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PolarNEWS Magazin - 15

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Von Heiner Kubny (Text)

Von Heiner Kubny (Text) «Er sieht harmlos aus, zählt aber zu den gefährlichsten Tieren der Ozeane. Am Ende der Welt herrscht er unerbittlich – ein gefährlicher Feind im offenen Meer der Antarktis.» So beschrieb das Schweizer Fernsehen den Seeleoparden in einer «Dok»-Sendung. Was für eine masslose Übertreibung! Es stimmt zwar: Seeleoparden sind die einzige Robbenart, die neben Fischen und Krill auch Pinguine und Jungtiere anderer Robbenarten frisst (alle Robbenarten gehören zur Ordnung der Raubtiere). Aber deswegen sind Seeleoparden keine Packeistyrannen und schon gar keine Pinguinfressmaschinen. Oder käme jemand ernsthaft auf die Idee, den Löwen als Zebrafressmaschine zu bezeichnen, bloss weil er Zebras frisst? Damit das also klargestellt ist: Hat ein Seeleopard keinen Hunger und ist folglich nicht auf der Jagd, kann er sich nur wenige Meter neben einer Pinguinkolonie aufhalten, ohne dass die Pinguine nervös werden. Zudem geht man heute davon aus, dass Pinguine und Robben-Jungtiere zusammen nur knapp die Hälfte seiner Nahrung ausmachen. Die andere knappe Hälfte besteht aus Krill, den der Seeleopard durch den hinteren, gezackten Teil seiner Zahnreihen siebt – diese Gebiss-Struktur ist sehr ungewöhnlich und passt zum ebenso untypischen Speiseplan. Rund zehn Prozent aller Beute besteht aus Fischen und Tintenfischen. Alfred Brehm erzählt in «Brehms Tierleben» 1914 von einem auf Südgeorgien erlegten Seeleoparden, in dessen Magen zwei kleine Sturmvögel gefunden wurden, «die sich ohne Schwierigkeit als Pelecanoides urinatrix Gm. erkennen liessen». Brehm sah darin «glänzende Beweisstücke für die ausserordentliche Gewandtheit des Seeleoparden in der Kunst des Schwimmens und Tauchens». Das «Grosse Farbige Tierlexikon» von 1976 beschreibt den Seeleoparden wesentlich treffender als das Schweizer Fernsehen: «Trotz seines beinahe raubtierartigen Gebisses und seines Namens ist der Seeleopard kaum gefährlicher als andere Seehunde.» Sie selber müssen sich ihrerseits vor dem Schwertwal in Acht nehmen, dem anderen Predator der Antarktis. Vorsicht ist angebracht Trotzdem bleibt der Seeleopard ein Raubtier, und vor einem solchen ist grundsätzlich Vorsicht geboten. Das gilt auch für Menschen. Polarforscher wissen das: Schon Ist der Jäger satt oder müde, haben Pinguine nichts zu befürchten. Dann bleiben sie entspannt, obwohl der Fressfeind ganz nah ist. Mit seinem aussergewöhnlichen Gebiss kann der Seeleopard sowohl Beute schlagen als auch Krill aus dem Wasser filtern. Ernest Shakletons Begleiter Thomas Orde- Lees wurde vor 100 Jahren so lange von einem Seeleoparden verfolgt, bis dessen Kollegen das Tier erschossen. 1985 wurde der schottische Polarforscher Gareth Wood von einem Seeleoparden ins Bein gebissen: Woods Kollegen mussten das Tier mehrmals mit ihren Steigeisen-besetzten Schuhen in den Kopf treten, bevor es seine Beute freigab. Im Juli 2003 wurde die englische Meeresbiologin Kirsty Brown beim Schnorcheln von einem Seeleoparden in die Tiefe gezerrt – sie ertrank. Die gegenteilige Erfahrung machte der kanadische Fotograf Paul Nicklen: Während er Unterwasser-Aufnahmen eines Seeleoparden machte, erlegte dieser wiederholt einen Pinguin und legte den toten Vogel dem verdutzten Fotografen auf die Kamera. Das spektakuläre Bild (siehe vorhergehende Doppelseite), das dabei entstand, wurde zum Natur-Pressebild des Jahres gekürt. Ganz offensichtlich betrachtete die Robbe den schwimmenden Menschen als Freund und brachte ihm Futter. Nicklen erzählt diese Begegnung sehr berührend unter www.ted.com/ talks/paul_nicklen_tales_of_ice_bound_ wonderlands.html Geheimnisvoller Solist So selten solche Vorfälle sind, so wenig haben die Biologen bisher über die Seeleoparden herausgefunden – was daran liegt, dass diese zur Familie der Hundsrobben gehörenden Tiere nicht nur als Einzelgänger leben, sondern auch in den schier endlosen Weiten des 1 Million Quadratkilometer grossen Packeisgürtels rund um die Antarktis zu Hause sind: Forschungsprojekte sind deshalb extrem teuer. Man weiss immerhin, dass verschiedene Altersgruppen von Seeleoparden unterschiedli- Bilder: Paul Nicklen/National Geographic, Göran Ehlmé/National Geographic, Heiner Kubny, Christian Hug 58 PolarNEWS

Grössenvergleich: Ein ausgewachsenes Weibchen bringt Paul Nicklen einen toten Pinguin. So entstand das Bild auf der vorhergehenden Doppelseite. che Lebensräume bevorzugen: Ausgewachsene Seeleoparden sind häufig am äusseren Rand des antarktischen Packeis-Gürtels zu finden, während die Jungtiere den Winter meistens in der Nähe der subantarktischen Inseln verbringen. Hin und wieder trifft man Seeleoparden auch in Australien, Neuseeland oder Feuerland an: vermutlich haben sich diese Tiere verirrt. Grosser Unterschied Zwischen November und Februar, also im Südsommer, paaren sich die Tiere, die ansonsten keinen weiteren Kontakt mehr pflegen. Zwischen dem folgenden September und Januar wirft das Weibchen auf einer Eisscholle ein Junges, das rund 30 Kilogramm schwer ist und eineinhalb Meter lang. Es wird rund vier Wochen gesäugt. Mit drei bis vier Jahren werden die Jungtiere geschlechtsreif. So ungewöhnlich wie das Gebiss ist auch der geschlechtsbedingte Grössenunterschied bei Seeleoparden: Das Weibchen übertrifft das Männchen in Grösse und Gewicht. Während es ein ausgewachsenes männliches Exemplar bei rund 3 Metern Maximallänge auf etwa 270 Kilo Gewicht bringt, schafft das Weibchen 400 Kilo bei knapp vier Metern Länge. Warum das so ist, weiss man bisher nicht genau. Beide Geschlechter tragen ein gleichermassen graues Fell mit schwarzen Punkten, die dem Seeleoparden den Namen gegeben haben. Charakteristisch ist auch die schwarze und in den Mundwinkeln hochgezogene Linie um sein Maul, die bei uns Menschen den Eindruck erweckt, als würde das Tier lachen. Neugierige Tauchprofis Wie Alfred Brehm schon vermutet hatte, sind Seeleoparden tatsächlich sehr gute Schwimmer und Taucher – das müssen sie als Unterwasserjäger wohl sein. Ihre Vorderflossen sind überdurchschnittlich lang, sie beschleunigen mit synchronen Flossenstössen auf bis zu 40 Stundenkilometer und können bis zu 15 Minuten unter Wasser bleiben. Normalerweise holen sie aber alle drei, vier Minuten Luft. Bei der eingangs erwähnten «Dok»-Sendung handelt es sich übrigens um den Film «Seeleoparden – Eiskalte Jäger» des schwedischen Unterwasserfilmers Göran Ehlmé, der sehr sehenswert ist: Ehlmé hat die Tiere mehrere Jahre beobachtet und begleitet. Er selber würde die Seeleoparden nie als Killermaschinen bezeichnen, im Gegenteil. In einem Interview mit «National Geographic» sagte er: «Diese Robben sind vor allem neugierig. Anderen Tauchern sage ich immer: Wenn ihr Angst habt, macht einfach die Augen zu. Dann öffnet sie wieder. Die Robbe wird euch nicht beissen, aber sie kommt euch sehr nahe. Das dichte Fell und die Zeichnung um die Schnauze verleihen dem Seeleoparden ein freundliches Au ssehen. PolarNEWS 59

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