschlussberichten und Log-Einträgen dokumentiert, damit unsere Nachfolger sich schnell in den Systemen an Station zurechtfinden. Das ist im Grunde Schreib- und Büro-Arbeit. Verdient man da gut? Das ist eine ganz normale Stelle im öffentlichen Dienst, die nach den üblichen Ansätzen entlöhnt wird. Plus Erschwerniszulage im Eis. Ich würde sagen: für einen Wissenschaftler recht gut bezahlt. Im Vergleich zur freien Wirtschaft aber regulär. Wie wurde das Team auf die Überwinterung vorbereitet? Im August 2011 absolvierten wir Gletscherkurse, wo wir lernten, uns sicher auf dem Eis zu bewegen und Verunfallte aus einer Gletscherspalte zu bergen. Danach trainierten wir in den Ötztaler Alpen zehn Tage lang, wie man mit einfachsten Mitteln Hütten baut, um in der Wildnis zu überleben. Dazu gab es jede Menge Rettungsübungen. In einem zweiten grossen Kursblock liess man uns quasi eine Feuerwehr-Grundausbildung angedeihen: Brandschutz, Brandlöschung, Personenrettung. Ein Brand auf der Station wäre die schlimmste Katastrophe. Und natürlich erhielten wir immer wieder Fachkurse zu unseren individuellen Arbeitsfeldern. Wie gross war das Team? Das Überwinterungsteam besteht immer aus neun Personen: zwei Geophysiker und einen Meteorologen, einen Luftchemiker, ein Ingenieur, ein Koch, ein Elektriker, ein Funker/IT-Experte und ein Arzt, der gleichzeitig Stationsleiter ist. Wir waren zwei Frauen und sieben Männer. Der Arzt ist traditionellerweise gleichzeitig der Stationsleiter. Warum? Weil der Doktor voraussichtlich am wenigsten zu tun hat. So bleibt ihm am meisten Zeit, die Führungsaufgaben und Korrespondenz mit Bremerhaven zu übernehmen. Das ist vor allem während der Sommermonate anspruchsvoll, wenn bis zu 60 Leute auf der Station einquartiert sind. Und dann gings endlich los... Ja, kurz vor Weihnachten 2011. Über Kapstadt zur russischen Station Novolazarevskaia und von dort zu Neumayer III. War Ihr erster Eindruck der Antarktis so, wie Sie sich das vorgestellt haben? Ich habe mir natürlich im Vorfeld viele Dokumentationen angeschaut, Bücher gelesen und meinem Uni-Kollegen Löcher in den Bauch gefragt, deshalb hatte ich eine recht gute Vorstellung dessen, was auf mich zukam. Aber als ich dann tatsächlich mitten in dieser riesigen, einzigartigen Landschaft stand, war ich einfach nur überwältigt. Alle von Team hatten ihr breitestes Grinsen im Gesicht, als wir zum ersten Mal vor der Neumayer-Station standen. Ich hatte ein bisschen Bammel wegen der Kälte, aber damit kam ich dann besser zurecht, als ich befürchtet hatte. Diese Station wurde erst vor vier Jahren in Betrieb genommen... Auf Bildern sah sie für mich immer aus, als hätte sie jemand ins Foto reingeshopt. Als ich das erste Mal vor ihr stand, hatte ich immer noch den Eindruck, als hätte sie jemand in die Landschaft gemalt. «Das ist eine ganz normale Stelle im öffentlichen Dienst» Und von innen? Sehr nüchtern, sehr modern. Fast wie in einem Institut einer Universität mit langen Gängen, links und rechts Büros mit Brandschutztüren. Das «Wohnzimmer» ist sehr schön eingerichtet mit Teppichboden und Plastikblumen, in einer Ecke ist die Hausbar mit Billardtisch. Es gibt eine Werkstatt und jede Menge Bücher und Filme. Und einen Sportraum, den wir draussen mit einer selbstangelegten Langlaufloipe ergänzt haben. Wie war Ihr Zimmer? Die Station ist aus Seefrachtcontainern zusammengesetzt, die untereinander zu grösseren Räumen verbunden sind und von der äusseren Hülle vor Wind und Wetter geschützt werden. Die Zimmer sind eigentlich Seefrachtcontainer, also wesentlich länger als breit und recht schmal. Während der Wintermonate, als wir nur zu neunt waren, hatte jeder ein Einzelzimmer. Im Sommer wurden daraus Zweier- und Viererschläge. Wie lief ein Arbeitstag ab? Wie ganz normale Bürotage, wobei wir immer gemeinsam assen: Frühstück um acht, Zur Person Fotografierender Forscher Stefan Christmann, 29, ist diplomierter Physiker und lebt mit seiner Freundin Teresa in der Nähe von Ulm. In seiner Diplomarbeit befasste er sich mit dem Design und der Entwicklung einer Datenreduktionselektronik für eine Röntgenkamera für die Raumfahrt. Während seines Aufenthalts als Forscher auf der Station Neumayer III von Dezember 2011 bis Februar 2013 fotografierte er die Tierwelt und die Landschaften der Antarktis. http://www.nature-in-focus.de http://www.facebook.com/christmann.photography PolarNEWS 33

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