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PolarNEWS Magazin - 17 - D

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Systemen arbeiten, die

Systemen arbeiten, die unterseeisch direkt auf dem Meeresboden stationiert sind. Der Grossteil der lokalisierten Lager befindet sich in Böden mit weniger als 500 Meter Meerestiefe. Und, und, und. Von der eigentlichen Bohrtechnologie haben wir noch gar nicht gesprochen: Die ist noch gar nicht so weit entwickelt, dass sie mit den geologischen Gegebenheiten in der Arktis zurechtkommt. Hinzu kommen die endlosen Schwierigkeiten bei der Erstellung der Logistik und der Infrastruktur. All das ist teuer. Immense Kosten • Der amerikanische ExxonMobil-Konzern arbeitet mit dem russischen Staatskonzern Rosneft an der Erschliessung von Erdölvorkommen in der westsibirischen Karasee. Zum Anfang sollen 3,2 Milliarden US-Dollar investiert werden, insgesamt könnten es bis zu 500 Milliarden werden. • Das britische Unternehmen Cairn suchte bis 2011 vergeblich nach Erdöl vor der Küste Grönlands – 750 Millionen Euro buchstäblich in den Sand gesetzt. • Shell hat in den letzten sieben Jahren für die Suche nach Erdöl und Erdgas in der Arktis 4,9 Milliarden Dollar ausgegeben, für 2013 sind 800 Millionen Dollar budgetiert. Bei so hohen Investitionen ist es ein kleiner Trost, dass der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedew im August 2012 ein Gesetzespaket präsentierte, das die Ölförderung in der Arktis steuerlich begünstigt. Russland will übrigens, um ihre bereits laufenden Förderprojekte vorwärts zu bringen, bis 2020 exakt 60 neue Bohrinseln produzieren für mehr als 60 Milliarden Dollar. Da erstaunt es nicht, dass Versicherungen extrem teuer sind. Entsprechend warnte die Londoner Versicherungsbörse Lloyds letztes Jahr vor einem unverhältnismässigen Kosten-Risiko-Verhältnis. Das Unternehmen schätzt, dass in den nächsten zehn Jahren insgesamt 100 Milliarden US-Dollar in der Arktis investiert werden. Und als erste internationale Bank hat die deutsche WestLB im Frühling 2012 sogar verkündet, dass sie ab sofort und grundsätzlich keine Projekte im Meer der Arktis mehr finanzieren werde. Auch wenn sie Mitglied des Arktischen Rates sind: Indigene Völker wie die Tschuktschen werden nur zu oft übergangen (oben). Die mobile Plattform «Kulluk» lief in Alaska auf Grund. Gefährliche Unfälle Der Entscheid der WestLB hängt unter anderem auch damit zusammen, dass wegen der äusserst schwierigen Umstände immer wieder Unfälle passieren. 30 PolarNEWS

• Im Dezember 2011 sank die mobile russische Bohrinsel Kolskaja im Ochotskischen Meer – 53 Arbeiter kamen dabei ums Leben. • Am 17. März 2012 wurde bei einer Bohrung in ölhaltiges Gestein vor der Nordküste Alaskas, durchgeführt von Royal Dutch Shell, ein unterseeischer Auffang-Trichter beschädigt – das Unternehmen musste abgebrochen werden. Das dazu gehörende Bohrschiff «Arctic Challenger» war in einem derart miserablen Zustand, dass die amerikanische Küstenwache das Schiff monatelang festsetzte. • Im Sommer 2012 löste sich beim Bohrschiff «Noble Discoverer» von Shell ein Anker. Das Monstrum trieb unkontrolliert im Meer und lief beinahe vor Unalaska auf Grund. Gegen Ende des Jahres zeigten sich technische Mängel am Bohrschiff. Und es entsprach nicht den Umweltvorschriften. • Am 1. Januar 2013 zogen zwei Schlepper die mobile Plattform «Kulluk» des Konzerns Shell vor der Südküste Alaskas: Während eines Orkans wurden die Schlepptaue gekappt. Die Bohrinsel trieb mit 563’000 Liter Dieselöl und 45’000 Liter Schmieröl unkontrolliert im Sturm und lief schliesslich auf der Insel Sidkalidak auf Grund. Öl ist zum Glück keines ausgelaufen. • Nach Angaben der russischen staatlichen Kontrollbehörden lecken deren Pipelines jährlich insgesamt an 25’000 (!) Stellen. Greenpeace schätzt, dass an diesen Bruchstellen jährlich 5 Millionen Tonnen Öl auslaufen und im Boden versickern. Und wie sind die Ölkonzerne auf Unfälle und Katastrophen vorbereitet? Das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» schrieb im August 2012 in einem Artikel zur neuen russischen Bohrinsel «Piraslomnoje»: «Der aktuelle Notfallplan von Gazprom Neft Schelf sieht zur Beseitigung möglicher Umweltschäden drei Äxte, 25 Eimer, 15 Schaufeln, 15 Rechen und zwei Geländefahrzeuge vor. Die Versicherung der Bohrinsel gegen Umweltschäden beläuft sich auf lächerliche 180’000 Euro.» Verordnete Pausen Der norwegische Staatskonzern Statoil hat Anfang Jahr angekündigt, seine Bohrungen in der Arktis vorerst für ein Jahr buchstäblich auf Eis zu legen. Auch Shell stornierte seine Bohrversuche nach der Panne mit der «Noble Discoverer» für ein Jahr. BP gab die Suche nach Erdöl in der Beaufortsee nach einer Wirtschaftlichkeitsanalyse bereits letzten Sommer auf. Ein paar Monate später verschob sogar der russische Staatskonzern Gazprom die Ausbeutung des riesigen Shtokman-Gasfeldes in der Barentssee «auf bessere Zeiten». Auch die französische Total-Gruppe hat das Projekt Liberty, die Erdölsuche im arktischen Meer, eingestellt – deren CEO Christophe de Margerie liess selbstkritisch verlauten: «Eine Ölverschmutzung um Grönland wäre eine Katastrophe. Ein Leck würde dem Ansehen des Unternehmens zu viel schaden.» Eine späte Einsicht nach der verheerenden Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko wegen der BP-Plattform «Deepwater Horizon» von 2010? Das klingt wie gute Nachrichten. Vor allem aus der Sicht von Umweltschutz-Organisationen wie Greenpeace, die sich seit Jahren vehement für ein generelles Förderverbot in der Arktis einsetzen. Unter anderem, indem sie wie letzten August die russische Bohrinsel «Priraslomnaja» besetzten oder wie im vergangenen Januar in mehreren europäischen Städten Shell-Tankstellen lahmlegten. Es geht weiter Aber in der Arktis liegt zu viel schwarzes und flüssiges Gold, als dass die Konzerne so einfach aufgeben würden: Befliessen signalisierten sie deshalb gleichzeitig mit den oben erwähnten Stopp-Aktionen, dass sie weiterhin nach Erdöl und Erdgas in der Arktis suchen würden. • Total sucht zusammen mit Regulierungsbehörden nach einem Weg, wie das Projekt Liberty wiederbelebt werden könnte. • Gleichzeitig verhandelt Total mit dem russischen Staatsunternehmen Rosneft über eine gemeinsame Fördertaktik auf russischem arktischem Festland. Hier können Sie weiterlesen http://www.savethearctic.org Wie sich Greenpeace zur Rettung der Arktis einsetzt. Und wie wir sie unterstützen können. http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/umwelt-technik/foerderplattformen-ohneeismanagement-kein-oel-12050111.html Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» erklärt, wie in Zukunft Erdöl und Erdgas im Meer der Arktis gefördert werden. http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=iLrT-G4fRiA#! Shell macht in diesem Werbefilm gute Stimmung für ihre Sache, erklärt aber in einem Film präzise, wie das Erdöl aus dem Boden geholt wird (in Englisch). www.polarnews.ch/arktis.html Laufend aktuelle News zum Thema. • Total, der staatliche russische Erdgaskonzern Gazprom und die norwegischen Statoil arbeiten weiterhin gemeinsam an der Ausbeutung des Shtokman-Gasfelds. • Rosneft verhandelt derweil auch mit dem amerikanischen Konzern ExxonMobil über ein gemeinsames Vorgehen in der Karasee: 2014 wollen sie dort mit Bohrungen beginnen. • ConocoPhilipps, der drittgrösste amerikanische Öl-Konzern, hat gemeinsam mit dem japanischen Partner Mitsubishi Corp. im Frühling 2012 erfolgreich Testbohrungen nach Erdgas vor Alaska durchgeführt und will nun in Kalifornien eine entsprechende Infrastruktur aufbauen. • Die britisch-holländische Shell hat in der Beaufortsee letzten Herbst sogenannte Top Holes gebohrt. • ExxonMobil, Statoil und der italienische Konzern Eni haben Verträge unterzeichnet, die Testbohrungen auf russischem Festland erlauben. • ConocoPhilipps hat ebenfalls Lizenzen gekauft: 2014 sollen die Bohrungen in der Tschuktschensee beginnen. • Statoil hat Lizenzen gekauft, um in der Barentssee das Snohvit-Gasfeld auszubeuten. Diese Aufzählung ist überaus unvollständig. Sie zeigt: Das Big Game geht weiter. Immerhin: Die intensive Zusammenarbeit unter den Konzernen schweisst die mitspielenden Länder enger zusammen. Die Hoffnung, dass die Konflikte um Erdöl und Erdgas in der Arktis friedlich gelöst werden, steigt. Es bleibt aber die akute Sorge um den Lebensraum Arktis. Denn so, wie es ausschaut, ist die erste grosse Ölkatastrophe in diesem hochsensiblen Ökosystem nur eine Frage der Zeit. Fortsetzung folgt. PolarNEWS 31

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