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PolarNEWS Magazin - 16 - CH

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Juni, stehen den

Juni, stehen den brütenden Gerfalken die Junghasen als Nahrungsquelle zur Verfügung. Untersuchungen zeigten, dass die Gerfalken-Männchen ihrem brütenden Weibchen in dieser Jahreszeit über 80 Prozent der Nahrung in Form junger Polarhasen servieren. Weil jene noch dunkelgrau gefärbt sind – Polarhasen werden erst etwa im August weiss, wenn sie bald ausgewachsen sind –, ist es für den Gerfalken kein Problem, zwischen den leichten Jungtieren und den für ihn zu schweren weissen Alttieren zu unterscheiden. Doch nicht nur Gerfalken haben es auf Junghasen abgesehen: je nach Wohnort der Hasenfamilie innerhalb des weiträumigen Verbreitungsgebietes der Polarhasen müssen sich die Jungen vor Wieseln, Füchsen, Eulen oder Habichten in Acht nehmen. Nicht nur seitens der Tierwelt droht Gefahr, auch wir Menschen stellen dem Polarhasen nach. Kulinarisch betrachtet, wird der ganze Hase gegessen, abgesehen von den Innereien. In Grönland etwa wird er intensiv bejagt, geniesst aber im riesigen Nationalpark im Nordosten sowie in der Zeit der Jungenaufzucht einen Jagdschutz. Gezählt wird nicht, in der Jagdstatistik tauchen Polarhasen erst gar nicht auf. Auch die Teilnehmer vieler historischer Expeditionen bedienten sich der frei herumlaufenden Nahrungsreserve Polarhase – und schossen sie gleich im Dutzend. Auf der Pirsch mussten Entdecker, Abenteurer oder Forscher keine guten Schützen sein, denn eine auffällige Verhaltensweise des Hasen sorgt dafür, dass er eine leichte Beute ist. Obwohl einige Polarhasen manchmal einsam und alleine leben auf der weiten Tundra, scharen sich andere bei der Nahrungssuche viel öfter in Gruppen von Dutzenden, Hunderten, ja sogar Tausenden von Individuen zusammen. Kommt hinzu, dass sich Polarhasen erstaunlich wenig scheu zeigen und eine Annäherung durch einen Menschen bis auf Armlänge ohne mit den Löffeln zu zucken tolerieren – ein leichtes Spiel für einen Jäger... Saisonale Kost Sitzen die Polarhasen in grosser Schar beisammen, sind die Unternehmungen in solchen Hasengruppen interessanterweise ko- Je nach Region kommen mehr oder weniger Junge pro Wurf zur Welt. Die Kleinen sind von Anfang an bestens getarnt. Nachwuchs nur einmal im Jahr In Grönland paaren sich die Polarhasen im April/Mai. Die Jungen kommen bereits sieben Wochen später, im Frühsommer, zur Welt, wenn die Lufttemperatur und die Vegetation optimal sind. Der Wurf erfolgt in einer Art Nest, einer simplen Vertiefung im Moos oder Gras der Tundra, manchmal unter oder zwischen Geröll verborgen, und mit beachtlichen Mengen Fell des Muttertieres ausgepolstert. Der Wurf zählt zwei bis acht Junge pro Jahr (drei Junge in Neufundland, sechs bis sieben in den hocharktischen Populationen Kanadas und Alaskas). Im Gegensatz zu ihren Verwandten in warmen Regionen werfen Polarhasen nur einmal pro Jahr. Das bei Geburt graue Fellkleid färbt sich schon zwei bis drei Wochen später weiss. Bereits im September stehen sie ihren Eltern in Aussehen und Grösse in nichts nach. Bis ins Alter von acht bis neun Wochen werden die Jungen gesäugt, allerdings lässt die Mutter ihren Wurf schon nach zwei, drei Tagen tagsüber allein und erscheint in Intervallen von 18 bis 20 Stunden, um Milch zu geben. Im ersten Lebensmonat legen die Junghasen um 45 bis 50 Gramm pro Tag an Gewicht zu. Im folgenden Jahr sind die Jungen schon geschlechtsreif. Wie lange Polarhasen leben, ist unbekannt. 22 PolarNEWS

Nur vorübergehend «schlecht gekleidet»: Ein Polarhase beim Wechsel vom Winterzum Sommerfell. ordiniert: Man frisst gemeinsam, und man ruht gemeinsam. Dieser Sinn für Ordnung und Disziplin geht so weit, dass selbst die Abstände zum Hasennachbarn genau geregelt sind: Fressen in einer Distanz von ein paar Metern zueinander wird anstandslos geduldet, doch hat jeder Polarhase eine Individualdistanz von rund einem Meter, welche die Nachbarn bitte nicht unterschreiten sollten. Wer es trotzdem wagt, diese intime Zone zu verletzen, wird augenblicklich mit energischen Hieben der Vorderpfoten zurechtgewiesen. Wenn eine solche Hasenschar angegriffen wird – etwa von einem dreisten Eisfuchs – fliehen die Hasen, in dem sie ziellos durcheinander rennen und so den Angreifer verwirren. Eine Fläche, die Anfang Winter von einer grossen Polarhasen-Gruppe belebt war, kann in der Folge nicht mehr von Moschusochsen oder Karibus genutzt werden: Die lose Schneedecke wird durch die Hasen festgetrampelt und verdichtet. Im Zusammenspiel mit extremer Winterkälte und starkem Windschliff entsteht so eine feste Schneeschicht, die am Boden haftet. Sie ist zwar meist nur ein paar Zentimeter dick, aber äusserst hart und verunmöglicht es den Moschusochsen und Karibus, an die begehrte Nahrung unter dem Schnee zu kommen. Die einzigen, die damit kein Problem haben, sind die Verursacher selber. Mit ihren langen, breiten Krallen können Polarhasen selbst harte Schneedecken aufbuddeln. Und was gibt es Leckeres dort unten? Pflanzenreste, Gras, Moos und Flechten. Was einer kargen Winterspeisekarte gleichkommt. Denn sobald der Sommer anbricht, erweitert sich die Menüauswahl beträchtlich: Jetzt locken Beeren, Blätter, Wurzeln, Rinde oder Knospen. Vor allem Weiden stehen hoch im Kurs, genauer die Polar- und Krautweide, aber auch die Zwergbirke, die Schwarze Krähenbeere, der Alpen-Säuerling und Wollgras. Die nördlichsten Polarhasen der Welt, an der Nordspitze von Grönland, fressen hauptsächlich Polarweide (Salix arctica), sie wird nur wenige Zentimeter hoch. Und dann fressen sie noch etwas – ihren Kot. Die Spezies Polarhase, wie alle Hasenartigen, gehört zu den Autokoprophagen, das heisst, sie verzehrt ihre eigenen Exkremente. Weil ein einziger Darmdurchgang nicht ausreicht, die rein pflanzliche Nahrung genügend aufzuschlüsseln, ist eine zweite Darmpassage notwendig. Falsche Insel Viele Fragen zur Biologie und zum Sozialverhalten des Lepus arcticus sind bis heute ungeklärt. Vielleicht deshalb, weil andere Tiere wie Wale oder Pinguine die «interessanteren» Forschungsobjekte sind und neue Erkenntnisse zu diesen Tieren mehr Prestige versprechen. Übers Ganze gesehen, hat sich aber John Ross’ Lepus arcticus von der Possession Bay auf Baffin Island als Polarhase an die 200 Jahre lang in der Wissenschaft recht tapfer Wer sich fit halten will, muss sich zwischendurch ordentlich strecken. als eigene Tierart gehalten – trotz unzähliger Erbgutanalysen der modernen Stammbaumforschung, welche immer neue Unterarten und sogar Arten beschreibt. Einzig eine klitzekleine Unachtsamkeit ist dem alten Entdecker doch noch nachzutragen: Die Possession Bay gehört gar nicht zur Baffin-Insel! Dies bemerkte man erst im Jahre 1872, ein halbes Jahrhundert nach der Landung von Ross’ Leuten; die Bucht liegt auf der kleinen, vorgelagerten Bylot-Insel. Dass sie auf der falschen Insel entdeckt worden waren, wird die Polarhasen aber nicht sonderlich stören... PolarNEWS 23

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