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PolarNEWS Magazin - 15

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schaft. Stundenlang zog

schaft. Stundenlang zog ich meinen Schlitten über den Gletscher und hatte das Gefühl, immer noch am selben Ort zu stehen. Die Dimensionen in der Arktis waren für mich einfach atemberaubend, erst recht als wir wieder an Bord der «Pangaea» durch die vielen Fjorde segelten, vorbei an 1000 Meter hohen, senkrechten Felswänden. Schlafen in der Felswand Einen Tag später, es war inzwischen Samstag der 20. August, erkletterten wir eine dieser senkrechten Felswände. Die drei Bergführer und Profikletterer Erwan, Manu und Meme mich überall festhalten und wurde dennoch von einer Seite zur anderen geworfen. Die Windgeschwindigkeit belief sich auf etwa 48 Knoten, also Stärke 10 auf der Beaufort-Skala. Die Wellen brachen über dem Bug zusammen, überspülten das ganze Deck, und die Gischt schränkte die Sicht extrem ein. Ich wurde unruhig, die Szenerie wirkte sehr bedrohlich. Doch Mike Horn meinte nur: «Die „Pangaea“ hat schon viel stärkere Stürme durchgestanden!» Die ganze Nacht lang taumelte die «Pangaea» durch die Wellen, bis sich der Sturm gegen Mittag langsam abschwächte. Beim Abstieg wurde es sehr dramatisch: «Watch out, rock fall!» eröffneten, während wir auf der Gletschertour waren, eine Kletterroute. Wir starteten auf Meereshöhe, direkt von der «Pangaea» aus. Dann kletterten wir 200 Meter hoch, bis wir den Übernachtungsplatz erreichten. Nachdem wir mitten in der Wand ein luftiges Nachtessen genossen hatten, bereiteten wir unsere hängenden Betten, die sogenannten Portal Edges, für die Übernachtung vor. Je zwei Personen schliefen auf einer Portal Edge. Anfangs brauchte es viel Überwindung, sich hinzulegen, doch wir gewöhnten uns schnell daran und konnten das einzigartige Erlebnis voll und ganz geniessen. Das war mit Sicherheit der ungewöhnlichste Ort, an dem ich je geschlafen hatte! Beim Abstieg wurde es allerdings dramatisch: «Watch out, rock fall!» Ich drückte mich so flach wie möglich an die Felswand und sah gerade noch, wie zwei grosse Felsblöcke keine 10 Meter an mir vorbeidonnerten. Ein Hagel aus kleinen Steinen regnete auf uns nieder. Minutenlang blieb es totenstill. Der Schock sass uns allen tief in den Knochen. Es war 4.30 Uhr morgens. Zum Glück ist niemandem etwas passiert. Wissenschaftliche Arbeit Während der ganzen Expedition führten wir mit Roswitha Stolz, Geografin an der Uni München, regelmässig Messungen für verschiedene Universitäten durch. Wir untersuchten einerseits die Temperatur und den Salzgehalt des Wassers in den verschiedenen Fjorden und im offenen Ozean, anderseits massen wir die Dicke der Auftauschicht (im Fachjargon: Active Layer) im Permafrost und die dazugehörende Vegetationsdichte. Wir notierten die Namen und die Anzahl der Pflanzenarten, die wir an den verschiedenen Orten fanden. All diese Daten trugen wir jeweils am Abend in stundenlanger Arbeit in verschiedene Tabellen ein, was viel Konzentration erforderte. Dann wurde alles in das Circumpolar Active Layer Monitoring System eingefügt, ein Programm zur weltweiten Erfassung von Daten zum Permafrost. Wir verglichen unsere Daten mit den Werten der letzten Jahre und stellten fest, dass die Auftauschicht um einiges dicker geworden ist: Der Boden wird wärmer. Der Salzgehalt hat, vor allem in den Fjorden, abgenommen, was ebenfalls deutlich auf eine langzeitige Erwärmung hinweist. Durch die hohen Temperaturen schmelzen die Gletscher im Sommer schneller und stärker ab, wodurch mehr Süsswasser ins Meer gelangt. Es entsteht eine Süsswasserschicht, welche die obersten 15 Meter des Wassers in den Fjorden umfasst. Der Salzgehalt des Wassers in dieser Schicht war so tief, dass wir sogar davon trinken konnten. Das hätte ich mir nie vorstellen können. Es war total faszinierend, alle die klimatischen Veränderungen und die teils verheerenden Auswirkungen, welche ich bisher nur theoretisch kannte, nun in Realität sehen zu können. Ein Sturm zieht auf An Bord war der Tagesablauf durch die Wach-Zeiten geregelt. Wir waren in vier Teams eingeteilt. Jedes Team hielt zwei Stunden Wache, dann hatte es sechs Stunden Pause und dann wieder zwei Stunden Wache, Tag und Nacht. Als wir nach einer zweitägigen Erstbesteigung eines Vulkans zurück an Bord waren, lichteten wir wie gewohnt den Anker und segelten dem nächsten Abenteuer entgegen. Ich hatte meine Wachschicht gerade hinter mich gebracht, legte mich todmüde ins Bett und schlief auf der Stelle ein. Ich wurde jäh aus dem Schlaf gerissen, als ich mit dem Kopf gegen die Wand schlug und im nächsten Augenblick beinahe aus dem Bett fiel. Wir fuhren durch der Davis Strait, die für raue See bekannt ist. Ich begriff sogleich, dass wir uns mitten in einem Sturm befanden. Alles, was nicht befestigt war, lag zerstreut in den Gängen herum. Es war kaum möglich, ins Cockpit zu gelangen. Ich musste Der Härtetest Für die Expedition hatten wir zwar einen Rahmenplan, doch die einzelnen Aktivitäten wurden sehr spontan vorbereitet. Mike forderte uns mit seinen verrückten Ideen oft heraus, unsere Grenzen zu sprengen. Einmal zum Beispiel sassen wir nach einem anstrengenden Tag an den Auswertungen der Messungen, als uns Mike voller Begeisterung mitteilte, dass wir noch in dieser Nacht um 3 Uhr aufbrechen werden, um eine 2400 Meter hohen, noch unbenannten Berg zu besteigen. Ohne Übernachtung! Keine Schlaf- «Ich fühlte mich winzig klein». Auf einer Eisscholle treibend, kri 32 PolarNEWS

Und hepp – der Sprung aufs kalte Eis. Das erste Lager auf der dreitägigen Gletscherwanderung. Die Wanderer müssen Gletscherspalten umgehen. egen die Yeps ein Gespür für die Arktis. Eine Reise, die ihr Leben verändert. PolarNEWS 33

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