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PolarNEWS Magazin - 15

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Interview «Ich mag

Interview «Ich mag Logistik» Eigentlich gehört ihm ein Pharma-Weltkonzern. Frederik Paulsen reist aber lieber zu den Polen. Im Interview spricht er über seinen Entdecker-Trieb und seine Lust am Abenteuer. Interview: Christian Hug Bilder: Polepictures, Heiner Kubny Letzten Januar unternahmen Sie eine Expedition zum magnetischen Südpol 1 , scheiterten aber. Was ging schief? Der magnetische Südpol, befindet sich zurzeit vor der Küste der Ostantarktis bei Längengrad 137,25 Ost und Breitengrad 64,25 Süd, 272 Kilometer vor der französischen Station Dumont d’Urville. Ausgerechnet in der Zeit, als wir es versuchten, war dieses Gebiet zu dick von Festeis bedeckt. Unser Schiff kam nicht durch. Sie waren bereits auf sieben der acht verschiedenen Pole 2 , Ihnen fehlt nur noch dieser eine, dann wären Sie der erste Mensch 1 www.welt-atlas.de/datenbank/karte.php?kartenid=0-9020 2 Die vier Pole: Geographischer Pol (wo die Längengrade zusammenlaufen), Pol der Unzugänglichkeit (die geographische Mitte innerhalb der Arktis beziehungsweise der Antarktis), Geomagnetischer Pol (basierend auf der Annahme, dass sich im Innern der Erde ein Stabmagnet befindet. Dieser Pol wandert), Magnetischer Pol (der Punkt, an dem die magnetischen Feldlinien des Erdmagnetfelds vertikal zur Erdoberfläche Richtung Erdmittelpunkt stehen. Diese Pole wandern ebenfalls. Physikalisch gesehen ist der magnetische Südpol eigentlich der magnetische Nordpol und umgekehrt). überhaupt, der auf allen acht Polen gewesen wäre. Sie würden einen Weltrekord schaffen und die Seven Summits 3 in den Schatten stellen... Es gibt ja zum Glück die Möglichkeit, einen zweiten Versuch zu wagen. Zum magnetischen Nordpol musste ich auch zweimal aufbrechen: Denn als ich 2004 zum ersten Mal dort war, wo die Geophysiker ihn definiert hatten, war der Pol längst weitergewandert. Ich werde also auch zum magnetischen Südpol eine zweite Expedition planen. Wenn man ein Ziel vor Augen hat, dann muss man hin? Genau. Was fasziniert Sie an den Polen? Es ist einfach wunderschön dort, diese wunderbare Ambiance, das Weiss des Schnees, die Sonne, die darauf scheint, der Wind, der über den Schnee zieht... das ist einfach hinreissend. 3 Ein Bergsteiger-Traum: Wer die Seven Summits geschafft hat, hat den jeweils höchsten Berg eines jeden Kontinents bestiegen. Kommt dazu: Ich mag Logistik, und die ist nirgends so aufwändig wie in den polaren Gebieten. Das interessiert mich, das liegt vielleicht in meinem deutschen Blut. Die «Mir»-Expedition 4 benötigte sieben Jahre Vorbereitungszeit... Es war 1999 oder 2000, da sassen einige Leute am Tisch, und einer sagte: «Aber keiner war je am richtigen Nordpol.» So ergab das eine das andere, und daraus entwickelte sich die Idee, zum Nordpol am Meeresboden zu gehen. Die Planung war schwierig, aber nicht unmöglich: Es gibt Eisbrecher, es gibt Flugzeuge, und sogar die Unterseebote existierten schon. Die Fortbewegungsmittel waren also nur eine Frage des Geldes. Das Problem war, all diese Gefährte zu einem definierten Zeitpunkt zusammenzukriegen, die Crews zusammenzubringen, die Zulassungen und Erlaubnisse zu organisieren. 4 Am 2. August 2007 tauchten die beiden Tiefsee-Unterseebote «Mir 1» und «Mir 2» über 4200 Meter unter das arktischen Eis bis zum Meeresgrund, wo sich der geographische Nordpol befindet. Der russische Polarforscher und Politiker Artur Chilingarov setzte dort eine russische Flagge und erhob anschliessend den Anspruch Russlands auf die Arktis. www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,497827,00.html 50 PolarNEWS

Acht Pole, der Nordpol am Meeresboden, im Ultra-Leichtflugzeug über die Beringstrasse: Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre ausgefallenen Unternehmungen? Polarexpeditionen sind vergleichbar mit militärischen Unternehmen, und wie bei einer militärischen Übung gibt es auch bei Expeditionen lange Phasen, in denen man rumsitzt und wartet – ich schätze rund achtzig Prozent der Zeit. Während man sich die Langeweile mit Plaudern vertreibt, entstehen die wildesten Ideen. Es sind ja auch alles ziemlich angefressene Menschen, die auf solchen Expeditionen mit dabei sind. Manche von diesen Ideen werden später umgesetzt. Warum wagen Sie solche Abenteuer? Weil ich Dinge tun möchte, die vor mir noch niemand getan hat. Sie haben sicher schon darüber nachgedacht, woher dieses Verlangen kommt. Das klingt vielleicht ein bisschen lächerlich, aber in der Geschichte der Menschheit ist der Entdecker-Trieb der Motor der Evolution. Man versucht ja immer, so nahe wie möglich an Grenzen zu kommen. Oder sie zu überschreiten. Und die Expeditionen, die wir machen, sind ja nicht ungefährlich. Gehen Sie auch Risiken ein, die Sie Ihr Leben kosten könnten? Nicht mutwillig. Man bereitet sich ja auch deshalb so lange auf Expeditionen vor, um Risiken zu minimieren. Aber Gefahr ist nie auszuschliessen. Bei der Tauchaktion am Nordpol 2007 wurde es unverhofft sehr brenzlig: Beim Aufstieg der U-Boote gaben alle Navigationsgeräte den Geist auf, wir waren zwei Stunden ohne Kontakt zum Atom-Eisbrecher. Wie sollten wir nun das winzige Loch in der Eisdecke finden, durch das wir ins Wasser gelassen wurden? Mein Freund Mike McDowell 5 , mit dem ich schon viele Expeditionen unternommen habe und der auf dem Eisbrecher war, hatte die rettende Idee, eine Lampe an einem Tau ein paar hundert Meter ins Wasser herabzulassen: Tatsächlich sahen wir vom U-Boot aus diese Lampe leuchten und fanden so das Loch in der Eisdecke. Da haben Sie um Ihr Leben gefürchtet? In so einer Situation kann man ja nur eines tun: Ich bin eingeschlafen. Uups... darf man das, als Abenteurer in Lebensgefahr? Nun ja, wir hatten Sauerstoff für drei Tage an Bord... Ein Entdecker sagte mal: Der Unterschied zwischen einem Pionier und allen anderen ist der, dass der Entdecker im Inneren keinen Stopp-Knopf hat. Das ist absolut richtig. Um nochmal auf meinen australischen Freund Mike McDowell zurückzukommen: Er ist jetzt 64, und er sagte mir vor einiger Zeit: Ich werde nie aufhören, ich kann nicht. Wenn Sie im Innern diesen Stopp-Knopf nicht haben: Zählt das auch für Ihre Arbeit hier in Ihrer Firma Ferring 6 ? Ich glaube, meine Mitarbeiter sind ganz froh, dass ich so viel weg bin. So haben sie genügend Raum, sich zu entfalten. Können Sie eine so grosse Firma wie die Ferring mit weltweit fast 4000 Angestellten überhaupt führen, wenn Sie so oft nicht im Büro sind? Ich hatte lange eine relativ unglückliche 5 Der in Sydney wohnende Australier ist auf Tiefsee- Expeditionen spezialisiert. Seite in Englisch: www.deepoceanexpeditions.com/mike_ mcdowell.html 6 www.ferring.com Doppelfunktion inne: Ich war alleiniger Repräsentant des Besitzers der Firma Ferring und ich war gleichzeitig deren Geschäftsführer. Weil eine Firma aber verschiedene Kompetenzen braucht, übergab ich vor zehn Jahren die Geschäftsleitung an einige Geschäftsführer. Seither habe ich mehr Zeit, um mich um andere Dinge zu kümmern. Ich kann jetzt drei Wochen weg, ohne dass mich jemand vermisst. Sie haben drei erwachsene Kinder: Sind sie bei Ferring aktiv? Nein. Mein ältester Sohn arbeitet in London, mein zweiter Sohn in Paris, und die Tochter studiert an der Uni in Boston. Ich staune übrigens immer über meine Kinder: Sie sind so unheimlich angepasst! Sie tragen schicke Anzüge, benehmen sich artig, sind sehr konservativ, fallen nicht auf... Ich war in diesem Alter anders, wir hatten die 68er- Bewegung. Ich bin jetzt 61, und ich denke, die Generation meiner Kinder ist weltweit sehr konservativ. Das ist ein harter Vorwurf... Das war nicht als Vorwurf gedacht. Ich beobachte das einfach. Waren Sie ein aktiver 68er? Ich war nie auf der linken Seite, aber im Zuge der 68er-Bewegung hatte ich als Teenager klare Ziele: Ich würde nie im Leben in der Firma meines Vaters arbeiten, und ich würde schon gar nie in dieser kleinbürgerlichen Schweiz wohnen. Das war für mich sonnenklar. Nun haben Sie die Firma Ihres Vaters übernommen und deren Mutterhaus an den Genfersee verlegt... Nun ja, man verändert und entwickelt sich, zum Glück. Entscheidender ist: Die heutige Generation zwischen zwanzig und dreissig hatte nie eine revolutionäre Phase. Sie sind gemäss der «Bilanz» einer der 115 reichsten Menschen der Schweiz: Da kommt die Idee auf, dass Sie all diese Expeditionen zu Ihrem reinen Vergnügen unternehmen. Dazu möchte ich zuerst sagen, dass diese jährliche Liste total lächerlich ist: Wie sollen denn die Journalisten diese Vermögen errechnen, wenn sie zu den meisten Firmen überhaupt keine relevanten Zahlen zur Verfügung haben? Und zur Hobby-Frage: Dieser Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen. Immerhin koppeln wir unsere Expeditionen immer mit wissenschaftlichen Forschungen. Nicht, dass wir selber forschen, aber wir PolarNEWS 51

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