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PolarNEWS Magazin - 17 - D

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Text: Peter Balwin

Text: Peter Balwin «Wenn sie mich nun doch erwischen... Wie äusserst widerlich würde sich der erste Biss anfühlen?!» Dieser Blitz eines Gedankens ging dem Engländer Herbert George Ponting durch den Kopf, als ihm schlagartig klar wurde, dass jener 5. Januar 1911 der letzte Donnerstag in seinem Leben sein könnte. Wenige Sekunden davor waren acht Schwertwale, Seite an Seite schwimmend, just unter jenes Eisfeld getaucht, auf dem Ponting mitsamt dem Hundeschlitten und der Fotoausrüstung nichts ahnend gestanden hatte. Und ehe sich der Expeditionsfotograf der tragisch endenden «Terra Nova»-Expedition von Captain Scott bewusst werden konnte, was da gerade geschah, tauchten die acht Wale gleichzeitig unter dem Eis auf. Ponting vernahm ein Krachen und Grollen, sein Eisfeld wurde soeben unter seinen Füssen in viele kleine Schollen zerteilt, die ungeheuerlich schaukelten und auseinandertrieben. Er sprang instinktiv von einem Eisinselchen zum anderen und hatte grösste Mühe, nicht ins eisigkalte Wasser des antarktischen McMurdo-Sundes zu fallen. Dann, ein gewagter, weiter, letzter Sprung – und Herbert George Ponting hatte das sichere Festeis erreicht, das vor der Küste lag. Keine zwei Schritte hinter ihm schoss Augenblicke später ein mächtiger Schwertwal bis zur Hälfte aus dem Wasser, stiess seinen angehaltenen Atem direkt ins Gesicht des Fotografen, was sich, laut Ponting, wie die Druckluft aus einem Kompressor anfühlte. Die acht gleichzeitig blasenden Wale um ihn herum erzeugten einen fürchterlichen Lärm und hüllten den verängstigten Engländer in eine Wolke aus körperwarmem, nach Fisch riechenden Wasserdampf. Anderseits gilt der Orca als der brutale Mörder der Weltmeere, ein Ruf, den leider auch sein englischer Name Killer Whale tagtäglich fördert, und den die Schilderungen der Walfangkapitäne des frühen 20. Jahrhunderts noch weiter verschlechtert haben. Sie berichteten, dass ganze Gruppen von Schwertwalen in antarktischen Gewässern auf regelrechten Raubzügen gewesen sein sollen – die Orcas hatten es auf die Zunge und die Lippen der Bartenwale abgesehen, die bereits als sichere Beute der Walfänger an deren Schiffen vertäut und zu den Fabriken abgeschleppt worden waren. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass die Walfänger jener Zeiten den Orca deswegen hassten und ihn bei jeder nur denkbaren Gelegenheit von Deck aus erschossen. Für Menschen allerdings stellen frei lebende Schwertwale keine Gefahr dar. (Ob uns Herr Ponting in dieser Sache beipflichten würde?) Unfälle mit Todesfolgen gab und gibt es nur bei gefangenen Tieren. Aus der Sicht der Wissenschaft, und damit eher nüchtern und neutral betrachtet, ist Orcinus orca kein dressierter Clown und Akrobat – und schon gar nicht ein Killer! Meeresbiologen bewundern diese faszinierende «Ikone der Weltmeere» als schnell schwimmendes, langlebiges, intelligentes und soziales Tier, als das wahrscheinlich am zweitstärksten verbreitete Säugetier nach dem Menschen. Ewige Muttersöhnchen Den Schwertwal trifft man tatsächlich in allen Weltmeeren an; hauptsächlich in küstennahen Meeresgebieten mit grosser Produktivität und am häufigsten im Südozean, südlich des 60. Breitengrades, vor den Küsten der Antarktis. In antarktischen Gewässern leben schätzungsweise mindestens 25’000 bis 27’000 Individuen. Damit ist der Orca die dritthäufigste Walart in der Antarktis (nach Zwergwal und Südlichem Entenwal) und hat dort sicherlich sein dichtestes Vorkommen weltweit. Orcas sind die grössten Vertreter der Delfin-Familie. Während die Männchen bei einer Körperlänge von 7 bis 9 Metern stattliche 6 Tonnen Gewicht auf die Waage bringen, sind Weibchen gut einen Meter kürzer und im Schnitt rund die Hälfte leichter. Das höchste festgestellte Körpergewicht eines Bild: Michael Wenger. Vorhergehende Seite: Chris Newbert/Minden Pictures/National Geographic Clown und Killer So hatte also dieses dramatische Zusammentreffen mit dem Schwertwal oder Orca, dem grössten Raubtier des Südpolarmeeres, ein glimpfliches Ende gefunden. Keine andere Walart hat mit derart vielen, tief verwurzelten Vorurteilen zu kämpfen wie der Orca. Einerseits beklatschen ihn hunderttausende Besucher von Meeresdelfinarien wie SeaWorld und anderen, wo gefangene Schwertwale (rund 50 weltweit zurzeit) als Unterhalter und Komiker ein bedauernswertes Dasein fristen. Mit Anmut und Eleganz unterwegs: Orcas leben in Familienverbänden. 20 PolarNEWS

Weibchens betrug rund 4,7 Tonnen. Und die Kälber? Zwei Meter ist Klein-Orca gross, wenn er auf die Welt kommt, und er wiegt 200 Kilogramm. Neben ihrer markanten schwarzweissen Körperfärbung, den grossen, paddelförmigen Flossen und ihrem rundlichen, robusten Aussehen tritt ein Merkmal besonders hervor: die imposante Rückenfinne! Bei älteren Orca-Männchen kann dieses an ein spitzwinkliges Dreieck erinnernde Markenzeichen gut und gerne 1,8 Meter hoch aufragen. Ein wahres «Schwert», das die Wellen sämtlicher Ozeane weltweit majestätisch durchteilt. Während nur wenige Orca-Männchen älter als 50 Jahre werden, geht hingegen die Lebenserwartung der Weibchen weit darüber hinaus. Eines der ältesten bekannten Weibchen soll über 90 Jahre alt sein. Weibchen können ihr erstes Kalb bereits im Alter von 10 Jahren gebären und danach bis Anfang 40 immer wieder trächtig werden – im Durchschnitt geschieht dies rund alle dreieinhalb Jahre. Bevor das Orca-Kalb nach etwa einem Jahr entwöhnt wird, ist es vollständig vom Muttertier abhängig und könnte bei Abwesenheit der Mutter nicht überleben. Diese Abhängigkeit geht so weit, dass längst ausgewachsene Söhne immer noch am Rockzipfel der Mutter hängen. Stirbt das Muttertier, erhöht sich die Sterblichkeitsrate des Sohnes, besonders, wenn der männliche Wal schon älter als 30 Jahre ist. Es scheint, dass sich weibliche Schwertwale ein Leben lang um ihre Nachkommen kümmern, allen voran um die ausgewachsenen Söhne. Nach dem Tod der Mutter kommen diese nur schlecht zurecht, was das Sterberisiko der Männchen um mehr als 20 Prozent hinauftreibt. Forschung mit Todesfolge Für die biologische Forschung sind Schwertwale dankbare Studienobjekte. Die bedeutendste Datensammlung über diese Tierart stammt von der Westküste Nordamerikas: Zwischen dem kanadischen Britisch-Kolumbien und dem US-Staat Washington lebt die am besten und am längsten untersuchte Orca-Population der Welt. In der Antarktis hingegen, wo weltweit die meisten Schwertwale anzutreffen sind, tat und tut sich die Forschung schwer. Erst die Walfängerei des frühen 20. Jahrhunderts löste nebenbei Forschungen aus, die sich mit den Walen der Antarktis befassten. Es standen jedoch vor allem Grosswale im Vordergrund. Dies zeigt auch die kommerzielle Nutzung der damaligen Walfangindustrie: Dem Orca als grösstem Delfin war kaum Beachtung geschenkt worden. Heute würde man hinzufügen: Zum Glück! Denn während im Laufe des 20. Jahrhunderts gegen zwei Millionen grosse Wale wie Buckel- oder Finnwal allein in der Antarktis der Industrie zum Opfer fielen, waren es «bloss» rund zweitausend Schwertwale. Das Gros an wissenschaftlichen Daten – sprich: getöteten Orcas – stammte von der sowjetischen Fangflotte. Sowjetische und US-amerikanische Forscher meldeten Ende der 1970er-Jahre, dass sich in der Antarktis auch Schwertwale tummeln, die anders aussehen als ihre Artgenossen in den gleichen Gewässern. Diese Hinweise verdichteten sich mit den regelmässigen Beobachtungsfahrten rund um den Kontinent Antarktika, welche die Internationale Walfangkommission (IWC) PolarNEWS 21

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