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PolarNEWS Magazin - 15

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Rubriktitel Mehr Wind,

Rubriktitel Mehr Wind, mehr Gewicht Der Klimawandel sorgt für mehr Wind in der Antarktis und über dem Südozean. Davon profitiert der Wanderalbatros ausgiebig, wie neuste Studien zeigen. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Windfelder über dem Südozean verändert: Die Westwinde wehen stärker, und sie blasen weiter südlich als zuvor. Beide Auswirkungen kommen dem Wanderalbatros zugute, weil er nun schneller fliegen kann und deshalb weniger Zeit für die Nahrungssuche aufwenden muss. Diese neue Einsicht in das Leben des grössten fliegenden Vogels verdanken wir der Studie eines internationalen Teams aus französischen und deutschen Wissenschaftlern. Sie verglichen zahllose Daten über die zeitliche Dauer von Nahrungsflügen, über den Bruterfolg aus den vergangenen vier Jahrzehnten und die Körpermasse von Wanderalbatrossen der letzten 20 Jahre mit neuesten Untersuchungen an Vögeln der Crozet-Inseln. Dort verfolgte man dank Mini- Satellitensendern einzelne Wanderalbatrosse auf Nahrungsflügen bis zu 3500 Kilometer weit vom Brutplatz weg. Es zeigte sich, dass Weibchen viel südlicher und in viel windigeren Ecken des Südozeans unterwegs waren als zuvor. Bisher waren Wanderalbatros-Weibchen von den Crozet-Inseln mehrheitlich in Richtung subtropischer Gewässer im Norden geflogen, wo sie Opfer der Langleinenfischerei wurden. Dank der neuen Jagdgründe im Süden, welche ihnen der Klimawandel beschert, finden sie ihre Nahrung in kürzerer Zeit und kommen nicht mit den Köderhaken der Fangflotten in Konflikt. Mehr Erfolg beim Brüten Indem die Weibchen jetzt – dank schnellerem Fliegen im stärkeren Wind – weniger Zeit auf See verbringen müssen, können sie sich länger dem Bebrüten des Eies widmen. Tatsächlich bemerkten die Forscher, dass der Bruterfolg unter den Wanderalbatrossen von Crozet zugenommen hat, und dass die Vögel dort heute um 1 Kilogramm an Gewicht zulegen konnten im Vergleich zu den langjährigen Durchschnittswerten. 26 Der Westwindgürtel auf der Südhalbkugel ist nicht nur für (Wander-)Albatrosse zentral, er spielt auch für das globale Klima eine bedeutende Rolle. Stärke und Position dieses Windfeldes sind mindestens seit dem Höhepunkt der letzten Eiszeit ständigen Schwankungen unterworfen, wie eine Studie von Paläoklimatologen über das Urzeitklima festhält. Dem Südozean rund um die Antarktis, wo die Westwinde grossflächig und ungestört von Kontinentalmassen wirken können, fällt wegen seiner Meeresströmungen enormen Ausmasses ein dominierender Einfluss auf das Weltklima zu. Nebst grosser Mengen an Wärme nimmt der Südozean allein etwa 40 Prozent desjenigen Kohlenstoffdioxids (CO 2 ) auf, der weltweit in den Ozeanen gespeichert wird. Da sich nun wichtige Meeresströmungen wie der gigantische Antarktische Ringstrom innerhalb des Südozeans nach Süden verlagern und sich damit auch die horizontale und vertikale Zirkulation der Wassermassen ändert, nimmt der Südozean bereits rund einen Drittel weniger CO 2 auf als in den zwei Jahrzehnten davor. Zudem erwärmt sich das Wasser dort zusehends, verliert an Salzgehalt und wird immer saurer. Veränderung geht weiter Der Wanderalbatros scheint nun der Nutzniesser dieser aktuellen Veränderungen zu sein. Die frohe Botschaft, dass die weltweite Erwärmung des Klimas auch mal einer Tierart nützt, wird jedoch nur befristet gelten. Die positive Auswirkung des Klimawandels auf die Wanderalbatrosse findet nämlich dann ihr Ende, wenn sich das Muster der Westwinde im Südozean weiter verändern sollte, wie es Klimaberechnungen vorhersagen. Denn die Lage und die Intensität der Windfelder über dem Südozean hängen stark mit dem Ozonloch über der Antarktis sowie mit der von Menschen verursachten Zunahme von Treibhausgasen zusammen – beides sind stetig ändernde Grössen. Peter Balwin PolarNEWS

war bekannt, dass Wanderalbatrosse grosse, gut ausgebildete Riechkolben besitzen, die zu den grössten in der Vogelwelt zählen. Und jetzt ist der Beweis erbracht, dass diese Riechorgane auch tatsächlich zum Einsatz kommen! Obwohl der Tisch für die Albatrosse im Südozean reich gedeckt ist mit Tintenfischen, Krebstieren und kleinen Fischen und Aas, wählen Wanderalbatrosse derselben Kolonie je nach Alter und Geschlecht unterschiedliche Gebiete zur Nahrungssuche aus. Bei den Wanderalbatrossen auf den Crozet-Inseln südöstlich von Südafrika zum Beispiel fliegen die alten Männchen über die Polarfront in die kalten Gewässer südlich des 50. Breitengrades, während die Weibchen, Jungvögel und Vögel mittleren Alters konsequent nördlich des 50. Breitengrades bleiben. Die Gruppe der «Nordvögel» teilt sich aber noch einmal auf: Junge Männchen starten von Crozet aus nach Osten, junge Weibchen hingegen nach Westen und Nordwesten. Auch die Kolonien auf Südgeorgien teilen sich die Fluggebiete auf: Weibliche Tiere halten auf den Patagonischen Schelf vor den Küsten Argentiniens zu und fliegen hinauf bis vor Südbrasilien auf 28° südlicher Breite (wo die Langleinen-Fischerei aktiv ist). Männchen hingegen halten sich mehrheitlich in Küstennähe bei ihrer Heimatinsel Südgeorgien auf – wo sie mit Industrie-Fischereischiffen auf der Jagd nach dem Schwarzer Seehecht in Konflikt geraten können. Tödliche Widerhaken Treffen Wanderalbatrosse auf Fischereischiffe, folgen sie den Schiffen oft tagelang und stürzen sich auf den Fischabfall und den Ausschuss, der bei einer Verarbeitung des Fanges direkt an Bord anfällt und ins Meer geworfen wird. Eine willkommene Nahrungsquelle für Seevögel – wären da nicht tausende mit leckeren Ködern gespickte Fanghaken an langen Leinen! Bei der Langleinen-Fischerei zieht das Fangschiff eine oft 100 Kilometer lange Leine hinter sich durchs Meer. An der Hauptleine sind mehr als 2500 Seitenleinen mit Haken angebracht, die mit Ködern bestückt sind. Da Auftriebskörper solche Leinen nahe der Wasseroberfläche halten, verfangen sich Albatrosse in den Haken, weil sie nach den Ködern tauchen. Viele Meeresvogelarten, aber auch Meeresschildkröten, Haie und Rochen sind massgeblich dadurch bedroht, dass sie zu Zehntausenden als unerwünschter Beifang der Langleinen-Fischerei verenden. In einer Untersuchung, die BirdLife International Bis zu 90 Zentimeter hoch sind die Nisthügel, den die Elterntiere aus Erde festtreten. So ist das Küken gut vor Bodenfeuchtigkeit geschützt. letztes Jahr veröffentlicht hat, zählte man erstmals alle Seevögel zusammen, die der Langleinen-Fischerei weltweit zum Opfer fallen. Trotz vieler Ungenauigkeiten, die sich hinter den gemeldeten Zahlen der Fischerei-Industrie verbergen, gelangte man zu erschreckenden Schätzungen: zwischen 160’000 und 320’000 Seevögel fallen demnach der Langleinen-Fischerei zum Opfer – jedes Jahr! Und dies widerspiegelt nur die offiziellen Beifang-Meldungen; die Dunkelziffer an weiteren Vogelopfern wird als hoch eingestuft. Am häufigsten vertreten sind Albatrosse, Sturmvögel und Sturmtaucher, zu den weiteren Opfern zählen auch Möwen, Seeschwalben, Tölpel und Kormorane. Stellt die Langleinen-Fischerei bereits für relativ häufige Arten wie den Schwarzbrauen- und den Schwarzfussalbatros eine grosse Gefahr dar, so wird sie für bedrohte Arten wie den Amsterdam- oder den Tristanalbatros zur eigentlichen Existenzfrage. Auch ist jetzt klar, dass die seit Jahrzehnten festgestellte Abnahme des Wanderalbatros auf Südgeorgien sehr stark von der uruguyanischen Hochseefischerei mitverursacht wird. Die Fangflotte Uruguays legt ihre Langleinen für Thunfische vor den Küsten zwischen der Mündung des Rio de la Plata und Südbrasilien aus – dort, wo die meisten Wanderalbatrosse aus Südgeorgien nach Nahrung suchen. Nicht verwunderlich (aber traurig), dass Uruguay den höchsten Anteil an Albatrossen im Beifang hat; er macht 84 Prozent aus. Schön wäre es, hier vermelden zu können, dass die Arbeiter auf den Fangschiffen aus Aberglauben den Albatros schonen würden – denn technische Hilfsmittel zur Reduktion des Beifangs gibt es bereits. Doch die modernen Seefahrer scheinen vergessen zu haben, dass der Albatros die Seelen Ertrunkener transportiert und nur schon deshalb unseren uneingeschränkten Schutz verdienen würde. PolarNEWS 27

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