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PolarNEWS Magazin - 15

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ist jedoch der

ist jedoch der Engelhardt-See unter dem Whillans-Gletscher, den die Amerikaner im kommenden Winter durchstossen wollen. Dieser See entleert sich regelmässig ins Schelfeis. Weil die Gletscher der Antarktis in steter Bewegung sind, schieben sie sich in schier unendlicher Langsamkeit über die subglazialen Seen. Das bedeutet, dass neues Gletschereis schmilzt und in den See gelangt, während altes Seewasser gefriert und mit dem Gletscher fortgetragen wird. Es findet also auch in stehenden Seen ein Wasseraustausch statt. Wie intensiv dieser Austausch und wie alt das Wasser im See folglich ist, darüber kann man allerdings nur mutmassen. Dass dieser Austausch aber stattfindet, beweisen die Mikroben-Funde der Russen über dem Lake Wostok. Querschnitt: Mit einer Heisswassersonde bohren die Engländer 3200 Meter tief zum Lake Ellsworth, der zwischen zwei subglazialen Gebirgen eingebettet ist. Drittens: Geschmolzenes Eis kann sich in den Bergtälern ansammeln, es bilden sich subglaziale Seen. Bis heute sind knapp 400 verschiedene solche Seen bekannt und kartografiert, wobei die meisten von ihnen erst in den letzten paar Jahren erfasst wurden. Sie sind wahrscheinlich 5 bis 15 Millionen Jahre alt, andere Schätzungen gehen bis zu 33 Millionen Jahre. Aufgrund des Drucks, der im Wasser herrscht (man schätzt 300 bis 400 Bar), ist das Wasser zwar minus 3 Grad kalt, aber trotzdem flüssig. In ihm ist auch wesentlich mehr Sauerstoff gebunden als in einem überirdischen See. Die meisten subglazialen Seen sind stehende Gewässer wie etwa der Lake Wostok und der Lake Ellsworth. Andere Seen liegen Hunderte von Kilometern auseinander, sind aber durch Wasserläufe und subglaziale Flüsse miteinander verbunden und tauschen Wasser aus. Das können Forscher anhand von Satellitenmessungen feststellen: Über dem einen See hebt sich an der Oberfläche das Eis an, über einem anderen See senkt sich das Profil – die Massen der Erhebung und der Senkung sind sich in etwa gleich. Manche Flüsse, haben Forscher errechnet, sind so mächtig wie die Themse. Auch die Enden des Wostok-Sees heben und senken sich, was auf eine Strömung innerhalb des Sees schliessen lässt, die die Forscher in diesem Fall aber nicht auf ein subglaziales Fluss-System zurückführen, sondern auf ein Ausgleichen des Drucks der wandernden Eisdecke. Definitiv Teil eines riesigen Wasser-Austausch-Systems Die Bohrung geht weiter Man weiss heute auch, dass sich am Grund mancher Seen Sedimentschichten gebildet haben, also Ablagerungen von Material. Auch hier hoffen die Forscher, unbekanntes und uraltes Leben zu finden. Ein weiterer Grund also, Wasserproben absolut steril zu entnehmen. Im Jahr 2005, acht Jahre nach dem verhängten Baustopp am Wostok-See, durften die Russen ihre Bohrung wieder aufnehmen. Sie hatten ein System mit keimfreiem Silikon-Öl entwickelt und in Grönland getestet, das eine sterile Wasserentnahme garantiert. (In Grönland gibt es übrigens keine subglazialen Seen: Dazu ist der Untergrund zu flach und das Eis zu stark in Bewegung.) Doch die Bohrungen erwiesen sich als technisch überaus schwierig. Das vergleichsweise warme Eis über dem See verklebte immer wieder den Kernbohrer. Dazwischen lagen metergrosse Eiskristalle im Weg, so hart wie Diamanten. 2006 brach der Bohrer ab. 2008 riss das Stahlseil, an dem der Bohrer hing. Das sind überaus dramatische Komplikationen, wenn man bedenkt, dass wegen der extremen Kälte und der Südpolarnacht in der Wostok-Gegend pro Jahr lediglich einige Tage gebohrt werden kann. Pro Bohrsaison kamen die Forscher nur 15 bis 20 Meter tiefer. Es ist vollbracht Am 5. Februar dieses Jahres war es endlich soweit: Nur wenige Stunden, bevor die Bohrsaison zu Ende ging und das Gros der Wissenschaftler sich wieder auf dem Heimweg machte, durchbrach der Bohrkopf die Eisdecke und stiess in den Wostok-See. Der unterste Teil des Bohrlochs wurde, so beschreibt es Valery Lukin, der Direktor des 40 PolarNEWS

Bilder: NOC, Nasa russischen Antarktis-Programms, mit sterilem Silikon-Öl gefüllt, dessen Dichte leichter ist als diejenige von Wasser. Der Druck, der im See herrscht, presste das Wasser ins Bohrloch hinein, wo es gefror und den See wieder verschloss wie ein Pfropfen. Noch konnte dieses See-Eis nicht geborgen werden. Die Forscher mussten die Station verlassen, bevor die Temperaturen so tief fallen, dass im Flugzeug die Hydraulikflüssigkeit gefriert und ein Abflug unmöglich wird. Einen spannenden Kurzfilm zu diesem Abenteuer gibt’s übrigens im Netz zu sehen unter www.bbc.co.uk/news/ world-16958970. Im Südsommer 2012/2013, wenn die Station wieder in Betrieb ist, soll das gefrorene Seewasser aus dem Bohrloch herausgeholt und in das Arctic and Antarctic Research Institute in St. Petersburg transportiert werden, wo es voraussichtlich im Mai 2013 im neu gebauten Labor auf Bakterien und DNA untersucht wird. Ebenfalls in der nächsten Bohrsaison soll ein Schwimmroboter in den See tauchen, der neue Wasser- und sogar Bodensediment-Proben sammelt. Die Auswertung von Satellitenaufnahmen über dem Lake Engelhardt, den die Amerikaner nächstes Jahr anbohren wollen. Das «englische System»: Eine Sonde verspritzt Heisswasser und schmelzt sich so durchs Eis – hier bei einem Test in England. Die Raumfahrt lernt mit Auch die englische Bohrmannschaft über dem westantarktischen Ellsworth-See hatte gehofft, schon dieses Jahr «ihren» See anzustechen, nun ist ihr grosser Durchstich auf den kommenden Oktober verschoben. Im Gegensatz zu den Russen werden die Engländer mit ihrer 70 Tonnen schweren Ausrüstung den 3200 Meter unter der Eisdecke verborgenen Lake Ellsworth nicht mit einem Bohrkopf anstechen. Sie setzen auf heisses Wasser, das sich in die Tiefe «frisst», und eine fünf Meter lange Wärmesonde, die die letzten Meter durchschmilzt. Diese soll dann, wenn alles klappt, 24 verschiedene Wasser- und Sedimentproben aufnehmen. Dann kehrt sich die Sonde um und schmilzt sich erneut durchs Eis, aber diesmal nach oben. Zusätzlich wird eine Kamera mit Scheinwerfer an der Sonde angebracht sein. Wegen der Heisswassertechnik sind allerdings nur vier Bohrtage möglich. Auch die Amerikaner hoffen, in der kommenden Südsommer-Saison den Whillans- Gletscher zu durchbohren. Wir dürfen also in den nächsten Jahren auf eine Fülle von Informationen über die subglazialen Seen und vor allem das Leben darin erwarten. Vielleicht werden die Entdeckungen unsere Definition von Leben grundsätzlich verändern. Vielleicht finden die Forscher auch gar keine Lebewesen in den Seen, weder Viren noch Bakterien und auch keine Pilze. Auch das wäre eine wichtige Information. Denn so könnte man neu definieren, bis zu welchen äusseren Umständen Leben überhaupt möglich ist. So oder so: Von den Erkenntnissen aus den Wasserproben wird auch die Raumfahrt profitieren. Dereinst soll ein Satellit eine ähnliche Bohr-Ausrüstung hoch zum Jupitermond Europa transportieren, wo sie den Eispanzer des Mondes durchbrechen und zum darunter liegenden Ozean vorstossen soll. Vielleicht schon 2017, wenn die Nasa ihren nächsten Satelliten zum Europa hochschiessen will. Die Sonde hat bereits einen Namen: Susi (Sonde Under Shelf Ice). Sie ist die Weiterentwicklung der Technik, die jetzt schon in der Antarktis zum Einsatz kommt. Uns stehen also aufregende Zeiten bevor. Leider wird Andrey Kapitsa, der Geograph, der 1959 den Lake Wostok entdeckt hatte, daran nicht mehr teilhaben. Er erlebte nicht mal den gloriosen Durchstich «seines» Sees: Er verstarb am 2. August letzten Jahres in Moskau. PolarNEWS 41

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