Aufrufe
vor 2 Jahren

PolarNEWS Magazin - 15

  • Text
  • Polarnews
  • Meter
  • Antarktis
  • Nordpol
  • Henson
  • Forscher
  • Wasser
  • Peary
  • Rubriktitel
  • Zeit
  • Magazin

Von Peter Balwin (Text)

Von Peter Balwin (Text) und Heiner Kubny (Bilder) Seit Tagen schon rollte und stampfte der Dreimastklipper mit Kurs Kap Hoorn in der schweren See des Südozeans. Nur das laute Brausen des Windes verhinderte, dass sich die Flüche des Schiffskochs in der Kombüse mit denjenigen der Matrosen auf Deck vermischten. Die Männer auf dem Schiff konnten sich zwar nicht hören, aber worüber sie schimpften, war allen sonnenklar: sie verwünschten den weissen Albatros, der trotz des anhaltend stürmischen Wetters seit Tagen dem Schiff folgte – und zwar mühelos. Er war Schuld am Sturm beim Kap Hoorn, wer denn sonst! So jedenfalls sahen das die Seemänner noch vor rund hundert Jahren. Seit die Entdecker der Südmeere den Wanderalbatros gesehen haben, ranken sich Sagen und Mythen um ihn, den grössten fliegenden Vogel der Erde. Meistens wurden diese Geschichten mit Ehrfurcht und Angst erzählt: Dass das Schiff und die Mannschaft gegen Wind und Sturm zu kämpfen hatten und dann aus dem Nichts ein Albatros auftauchte, viele Tagesreisen vom Festland entfernt. Konnte das mit rechten Dingen zugehen? Nein! Es musste der Albatros gewesen sein, der den Sturm gebracht hatte. Deshalb sprachen die Mannschaften der alten Segelschiffe von den Albatros-Breiten, sobald ihre Klipper die Zonen der Brüllenden Vierziger- und der Rasenden Fünfziger- Breitengrade erreicht hatten. Gar mancher Albatros musste in diesen Gebieten sein Leben lassen, weil man ihn aus Aberglauben abschoss in der Hoffnung, der Sturm würde sich legen. Andere Seefahrer hingegen hätten diesen Vögeln nie eine Feder krümmen können. Denn ein weiterer Mythos besagte, dass Albatrosse die Seelen ertrunkener Kollegen in sich tragen. Majestätischer Dauersegler Weit gefehlt! Der Albatros bringt den Sturm nicht, er folgt ihm. Denn es ist viel Wind nötig, um seine bis zu 12 Kilo Körpergewicht in der Luft zu halten. Wie die meisten Albatrosse hält sich der Wanderalbatros deshalb ganzjährig im Gürtel starker ozeanischer Luftströmungen zwischen der Antarktis im Süden und den Südspitzen Amerikas, Afrikas und Australiens im Norden auf. Und wie er das tut! Sein dynamischer Segelflug knapp über den Wellen ist von faszinierender Eleganz und Erhabenheit. Fast meditativ scheint er ohne die geringsten Anzeichen einer Kraftanstrengung wie in einer immerwährenden Zeitlupe majes- 22 Von der Schnabelspitze bis zur letzten Schwanzf ausgewachsenes Tier schon mal bis zu 1,35 Met PolarNEWS

Wanderalbatrosse gleiten kilometerweit ohne einen einzigen Flügelschlag (oben). Die Flugrouten von 6820 besenderten Albatrossen verschiedener Arten kann man live mitverfolgen unter www.seabirdtracking.org/dataset.php. Wie gross die Spannweite des grössten fliegenden Seevogels der Welt ist, demonstriert der holländische Fotograf Jaap Vink anhand eines ausgestopften Tieres im Museum von Grytviken (links). eder misst ein er. tätisch mit dem Wind und den Wellen zu spielen. Er ist ein Meister der Flugkunst. Albatrosse legen riesige Strecken im Gleitflug ohne einen einzigen Flügelschlag zurück. «Energie gewinnen aus dem Wind» heisst ihr Motto: ansteigen gegen, absteigen mit dem Wind bis äusserst knapp übers Wasser. Dort nutzen sie die Winde, die waagrecht übers Wasser strömen und von Wellen in die Vertikale umgeleitet werden. 80 bis 90 Prozent der Energie zum Gleiten liefert der Wind, der Rest stammt von den Wellen. Die Ornithologen nennen diese Fortbewegungsweise «dynamischer Segelflug». Er ist derart energiesparend, dass der Herzschlag eines im Wind gleitenden Albatrosses demjenigen eines ruhenden Vogels entspricht – keine Anstrengung, keine Hektik. Gänzlich zur Ruhe kommt der Albatros allerdings, wenn der Wind nicht stark genug weht: Dann muss er auf der Wasseroberfläche treibend warten, bis der Wind wieder anzieht. Denn mit blosser Muskelkraft wäre der grosse Vogel schnell ermüdet. Ändert ein Wanderalbatros übrigens während des dynamischen Gleitfluges seine Flugrichtung, kippt er seine Flügel manchmal mehr als 90 Grad – aber sein Kopf bleibt immer perfekt in der gleichen Position ausgerichtet. Als ausgesprochener Hochseevogel zählt der Wanderalbatros zusammen mit Sturmschwalben und Sturmvögeln zu den Röhrennasen. Er ist nicht nur unter den weltweit etwa 22 Albatros-Arten (die Forscher haben sich noch nicht definitiv festgelegt) der grösste von allen – mit seiner Flügelspannweite von bis zu 3,5 Metern gibt es keinen grösseren fliegenden Vogel irgendwo sonst auf der Welt. Schwerer Brocken So beeindruckend wie die Flügelmasse ist auch die Körperlänge: Von der Schnabelspitze bis zur letzten Schwanzfeder misst ein ausgewachsenes Tier schon mal bis zu 1,35 Meter. Und gäbe es irgendwo im Südozean eine Waage, man würde ein Gewicht zwischen neun und fast zwölf Kilogramm feststellen. Die Männchen sind bis 20 Prozent grösser als die Weibchen, was einem Vogelbeobachter die exakte Geschlechtsbestimmung allerdings kaum erleichtert. Es ist grundsätzlich auch gar nicht so einfach, einen Wanderalbatros von einigen anderen Grossalbatrossen zu unterscheiden. Vor allem der Südliche Königsalbatros sieht ihm sehr ähnlich. Je jünger ein Wanderalbatros, desto brauner ist der Gesamteindruck des Gefieders – was aber ebenso bei fast allen anderen Albatros-Arten gilt. Und das mehrheitlich weiss wirkende Federkleid ausgewachsener Wanderalbatrosse ist an gewissen Stellen sehr unterschiedlich dunkel gefärbt, je nach Geschlecht, Alter und Brutgebiet. Ornithologen schätzen, dass es heute weltweit, das heisst rund um die Antarktis, etwa 8500 Brutpaare von Wanderalbatrossen gibt, beziehungsweise etwa 28’000 ausgewachsene Individuen. Obwohl Wanderalbatrosse in allen Meeren rund um die Antarktis anzutreffen sind, haben sie sich – wenn es um die Frage des Brütens geht – einige wenige kleine, windige Inseln am nördlichen Rande des Südozeans ausgesucht. Zwei Fünftel aller Wanderalbatrosse leben auf den zu Frankreich gehörenden Inselgruppen Crozet und Kerguelen, weitere zwei Fünftel auf den zu Südafrika zählenden Prince-Edward-Inseln. Ein letztes Fünftel schliesslich hat Südgeorgien als Kinderstube gewählt. Der Mythos von der Treue Jeder Wanderalbatros kehrt mit einer wissenschaftlich erforschten Wahrscheinlichkeit von 70 bis 90 Prozent jeden zweiten November zum Brüten in die nähere Umgebung des letztmaligen Nestes in seiner Kolonie und auf «seine» Insel zurück. Es ist derselbe Ort, wo er einst das gleissende PolarNEWS 23

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum