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PolarNEWS Magazin - 17 - D

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Rubriktitel Tiere, die

Rubriktitel Tiere, die in Familienverbänden leben, pflegen nicht nur ein ausgeprägtes Sozialverhalten, sie sind auch intelligenter als Tiere, die in Herden leben. seit der Sommersaison 1979/80 durchführt. Heute unterscheiden Meeresbiologen fünf so genannte Ökotypen unter den Schwertwal-Populationen der Antarktis, also Formen von Orcinus orca, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Sie sehen nicht nur etwas anders aus als die Stammform, sondern diese Ökotypen zeigen auch Unterschiede im Jagdverhalten, in der Auswahl ihres Lebensraumes und bei ihren kulinarischen Vorlieben. Die Orca-Forschung kommt also langsam in Fahrt in der Antarktis, und immer mehr Biologen schauen diesen schönen Walen immer genauer auf die Flossen. Die Ergebnisse nur schon aus den Studien der letzten ein bis zwei Jahre sind extrem spannend, insbesondere, was das Zugverhalten anbelangt. Während dem Ökotyp C, dem Rossmeer- Orca, nachgesagt wird, dass er als potenzieller Stubenhocker sein Packeis rund um den Südkontinent kaum verlässt, gelten andere Orca-Ökotypen als eingefleischte Weltenbummler. So hat man antarktische Schwertwale in den warmen Gewässern vor den Küsten von Südafrika, Angola und dem südöstlichen Australien gesichtet, wohin sie ihre jahreszeitlichen Zugbewegungen regelmässig führen. Individuelle Abreise Aber nicht nur warmes Wasser ist verlockend, auch gutes Essen zieht an: Im Südsommer verzehnfacht (!) sich die Anzahl Schwertwale vor der Küste der kleinen Insel Macquarie, weil dann die Kälber der See-Elefanten «ausfliegen» – eindeutig eine Zugbewegung der Orcas, die aus den Weiten des Südozeans hierher kommen, um eine saisonal verfügbare Nahrungsquelle zu nutzen. Ein grosses Rätsel der Zugforschung knackten US-amerikanische Wissenschaftler vor zwei Jahren. Sie wollten wissen, wohin die Orcas der Antarktis im Winter verreisen. Es gelang den Forschern, zwölf Gerlache-Orcas vor der Antarktischen Halbinsel mit Satellitensendern zu versehen. Bei der Hälfte dieser besenderten Tiere liess sich erstmals überhaupt eine gerichtete Langstreckenwanderung nachweisen, eine gleich bleibende Zugbewegung weg von der Antarktis in subtropische Gewässer. Die erstaunlichen Resultate wurden vor gut einem Jahr im Magazin der britischen Royal Society veröffentlicht. So fanden die Forscher unter anderem heraus, dass diese Orcas mit über 12 Kilometern pro Stunde in Richtung Norden zogen, um sich schliesslich vor den Küsten von Uruguay und dem südlichen Brasilien auf einer geografischen Breite von 30 bis 37 Grad Süd aufzuhalten. Lange vor diesen Satellitenbeobachtungen hatte man bereits spekuliert, dass antarktische Orcas in warme Meeresgebiete wandern. Denn Beobachter hatten an Orcas immer wieder Wunden festgestellt, die eindeutig nur vom subtropischen Zigarrenhai stammen können. Schon der Anblick der mächtigen Schwerter ist ein Warnsignal. In der Bildmitte ein Blas. Wellness in den Subtropen Diese Wanderung ist nun wissenschaftlich mittels 40 Gramm schweren Satellitensender bewiesen: Normalerweise «streunen» die Orcas in Gruppen in einem Tempo von 3 bis 5 Stundenkilometern kreuz und quer durch die antarktischen Gewässer, immer auf der Suche nach Beute. In den drei Untersuchungsjahren aber zogen die Gruppen unvermittelt zügig Richtung Norden – das war jeweils zwischen Anfang Februar und Mitte April. Nebenbei: Einer der Wale kehrte zu Beginn des Winters bis auf 40 Kilometer dorthin zurück, wo er von den Forschern besendert worden war. Dieser reisefreudigste unter den besenderten Orcas legte in 42 Tagen immerhin beinahe 9400 Kilometer zurück – nonstop! Was bringt diese eisliebenden antarktischen Wale auf die Idee, in die Hitze vor Brasilien zu schwimmen? Immerhin wechseln sie von einer Wassertemperatur von durchschnittlich minus 1,9 Grad in der Antarktis zu 24,2 Grad warmem Wasser in den Subtropen. Die Satellitendaten zeigten eindeutig, dass der Ausflug in den subtropischen Norden weder mit der Fortpflanzung noch mit dem Nahrungsverhalten zu tun haben kann. Bilder: J.P. Sylvestre, Michael Wenger 22 PolarNEWS

Auch macht es den Anschein, dass es sich hier nicht um eine saisonal fixierte Zugbewegung handelt, denn die Abreisedaten in der Untersuchungsperiode verteilten sich auf die grosse Zeitspanne von 80 Tagen. Es muss sich also um eine individuelle, aus eigenem Antrieb heraus unternommene Wanderung handeln. Die neuste Antwort amerikanischer Forscher lautet: Die Reise dient der Hautpflege. Die äussere Hautschicht muss regelmässig gepflegt, repariert und ersetzt werden. Nur eine intakte Haut gewährleistet einen funktionierenden Wärmehaushalt, und der wiederum ermöglicht das Überleben in polaren Gewässern. Das ständig kalte Wasser des Südpolarmeeres aber setzt dem Aufbau neuer Haut eine Grenze. Besser geht das im lauwarmen Meer vor Brasilien! Aus dem gleichen thermisch bedingten Grund legen sich Robben zum Fellwechsel auf Land und suchen Weisswale/ Belugas in der Arktis wärmeres Wasser in Flussdeltas auf. Die Forscher berufen sich auf ein weiteres Indiz, das die These einer eingeschränkten Hautregeneration stützt: Viele Orcas sind gelblich anstatt weiss gefärbt, weil sich auf ihrer Haut Kieselalgen festgesetzt haben. Die haargenau gleichen Individuen tauchen aber zu anderen Zeiten wieder blitzeblank und weiss in der Antarktis auf. Die Forscher folgern daraus, dass «weissgewaschene» Orcas jeweils gerade von einer Reise in die warmen Gewässer der Subtropen zurückgekehrt sind. Sollte sich diese Annahme dereinst bestätigen, dann könnte hierin der Schlüssel liegen, mit dem sich dann auch der jährliche Wegzug von Bartenwalen in die Tropen erklären liesse. Ausgefeilte Kommunikation Orcas fressen beinahe alles, was das Meer an Tierarten hervorbringt. Um schön satt zu werden, braucht ein ausgewachsener Orca jeden Tag durchschnittlich rund 70 Kilogramm Nahrung. Für Abwechslung ist gesorgt: Über 140 Wirbeltierarten hat man auf der Menü-Liste dieses Wals zusammengezählt, darunter mindestens 35 Meeressäugerarten. Bleibt zu erwähnen, dass nicht jeder Orca alles frisst, denn die Spezialisierung auf eine eingeschränkte Beutegruppe ist eines der auffälligsten Merkmale der Orca-Ökologie. Gewisse antarktische Orcas fressen mehr als 98 Prozent Fisch mit einem Quäntchen Meeressäuger und Tintenfische als Beilage. Andere stehen zu 90 Prozent ganz klar auf Meeressäuger, darunter grosse Brocken wie See-Elefanten oder Zwergwale. Wieder andere, hochspezialisierte Schwertwale stibitzen die Köder von den Langleinen der Seehecht-Fangflotten. Doch egal, welche Art Beute bevorzugt wird: Schwertwale jagen meistens im Familien- oder Gruppenverband – und dazu ist eine ausgeklügelte Kommunikation nötig. Zusammen mit anderen Zahnwalen besitzen Orcas das akustisch reichhaltigste Repertoire in der Welt der Wale. Namentlich drei ausgeprägte Stimmgebungslaute sind Teil eines jeden Schwertwalgeplauders: hochfrequente Klicks zur Echo-Ortung und Beute-Erkennung, lang anhaltendes Pfeifen und impulsartige Rufe. Träfen jemals Schwertwale aus der Arktis auf ihre Artverwandten in der Südpolregion – die Tiere hätten grosse Mühe, einander zu verstehen. Entsprechend haben sich einzelne Verbände auch eigene Jagd-Taktiken angeeignet. Die bekannteste und spektakulärste ist das «Beaching», das Sich-auf-den-Strand-Werfen. Das praktizieren Orcas an den unterschiedlichsten Orten: Valdez-Halbinsel (Argentinien), Crozet-Insel, Nord-Patagonien (Argentinien), Macquarie- und Marion-Inseln sowie auf Tristan da Cunha. Überall dort lassen sich mächtige Orcas PolarNEWS 23

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