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PolarNEWS Magazin - 16 - CH

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Xavier Mertz war für

Xavier Mertz war für die Schlittenhunde zuständig. Während einer Schlittenfahrt südlich von Cape Denison hält er sie im Training. Die Hunde sind erschöpft, einer nach dem anderen macht schlapp. 17. Dezember: «Mawson konnte kaum schlafen vor Schmerzen. Schneeblindheit.» Am gleichen Tag erschiessen sie den ersten Hund und verfüttern ihn an die anderen Hunde. 18. Dezember: «Wir essen jetzt Hundefleisch, ist besser als nichts. Von den letzten Nachfahren von Xavier Mertz gesucht Australien feiert am 20. Januar 2013 das 100-Jahr- Jubiläum der Douglas Mawson’s Australian Antarctic Expedition, bei welcher Xavier Mertz tragischerweise ums Leben kam. Wir sind diesbezüglich vom Organisator kontaktiert worden mit dem Wunsch, die Nachkommen von Dr. Xavier Mertz ausfindig zu machen. Der Veranstalter möchte Mertzs Nachkommen zu diesem Event einladen. Wenn Sie ein direkter Nachfahre von Xavier Mertz sind oder einen direkten Nachfahren kennen, dann melden Sie sich bitte bei uns! Redaktion PolarNEWS Ackersteinstrasse 20 CH-8049 Zürich drei Hunden zog nur Ginger, so dass Mawson und ich uns tüchtig ins Zeug legen mussten, um den Schlitten vorwärts zu bringen.» 23. Dezember: «Sechs Uhr morgens. Fünfeinviertel Meilen weit. Seit der Unglücksstelle, an der wir Ninnis verloren, sind wir jetzt 115 Meilen unterwegs.» Das sind 184 Kilometer in 9 Tagen. 250 Kilometer lagen noch vor ihnen. 24. Dezember: «Wir müssen schneller reisen, soll unser Proviant ausreichen. Aus Pavlovas Beinen kochten wir eine Suppe.» 26. Dezember: «Recht kalt, so dass die Finger selbst in Filz- und Pelzhandschuhen konstant steif bleiben.» 27. Dezember: «Dieser Drift ist ungemütlich, weil alles einfach langsam nass wird. Wenn ich nachts im Schlafsack liege, merke ich, wie ein Kleidungsstück nach dem anderen auf meinem Leibe allmählich langsam auftaut. Gemütlich kann man derartige Verhältnisse nicht gerade nennen.» 1. Januar 1913: «Neujahr! Kein Reisewetter. Licht unglaublich schlecht, Himmel bewölkt, deshalb kamen wir nicht weit. Das Hundefleisch scheint mir nicht zu bekommen, denn gestern war mir etwas flau.» Zu Tode erschöpft Das sind die letzten Worte, die Mertz in sein Tagebuch notiert. Mawson schrieb später in seinem Buch über diese Expedition, Mertz habe «erst auf meine nachdrückliche Frage» heftige Schmerzen im Unterleib zugegeben. «Es war klar, dass sein Zustand bedenklicher war, als er meinte.» Diesen und zwei weitere Tage ist Mertz ausserstande, weiter zu marschieren. Wertvolle Zeit verstreicht ungenutzt. Am 6. Januar brechen die beiden wieder auf, aber schon nach ein paar Kilometern ist Mertz so schwach, dass Mawson ihn auf den Schlitten setzt und zieht. Vor lauter Kälte beginnt sich bei beiden, die Haut vom Körper zu lösen. Am 7. Januar ist Mertz so schwach, dass Mawson ihn in den Schlafsack helfen muss. Mertz kriegt Anfälle, er zittert und redet im Delirium, verstummt schliesslich. Noch in der gleichen Nacht stirbt er. Lange Jahre vermutete man später, Xavier Mertz sei an einer Vitamin-A-Vergiftung gestorben, die vom Verzehr von Hundeleber herrührte. Heute nimmt man aber an, dass er starb, weil er überhaupt Fleisch ass und so viel auf einmal. Denn Xavier Mertz war Vegetarier. So viel Fleisch, wie er nun plötzlich ass, verkraftete seine Verdauung nicht – zumal er bereits sehr geschwächt war. Die Auszehrung, die ungewohnte, schwer verdauliche Nahrung und die extremen körperlichen Strapazen in beissender Kälte waren für Mertz eine tödliche Kombination. Douglas Mawson errichtete aus Xaviers Skis des- 54 PolarNEWS

Immer wieder waren Teams tage- und wochenlang auf Erkundung unterwegs. Hier (von links) Mertz, Ninnis und Murphy. sen Grab im ewigen Eis. Er bestattete ihn mitsamt seinem Tagebuch. Der letzte Überlebende war nun noch 160 Kilometer von der rettenden Station entfernt. Unter schier übermenschlicher Anstrengung kämpfte sich Mawson Kilometer um Kilometer vorwärts, fiel mehrmals in Gletscherspalten, aus denen er sich wieder befreien konnte, die Haut seiner Füsse löste sich ab, das Haar fiel ihm büschelweise aus, während Tagen war er in einem Schneesturm gefangen, sein Proviant ging ihm aus. Mawson wäre vor Entkräftung und Hunger gestorben, hätte er nicht am 29. Januar einen riesigen Schneemann entdeckt, auf dessen Haupt ein Sack voll Nahrung deponiert war: Die Männer der Station, inzwischen alle wieder heil von ihren Expeditionen zurückgekehrt, hatten auf der Suche nach Mawson, Mertz und Ninnis dieses Depot errichtet. Die letzten 37 Kilometer waren jetzt noch machbar. Mawson kann sich retten Am 8. Februar am Nachmittag erreicht er schliesslich die Station auf Cape Denison – und sah, wie just am Horizont das Schiff verschwand, das die Mannschaft wie geplant abgeholt hatte... Doch zu Mawsons Glück blieben fünf Männer in der Station zurück, um nach den drei Vermissten zu suchen. Zwar konnten die Retter zum Schiff funken, dass dieses sofort zurückkommen sollte – auf genau dem Funknetz, das Mawsons Mannschaft zuvor errichtet hatte. Doch wegen des schlechten Wetters war es der «Aurora» nicht möglich, nochmals zur Küste zu fahren. Mawson und seine fünf Retter mussten fast ein Jahr lang auf das nächste Schiff warten. Kleines beziehungsweise grosses Detail am Rande: Am 14. Dezember 1911, also in der Zeit, als Mawson, Ninnis und Mertz auf ihrer Expedition unterwegs waren, erreichte Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol. «Ein Charakter» «Wir liebten ihn», schrieb Mawson später in seinem Buch «The Home of the Blizzard» über Xavier Mertz, «er war ein Charakter – grossmütig und vornehm.» Den ersten grossen Gletscher, den Mawson nach Mertzs Tod überquerte, benannte er nach seinem Schweizer Gefährten – den Mertz-Gletscher. Der 40 Kilometer breite und 160 Kilometer lange Gletscher, dessen Zunge weit ins Meer hinausragt, geriet 2010 weltweit in die Schlagzeilen, weil er von einer gigantischen schwimmenden Eisplatte gerammt wurde, wobei seine ins Meer ragende Zunge wegbrach. 1914 reiste Douglas Mawson nach Europa und besuchte auch die Familie Mertz, um ihr sein Beileid zum Verlust ihres Sohnes auszusprechen. Im Gepäck hatte er vermutlich auch das Tagebuch sowie die Fotografien. Erst Ende der 1960er-Jahre tauchte Xaviers Nachlass wieder auf. Im «Beobachter» erschien 1969/70 eine achtteilige Reportage über Mertz. Der verantwortliche Redaktor lieferte über 100 Bilder aus dem Mertz- Nachlass dem Staatsarchiv Basel-Stadt ab, wo sie sich heute noch befinden. Ein Ehrenkreuz im Gedenken an Xavier Mertz und Belgrave Ninnis steht heute auf Cape Denison. PolarNEWS 55

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