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PolarNEWS Magazin - 15

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Einmal mehr zwingen

Einmal mehr zwingen Stürme und Kälte die Crew zum Rückzug. 1895 bricht sich Peary ein Bein und wird von Henson gerettet. vierzehn Monate nach Nordgrönland geht, um dort die Küste zu kartografieren. Henson gewinnt schnell das Vertrauen der Inuit: Er lernt deren Sprache, lebt deren Kultur und hat eine Geliebte. Peary nimmt fortan Henson auf allen seinen Grönlandexpeditionen und Vorstössen zum Nordpol mit – in seinen Augen ist Henson der beste Hundeschlittenführer, betrachtet ihn aber weiterhin als seinen persönlichen Diener. Dass Henson als solcher vor Peary am vermeintlichen Nordpol ankommt, ist für den Chef deshalb nicht von Belang. Das sieht auch die National Geographic Society so: Sie ehrt Peary mit der Gold Medal Of Achievment – und Henson mit Verachtung. Sogar Peary wendet sich von Henson ab: Er bricht den Kontakt zu ihm ab und stoppt eine Vortragstournee Hensons mit juristischen Mitteln. Die beiden Bücher, die «der Neger» über seine Expeditionen zum Nordpol schreibt, finden kaum Beachtung. Und trotzdem hält Henson sein Leben lang zu Peary. Er verdient seinen Unterhalt 30 Jahre lang als Laufbursche, stirbt am 9. März 1955 als armer Mann und wird in der Bronx begraben. Immerhin: 1988 wird Hensons Leichnam exhumiert und neben Pearys Grab im Arlington- Nationalfriedhof nahe Washington beigesetzt. Ein Inuit-Schamane zeichnet eine Maske um Henson: Er gerät in den Bann von Tahnusuk. Symbolisch: Inuit-Götter ergreifen Besitz von den Expeditionsteilnehmern. Ignorierter Held: Zurück in Amerika, bekommt Henson die Rassentrennung zu spüren. 46 PolarNEWS

Was ist real, was ist mystisch? Der stille Henson ist hin- und hergerissen. Eismeer: In klaren, einfachen Linien zeichnet Schwartz eindrückliche Szenarien. Erst Jahr 2000 verleiht ihm die National Geographic Society posthum die Hubbard- Medaille. Literarische Annäherung Obwohl Henson zu den wichtigen Figuren der Weltgeschichte gehört, ist kaum mehr über ihn bekannt als oben notiert. «Wir wissen heute nicht mal mit Sicherheit, ob Henson lesen und schreiben konnte», sagt Simon Schwartz, «wahrscheinlich hat er seine beiden Bücher diktiert. Auch in seiner Autobiographie ist im Grunde sehr wenig über den Menschen Matthew Henson zu erfahren.» Eine grosse Herausforderung für einen, der das Leben dieses verkannten Helden als Comic nachzeichnen will. Zweieinhalb Jahre hat er an diesem Buch gearbeitet. Wie hat Simon Schwartz das Problem gelöst? «Mein Buch erhebt nicht den Anspruch, radikal biographisch zu sein. Es ist eine literarische Annäherung, in der ich mir gewisse Freiheiten leiste. So konnte ich verschiedene Erzählebenen und Themen ideal miteinander verknüpfen.» Deshalb habe er im Anhang des Buches die historischen Eckdaten von Henson, Peary und ihren Expeditionen aufgelistet, «damit alle gesicherten Fakten ebenfalls ersichtlich sind.» Spannend und lehrreich Das Comic-Buch «Packeis» erzählt in klaren Strichen vom schweigsamen Henson, zeichnet Peary als herrischen Kommandanten und dessen Frau Josephine als seine mürrische Begleiterin (siehe auch Seite 28 in diesem Heft). Hensons Frau Lucy stellt Matthew die Fragen, die Schwartz in seinen Recherchen nicht beantworten konnte, und überlässt so die letzte Interpretation den Lesern. Geschickt ist auch das Thema Rassismus in diese graphische Novelle eingewoben – in Form des Inuit-Gottes Tahnusuk, der Henson eine Maske auflegt, letztlich aber bezwungen wird. Viele historische Fotos sind nachgezeichnet. «Packeis» ist ein spannend erzähltes, eindrücklich gezeichnetes und lehrreiches Comic, das uns eine Geschichte näherbringt, die uns noch heute bewegt. Zweieinhalb Jahre hat Simon Schwartz An seiner zweiten Graphic Novel gearbeitet. Simon Schwartz: «Packeis». Avant-Verlag, 175 Seiten PolarNEWS 47

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