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PolarNEWS Magazin - 16 - CH

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Sie erwähnten

Sie erwähnten Reaktionen aus Ihrem Umfeld, dass Sie kein zweites Mal in die Arktis gehen sollten. Woher kamen die? Ich erhielt haufenweise Briefe von Leuten, die mich in Worten beschimpften, die nicht jugendfrei sind. Sie schrieben, es sei unnatürlich, dass der Mensch in die Arktis gehe, die Arktis sei heilig und so weiter, einige wünschten mir sogar den Tod... Das ist buchstäblich dicke Post... Ja. Daran hatte ich sehr lange zu beissen. Mit dermassen heftigen Reaktionen hatte ich nie gerechnet. Früher rechtfertigte ich meine Expeditionen relativ leicht mit dem Spruch «Du gehst ins Büro, ich geh halt in die Arktis», aber nach all diesen Briefen zweifelte ich arg an der Rechtmässigkeit meines Tuns. Und wie rechtfertigen Sie heute Ihr Tun? Ich rechtfertige mich überhaupt nicht mehr. Ich habe einfach diesen Trieb in mir, und dem muss ich folgen. Aber ich weiss heute, dass das, was ich tue, sehr aussergewöhnlich ist und dass viele Leute das nicht goutieren. Und ich weiss heute auch, dass ich meinen Weg mit allen Konsequenzen gehen will und muss. Aus der geplanten Vermarktung der Expedition wurde nichts: Wie sind Sie in den Jahren über die Runden gekommen? Bisher hatte ich immer angenommen, dass man nur von Erfolgsgeschichten leben kann. Als ich 2006 nach Hause kam, dachte ich: Ausser sehr viel Spesen überhaupt nichts gewesen. Viele Leute interessierten sich aber trotzdem für meine Geschichte. So habe ich gemerkt, dass eine Geschichte des Scheiterns ebenfalls spannend sein kann. Heute halte ich viele Vorträge und Referate in Deutschland und der Schweiz. Darin sind auch Business-Referate über Scheitern und Erfolg enthalten. Zusammen mit dem Geld, das ich mit meiner Bildagentur und den Last-Degree-Expeditionen für Touristen verdiene, konnte ich erst meine Schulden abbezahlen und kann ich heute meinen Lebensunterhalt bestreiten. Wie kamen Sie aus dem Tief raus? Wie gesagt, ich weiss nicht, ob man da je wieder zu hundert Prozent rauskommt. Noch heute schüttelt es mich manchmal heftig durch, wenn ich von den Tagen auf der Eisscholle erzähle. Aber ich bin ein sehr analytischer Mensch. Ich habe mit meinen Kindern geredet, meinen Eltern, meiner Schwester. Ich habe mit Hans Ambühl, meinem Mitarbeiter, der mir 2006 die wichtigste Stütze war, viele Gespräche geführt. Ich habe mit meinem Team immer wieder die ganze Expedition inklusive den Vorbereitungen analysiert. Meine Lebenspartnerin unterstützt mich in meinen Projekten. «Ich weiss heute, dass das, was ich tue, sehr aussergewöhnlich ist» Das sind alles winzige Schritte, aber jeder Schritt führte mich vorwärts. Dabei tauchte sicher auch die Frage auf: Hätten Sie die Überquerung geschafft, wenn der Sturm nicht gewesen wäre? Klar habe ich mir diese Frage gestellt. Bloss beantworten kann man sie nicht. Umgekehrt gesehen ist es ja vielleicht ein Weltwunder, dass ich diesen Sturm überlebt habe. Aber die Frage lässt Ihnen keine Ruhe. Die Frage ist: Ist diese Tour überhaupt möglich? Und das will ich wissen. Das heisst, Sie werden «Arctic Solo» wiederholen? Ja. Im Frühling 2014. Das gleiche Ziel: Von der Küste Russlands über den kritischen Eisgürtel bis zum Nordpol und von dort zur kanadischen Küste. Die Expedition heisst «TransarcticSolo». Wie kamen Sie an den Punkt, an dem Sie diesen Entschluss fassten? Als ich 2006 wieder nach Hause kam, liess mir die ganze Sache keine Ruhe. Aber ich brauchte diese Jahre, um das Scheitern zu verarbeiten und Ordnung in meinem Leben zu schaffen. Vor allem die Zusammenarbeit mit dem Sportpsychologen Thomas Theurillat hat mir geholfen: Ich habe trainiert, war topfit und im Kopf parat, und irgendwann war ich wie auf Nadeln – ich wusste, es ist machbar. Aber ich fühlte mich wie ein Handwerker, dem die Hände gefesselt sind. Vor etwa einem Jahre fasste ich den Entschluss, es noch einmal zu versuchen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Alle Zwänge, die ich seit 2006 mit mir getragen hatte, waren abgelegt. Wie bereiten Sie sich vor? Mein grösster Vorteil ist, dass ich es schon einmal versucht habe. Alles ist schubladisiert: Ausrüstung, Schlitten, die ganze Bürokratie, das Wissen um die Ernährung, auch mein Team ist erprobt und eingespielt. Letztes Jahr habe ich die Jagdprüfung gemacht. Das war gleichzeitig ein Teil der Verarbeitung und der Vorbereitung. Ich lernte, mich anders zu bewegen und anders zu handeln – man ist in der Jagd sehr fokussiert auf die Natur. Der momentane Schwerpunkt und gleichzeitig der schwierigste Teil ist die Sponsorensuche. Weil ich 2006 viel Geld verloren habe, fehlen jetzt die Mittel zur Vorfinanzierung. Heiner und Rosamaria Kubny helfen mir über die ersten Runden. So kann ich bereits erste Vorbereitungen in die Wege leiten und mit Sponsoren konkrete Verhandlungen aufnehmen. Was werden Sie anders machen? Die Route wird in etwa dieselbe bleiben, aber es wäre viel zu früh, die jetzt schon zu planen. Was ich aber jetzt schon ganz klar weiss: Ich werde nicht mehr den Helikopter mit anderen Expeditionen teilen, um Kosten zu sparen. 2006 ergab sich aus diesem Grund eine Startverzögerung von zehn Tagen, das war sehr zermürbend und nervenzehrend. Auch der Trainingsplan wird anders aussehen. Wie genau? 2006 war ich zu früh an meinem Fitness- Höhepunkt angelangt und musste diese Form relativ lange halten: Das war sehr anstrengend. Für «TransarcticSolo» werde ich die harte Trainingsphase später starten, aber impulsiver trainieren. Ich arbeite mit einem Coach und einem Mitarbeiter des Instituts für Anatomie der Universität Bern zusammen, die die Trainingspläne definieren. Mit ihnen fange ich jetzt langsam mit der Aufbauarbeit an. Sie wären der erste Mensch, der diese Mammut-Tour schafft. Das ist natürlich ein Anreiz. Einerseits für mich persönlich, anderseits als Sportler. Seit jeher sind Menschen angetrieben von dem Ziel, etwas zu tun, was vor ihnen noch niemand geschafft hat. Verbinden Sie «TransarcticSolo» mit einer Botschaft für die Welt? Sie meinen sowas wie «Stoppt die globale Erwärmung»? Mit solchen Projekten habe ich so meine Probleme. Ich habe auf meinen Expeditionen schon immer das norwegische Polarinstitut unterstützt. Mit dem Aussetzen von Bojen oder dem täglichen 38 PolarNEWS

Thomas Ulrich Thomas Ulrich, 45, ist Vater von drei Töchtern und lebt in Interlaken. Der gelernte Zimmermann und Bergführer verdient seit mehr als 20 Jahren seinen Lebensunterhalt als Fotograf. Seine Bilder und Filme wurden mehrfach ausgezeichnet. Nach verschiedenen erfolgreichen Expeditionen in Patagonien, Grönland, Amerika und Tibet scheiterte er 2006 mit dem Projekt «Arctic solo» in der Arktis, kehrte aber nur ein Jahr später zurück an den Pol: Mit dem Norweger Børge Ousland marschierte er über 1400 Kilometer vom Nordpol aus zur nordsibirischen Inselgruppe Franz-Joseph-Land. Dafür wurden die beiden vom amerikanischen «National Geographic Adventure Magazine» als Abenteurer des Jahres gewürdigt. Messen von Schnee- und Eishöhen zum Beispiel. Ich habe das aber nie an die grosse Glocke gehängt. Andere machen das anders, und benutzen ökologische Themen als zeitgeistigen Deckmantel. Nehmen wir zum Beispiel David Mayer de Rothschild von der Aktionsgruppe Adventure Ecology: Er überquerte die Arktis sehr marktschreierisch mit der Mission, auf die globale Erwärmung aufmerksam zu machen. Dafür liess er sich schon mal über die kritischen Stellen vom Ufer weg auf das Eis und vom Eis wieder ausfliegen, liess sich per Flugzeug regelmässig Proviant und frische Kleidung kommen und liess sogar seine Freundin und die Freundinnen der Crewmitglieder für ein paar Tage einfliegen. Ich persönlich finde es absurd, mit so einer Ressourcenverschwendung auf die Folgen der Ressourcenverschwendung aufmerksam machen zu wollen. Mein Ansatz ist ein anderer. Ich gehe, weil ich gehen will. Und zwar zu Fuss und «unsupported». Wer sich dafür interessiert, dem erzähle ich gerne meine Geschichte. Wer nicht, dem nicht. Was passiert, wenn Sie erneut scheitern? Damit habe ich mich noch nicht auseinandergesetzt (lacht). Im Ernst: Dieser Prozess wird aber zu gegebener Zeit in der Vorbereitung ein grosses Gewicht einnehmen. Und wenn es klappt? Die nächsten Ziele ins Aug fassen: Die Antarktis mit Skis überqueren. Und danach den Mount Everest überqueren. Aber das steht noch weit weit weg in den Sternen. «Das ist natürlich ein Anreiz»: Thomas Ulrich geht seinen Weg konsequent. Er erzählt offen und selbstsicher. Für seine Abenteuer will er sich nicht mehr rechtfertigen. Wir wünschen Ihnen gutes Gelingen! Zum Abschluss eine kleine Bonusfrage: Hat Gott Humor? Wenn es ihn gibt: Ich glaube nein. PolarNEWS 39

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