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PolarNEWS Magazin - 15

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Als sie in Paris

Als sie in Paris eintraf, waren die meisten Gebiete bereits vergeben. Die Amerikaner hatten sich den prestigeträchtigsten Südpol unter den Nagel gerissen, und die russische Delegation konnte bloss noch nehmen, was übrig blieb. Sie entschied sich für das Wilkesland in der Ostantarktis. Plötzliches Interesse Zwei Jahre später errichteten die Russen dort ihre Station, rund 1000 Kilometer vom Südpol entfernt. Sie nannten sie Wostok. Bald stellte sich heraus, dass hier auch der Kältepol der Erde liegt: Mit minus 89,2 Grad wurde hier am 21. Juli 1983 die kälteste je auf Erden gemessene Temperatur registriert. Die Bürokratie ermöglichte also letztlich die Entdeckung des ersten subglazialen Sees. Doch Andrey Kapitsa konnte dessen Existenz nicht beweisen. Seine Radar- Ergebnisse blieben bloss Anhaltspunkte, Verdachtsmomente. Und wenn auch, das hätte nichts zu bedeuten, es ist ja bloss Wasser. So dachten jedenfalls die anderen Wissenschaftler auf der Welt – und massen Kapitsas Entdeckung keinerlei Gewicht bei. Denn entsprechend dem damaligen Stand der Wissenschaft war die Existenz von Leben in absoluter Dunkelheit und so hohen Druckverhältnissen schlicht undenkbar. Obwohl nur drei Jahre zuvor Jaques Piccard und Don Walsh als erste Menschen im Marianengraben bis zum tiefsten Punkt des Meeres vorgedrungen waren und in fast 11 Kilometern Tiefe Leben entdeckt hatten. Unterirdische Dunkelstellen interessierten kaum jemanden, denn die Welt blickte nach oben, sie lag grad im Raumfahrtfieber. Die Eroberung des Mondes war wichtiger als die Erforschung der Tiefen der Erde. Die Lehre, unter welchen Umstände Leben möglich ist, änderte sich schlagartig, als 1977 kilometertief unter der Meeresoberfläche hydrothermale Schlote entdeckt wurden. Auf diesen Schwarzen Rauchern krabbelten Tieren rum, die ohne Sauerstoff und in 450 Grad heissem Wasser existieren konnten. Man sprach von extremophilen Lebewesen. Wenn unter solchen Umständen Leben möglich war – dann vielleicht auch im Lake Wostok? Gleichzeitig entdeckten Geographen mit neuen radiologischen Messungen weitere subglaziale Seen in der Antarktis, und die Wissenschaftler auf Wostok trieben erste Bohrungen ins Eis – vorerst aber eher zur Erforschung des prähistorischen Klimas (die Daten dieser Station sind heute einer der wichtigsten Pfeiler der Klimaforschung). Denn die Ausrüstung war technisch noch nicht soweit, in wirklich tiefe Tiefen vorzustossen. Erst ab 1992 waren sogenannte Tiefenbohrungen möglich. Handfeste Beweise 1993 erforschten die Engländer zusammen mit Andrey Kapitsa mit den neusten Radar- Messmethoden das Gebiet um den Wostok- See erneut und gelangten zu erstaunlichen Ergebnissen: Dieses subglaziale Gewässer ist rund 250 Kilometer lang und rund 50 Könnte man den durchschnittlich 2000 Meter dicken Eispanzer der Antarktis hochheben, käme ein weitverzweigtes System von Flüssen und Seen zum Vorschein. Kilometer breit und mehr als 500 Meter tief, also rund 20 Mal so gross wie der Bodensee mit 100 Mal soviel Wasser. 1996 publizierten Kapitsa und das englische Forscherteam ihre Erkenntnisse im eingangs erwähnten Wissenschaftsjournal Nature. Im selben Jahr lieferte die Weltraumsonde Galileo die ersten Bilder der vier grossen Jupitermonde, und was für eine Überraschung: Sie waren grossflächig mit Eis bedeckt – die Beschaffenheit der Oberfläche liess den Schluss zu, dass sich darunter wahrscheinlich flüssiges Wasser befindet – und nun wollte man natürlich wissen, ob in diesem bedeckten und versteckten Meer ausserirdisches Leben schwamm. Plötzlich war der Wostok-See von grösstem Ein Geograph zü 38 PolarNEWS

ndet eine Sprengung auf dem Eis. Die Druckwellen gehen durch das Eis und werden am Boden reflektiert. Anhand dieser «Echos» eruieren Forscher das Profil des Bodens. Bilder: Zina Deretsky/NSF, NOC, Alexey Ekaikin/Wostok-Station Interesse, sogar für die amerikanische Weltraumbehörde Nasa: Wenn man beweisen konnte, dass im Wostok-See Lebensformen vorkommen, könnte es auch Leben auf den Jupitermonden geben. Und wenn man weiss, wie man eine solche Bohrung in der Antarktis vornimmt, dann hat man schon mal erste Erfahrungen gesammelt für eine Bohrung auf den Jupitermonden. Spuren von Leben entdeckt Tatsächlich entdeckten die russischen Forscher in den Bohrkernen von rund 160 Metern über dem Seespiegel beziehungsweise in einer Tiefe von 3590 Metern im Eis extremophiles Leben: Mikroorganismen, die denen an den Schwarzen Rauchern in der Tiefsee ähnlich sind. Der an die Oberfläche geholte Bohrkern enthielt kein Gletschereis, sondern gefrorenes Seewasser. Die Hoffnung, im Wostok-See weitere, vielleicht sogar lebende Lebewesen zu finden, stieg enorm. Doch 1998 pfiffen die UNO und die Antarktis-Konvention die Russen zurück und erwirkten einen Bohrstopp. Denn die Forscher schütteten Tonnen von Kerosin und dem Kühlmittel Freon in das Bohrloch, um zu verhindern, dass selbiges zugefriert und man die Bohrungen von vorne beginnen müsste. Und das wiederum war eine ernsthafte Gefahr: Wenn nämlich das Eis tatsächlich durchbohrt und der See angestochen wird, und es würden Kerosin und Freon ins Wasser gelangen, wäre der ganze See verunreinigt. Unter Umständen würden die giftigen Flüssigkeiten sämtliches Leben vernichten, so es denn welches gibt im See. Mit Sicherheit aber würden das Kerosin und das Freon sämtliche Messergebnisse beeinflussen, um nicht zu sagen: verfälschen und unbrauchbar machen. Das musste unter allen Umständen verhindert werden. Die Russen mussten eine Technik entwickeln mit einer absolut sterilen Methode, Wasser und Sediment aus dem See zu bergen. Viele Fragen sind offen Über genau dieses Problem dachten auch die Engländer nach: Sie hatten ein Jahr zuvor, 1997, ihre Bohrung über dem Lake Ellsworth begonnen, einem anderen subglazialen See, zehn Kilometer lang und bis zu drei Kilometer breit. Derweil trugen die Forscher aus der ganzen Welt zusammen, was man inzwischen über subglaziale Seen wusste. Erstens: Würde man den Eispanzer der Antarktis hochheben, käme darunter eine gigantische Gebirgslandschaft mit kilometerhohen Bergen und ebenso tiefen Tälern sowie Bruchstellen der Kontinentenverschiebung hervor. Zweitens: Das gigantische Gewicht des Eispanzers bewirkt einen immensen Druck auf dessen unterste Schichten. Dieser Druck erwärmt das Eis und kann es zum Schmelzen bringen. Zusätzlich strahlt die Erde von unten herauf Wärme ab, die ebenfalls der untersten Eisschicht einheizt. Siegerbild: Das russische Forscherteam der Wostok-Station. PolarNEWS 39

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