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PolarNEWS Magazin - 15

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Forschung Gibt es Leben

Forschung Gibt es Leben unter dem Eis? Forscher der russischen Antarktis-Station Wostok haben im Februar 2012 den fast 3800 Meter unter dem Eispanzer verborgenen Wostok-See angebohrt und Proben entnommen. Nächstes Jahr werden auch die Engländer einen See anstechen. Was wissen wir über die subglazialen Seen? Und warum nützt dieses Wissen der Raumfahrt? Die zurzeit möglichen Antworten. Das Satellitenbild zeigt es klar: Das Gletschereis fast 3800 Meter über dem Lake Wostok ist so flach wie der See darunter – es spiegelt dessen Form. Von Christian Hug (Text) Die Russen haben das Kopf-an-Kopf-Rennen gegen die Engländer und die Amerikaner gewonnen: «Gestern haben unsere Wissenschaftler die Bohrung in einer Tiefe von 3768 Metern gestoppt und die Oberfläche des subglazialen Sees durchstossen», meldete die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti am 6. Februar 2012. Das englische Wissenschaftsjournal Nature stellte die Meldung gleichentags auf ihre Internetseite, und am folgenden Tag stand es in allen Zeitungen weltweit: Der Wostok-See ist angebohrt. Die Sensation war perfekt. Die Russen haben die wahrscheinlich allerletzte Terra incognita, den letzten unentdeckten Flecken auf der Erde, «beschritten», sie können sich rühmen, einer der letzten grossen Pioniertaten vollbracht zu haben, und sie werden es nun auch sein, die vielleicht einzigartige Formen von Leben entdecken werden – oder auch nicht, vielleicht haben sie am 6. Februar auch alle Hoffnung auf bisher unbekannte Lebensformen für immer zerstört... Fest steht: Der Mythos Wostok-See steht definitiv vor seiner Entschlüsselung. Die Erforschung der subglazialen Seen, so heissen die Süsswasser-Seen unterhalb des kilometerdicken Eises der Antarktis, ist einen riesigen Schritt vorwärts gekommen. Und sie wird in Zukunft rasant weitergehen: Voraussichtlich im kommenden Südsommer, also unserem Herbst/Winter, werden die Engländer den Lake Ellsworth anstechen, auch der ein subglazialer See. Und demnächst werden auch die Amerikaner ihr Bohrprojekt über dem Lake Engelhardt unter dem Whillans-Gletscher vollendet haben. Nicht beweisbare Vermutungen Damit ist ein neues Kapitel einer Geschichte eröffnet, die vor über 130 Jahren angefangen hat. Der russische Geograph und spätere Anarchist Peter Kropotkin postulierte die Idee subglazialer Seen als Erster, und 36 PolarNEWS

Bilder: Nasa, M. Studinger und R. E. Bell/Lamont-Doherty Earth Observatory Querschnitt zum Stand der Bohrungen letztes Jahr. Braun: Bergrelief. Weiss: Gletscher. Hellblau: Gefrorenes See-Eis, hier fand man Mirkoorganismen. Dunkelblau: Der Wostok-See. Ocker: See-Sedimente. zwar bereits 1876, ganze 35 Jahre vor der Eroberung des Südpols. Kropotkin vermutete, dass alleine aufgrund des Drucks der kilometerhohen Eisschicht deren unterster Teil sich erwärmen und schmelzen könnte. Und weil dieses Schmelzwasser nirgends abfliessen kann, hielt Kropotkin sogar ganze «untergletscherische» Süsswasserseen für möglich. Denn im Gegensatz zur Arktis schwimmt das Eis der Antarktis nicht auf dem Meer, sondern liegt auf einem Kontinent aus festem Grund und Boden. Kropotkin hatte zwar aufgrund seiner theoretischen Forschungen noch vor dessen Entdeckung die Existenz von Franz- Joseph-Land vorhergesagt und genoss deshalb international hohes Ansehen in Geographenkreisen. Seine Theorie der Süsswasserseen unter dem Antarktis-Eis blieb aber unbeachtet – wie hätte man sie denn überprüfen sollen? Erst mehr als 80 Jahre später, ab 1958 bis 1964, machte der ebenfalls russische Geograph und Antarktis-Erforscher Andrey Kapitsa bei der russischen Antarktis-Forschungsstation Wostok eine Entdeckung, die Kropotkins Theorie neuen Auftrieb verlieh. Mit seismologischen Messungen per Radar wollte Kapitsa die Dicke des Eispanzers erforschen und stiess bei der Auswertung der Messergebnisse auf eine frappante Unregelmässigkeit: Die Radarwellen wurden sowohl auf einer Tiefe von 3730 Metern als auch von 4290 Metern zurückgeworfen, aber nur die Radarwellen des tieferen Spiegelpunkts entsprachen eindeutig dem Muster von Festland. Die Radarwellen aus dem Bereich zwischen den beiden Spiegelpunkten entsprachen der Durchlässigkeit von Wasser. Kapitsa schlussfolgerte, dass direkt unter ihm ein 500 Meter tiefer See sein musste. Diese Vermutung deckte sich mit seiner Beobachtung, dass die Fläche rund um die Forschungsstation Wostok topfeben flach war, was nicht der üblichen Topographie des antarktischen Eises entsprach. Man wusste damals schon, dass der Eispanzer zwar in schier unendlich langsamer, aber steter Bewegung war. Das Eis der Antarktis ist in verschiedenen Gletscherströmen ständig im Fluss (siehe PolarNEWS 14, News aus der Wissenschaft). Deshalb hätte man auch im Gebiet rund um die Forschungsstation Verwerfungen, Erhebungen und Absenkungen finden müssen. Doch dem war nicht so. Hier war das Eis flach wie die Oberfläche eines Sees. Und wenn, so schlussfolgerte Kapitsa weiter, wenn da unten tatsächlich ein See sein sollte, dann war der sicher seit Jahrmillionen von Land und Eis versiegelt. Das könnte bedeuten, dass darin auch Lebewesen konserviert sind, die genauso alt waren, wie der See eingeschlossen war. Er gab seiner Entdeckung den Namen der Polarstation – Wostok-See. Glücklicher Zufall Dass die Russen ihre Forschungsstation ausgerechnet über dem bis heute grössten bekannten subglazialen See errichteten und so dessen Entdeckung erst möglich wurde, beruht auf purem Zufall. Im Jahr 1950 schlugen Wissenschaftler aus mehreren Ländern vor, die Forschung einzelner Institute zu vernetzen und den freien Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse wieder zu ermöglichen. Denn im Zuge des kalten Krieges, der damals herrschte, war der internationale Austausch der Forscher praktisch zum Erliegen gekommen. Die Wissenschaftler schlugen unter anderem vor, interessierten Ländern Gebiete in der Antarktis zuzuteilen. Nicht zuletzt deshalb, weil seit Amundsen und Scott 1912 niemand mehr am Südpol stand und die Antarktis völkerrechtlich gesehen neutraler Boden war (und bis heute ist). In den zugeteilten Gebieten sollte jedes Land eine Forschungsstation errichten und Messergebnisse austauschen. Gesagt, getan: 1955 trafen sich die Nationen in Paris zu einer Konferenz zwecks Aufteilung der Antarktis. Unglücklicherweise kam die russische Delegation wegen Ausreiseschwierigkeiten zu spät zur Konferenz. PolarNEWS 37

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