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PolarNEWS Magazin - 16 - CH

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Rubriktitel Text: Christian Hug Bilder: Rosamaria Kubny Gar grimmig blickt der Kontrolleuer unter seinem steifen Offiziershut hervor: Unser Car steht vor der Barriere zum Hafen der russischen Atomflotte in Murmansk, und der Uniformierte nimmt sich alle Zeit der Welt, unsere Pässe, Visa und die Hafen-Zutrittserlaubnis zu prüfen. Fotografieren strengstens verboten. Rauchen auch. Witze sollte man jetzt besser bleiben lassen. Überhaupt das Reden. Wir schweigen, während in der Luft das Knistern der Aufregung fast zu hören ist, aber nicht wegen den Soldaten mit ihren Maschinengewehren: Gleich am ersten Dock ennet dem Stacheldrahtzaun liegt die «50 Years of Victory» vor Anker, und dieses Schiff wird uns zum Nordpol bringen. 90,000 Grad nördliche Breite! Und das ist noch nicht alles: Die «50 Years of Victory» ist der grösste atomar betriebene Eisbrecher der Welt. Ein schwimmendes AKW! Und das ausgerechnet, während zu Hause Politiker und Wähler über den Ausstieg aus dem Atomstrom debattieren. Kaum eingeschifft, muss ich deshalb sofort einen ersten Augenschein nehmen: Die Zweierkabine ist okay, verhältnismässig geräumig und mit Bullauge (später erfahren wir, dass dies eigentlich Offiziers-Einzelkabinen sind, die Offiziere aber für die Dauer dieser Reise den Touristen Platz machen und ein Deck weiter unten beim Personal neue Unterkünfte bezogen haben). Essraum: Gross, schön, gekühlt, mit Fenstern. Ein Deck tiefer: endlos sich hinziehende, enge Die Reise: Murmansk–Nordpol Wann: 24. Juli bis 5. August 2011 Schiff: I/B 50 Years of Victory Passagiere: 128 Crew: 138 Gänge mit vielen Wasserschleusen, alles aus sehr dickem Stahl. Zwei Decks höher: Bar und Aufenthaltsraum mit Spannteppich und Polstersesseln, Aussichtsdeck. Alles ganz normal: Nichts unterscheidet einen atomar betriebenen Eisbrecher von einem Diesel saufenden Pendant. Ausser dass die ganze Reise über nie stinkender schwarzer Rauch aus den Kaminen prusten wird. Das einzig Offensichtliche ist das an der Aussenbordwand gross aufgemalte Zeichen für Atom. Schwimmendes AKW Trotzdem plagen mich Unsicherheit und schlechtes Gewissen: Lächelt der Kapitän bloss deswegen, weil er verstrahlt ist und ich es auch bald sein werde? Darf man einen touristischen Ausflug unternehmen (und das ist diese Reise zum Nordpol trotz aller Abenteuerlichkeit) auf einem Schiff, das zu diesem Zweck hochradioaktiven Abfall aus zwei 170-Megawatt-Reaktoren produziert? Auch wenn ein Set von 240 Brennstäben für fünf bis sieben Jahre reicht? Capitan Lobusov, ein grosser, bärtiger, schweigsamer Mann, beruhigt uns, die Strahlung auf dem Schiff sei nur halb so hoch wie die natürliche Strahlung in Murmansk. Immerhin: Die «50 Years of Victory», auf Russisch «50 Let Pobedy», ist kein Touristenvehikel, sondern eine «working vessel», wie Schiffe genannt werden, die im Arbeitseinsatz stehen: Acht bis neun Monate im Jahr pflügt dieses Stahlmonster Schneisen durch das dicke Eis der Nordostpassage von der Barents- bis zur Beringsee und macht so den Weg frei für die Transportschiffe, die Russland mit Gütern versorgen. Drei bis vier Monate im Jahr, wenn die Nordostpassage auch ohne vorbahnenden Eisbrecher befahrbar ist, liegt die «50 Years of Victory» in Murmansk vor Anker – seit ihrem Stapellauf 1993. Bis vor zehn Jahren Nikolaj Saveliev, der Besitzer des Reiseunternehmens Poseidon Arctic Voyages, auf die Idee kam, das Schiff in den Sommermonaten für Touristenreisen zum Nordpol einzusetzen. Wirtschaftlich gesehen macht das Sinn. Nikolaj ist übrigens auch auf dem Schiff. Blond, jung, dynamisch. Ein netter Mensch. Und so sind nun 128 Abenteuerlustige auf diesem Schiff versammelt, die sich diesen ziemlich teuren Trip leisten. Ein Grossteil davon sind Russen, die meisten um die 30 herum. Plus Amerikaner, Franzosen, Schweizer, ein Österreicher, der für die Uno in Osttimor arbeitet, ein älteres Paar aus Argentinien, zwei Freunde aus Deutschland. Auf der Reise vorher, erzählt ein deutsches Crew-Mitglied, sei das ganze Schiff voll 28 PolarNEWS

Chinesen gewesen. Sehr anstrengend, sagt sie. Jetzt ist es sehr gemütlich. Man ist freundlich, gesellig. Und aufgeregt. Vor allem ich. Wir sind auf der Direttissima zum Nordpol. Das macht mich erwartungsfroh hibbelig. Dieses explodierende Gefühl von Aufbruch ins Neu- und Niemandsland. Wie müssen sich erst all die Entdecker gefühlt haben, die sich einst mit Schlitten und Hunden und in Wollsocken ins Unbekannte aufgemacht haben? Zwischenstopps Immer wieder packe ich mich mehrlagig ein und gehe auf eines der windigen Aussendecks, schaue voraus in die Ferne, wo noch kein Eis zu sehen ist, tigere stundenlang auf dem Schiff umher. Wie ein Wanderer bin ich dauernd in Bewegung und komme doch nur immer wieder an einer Reling zum Stillstand. Nur das Schiff treibt vorwärts. Ein Umstand, der mich am Nordpol fast zur Verzweiflung bringen wird. Aber das kann ich jetzt noch nicht wissen. Was ich aber weiss: Dies ist bereits meine zweite Reise zum Nordpol. Vor vier Monaten erst durfte ich mit Polar- News zum Eiscamp Barneo fliegen, ein Zeltlager keine hundert Kilometer vom Nordpol entfernt, und von dort mit dem Heli zum geographischen Nordpol. Auch dort war ich stets in Bewegung, aber immer auf offenem Eis: keine Schranken, kein Schiff, nur Weite, Eis und Ewigkeit. Jetzt also mit dem Eisbrecher. Direkt. Auf dem Bildschirm in der Aussichtsbar sind die aktuelle Position und zurückgelegte Route angezeigt: Ein gerader grüner Strich durch die Barentssee Richtung Franz- Joseph-Land. Wir werden hier einige Landgänge unternehmen, indem wir mit dem schiffseigenen Helikopter übersetzen. Die Tafelberge von Bell und Maybell Island, der von Tausenden Lummen besiedelte Rubini- Felsen in der Tichaja-Bucht: Wunderschön. Aber das Ziel ist auf dieser Reise eindeutig der Pol, nicht der Weg. Schnurstracks geradeaus Tag vier. Franz-Joseph-Land liegt hinter uns, auf der offenen See treiben uns erste Eisbrocken entgegen, sie werden immer mehr und immer grösser und verdichten sich im Laufe des Tages zu einer zusammenhängenden Fläche. Ein Teppich aus Eis, 83 Grad Nord, 51 Grad Ost, noch knapp 800 Kilometer bis zum Nordpol. Das Essen an Bord ist lecker, der Service zuvorkommend, und im lieblos eingerichteten Raucherraum, der sich im ersten Unterdeck auf Höhe der Wasserlinie des Schiffes befindet, krachen die Eisschollen mit ohrenbetäubendem Gedröhn gegen die Schiffs- Von links nach rechts: Auf dem Weg nach Norden passieren wir Franz-Joseph-Land und unternehmen einen Ausflug auf die Tafelberge der Maybell Island. Stundenlang kann man fasziniert zuschauen, wie das Schiff mühelos mehr als zwei Meter dickes Eis durchbricht. Unsere Landausflüge unternehmen wir mit dem Helikopter. Auf Tuchfühlung mit einem Gletscher auf Wilceck Island. PolarNEWS 29

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