Aufrufe
vor 2 Jahren

PolarNEWS Magazin - 13

  • Text
  • Polar
  • Polarnews
  • Lummen
  • Heiner
  • Rosamaria
  • Kunst
  • Kubny
  • Zeit
  • Wasser
  • Morgen

Das macht dann 254

Das macht dann 254 Rubel: Im Lebensmittelgeschäft in Kanchalan wird noch mit dem Rechenschieber abgerechnet. Bitte umsteigen: Vom Luftkissenboot wechseln wir in ein Kettenfahrzeug, das uns zur Rentierherde bringt. Überraschung: Unterwegs von Egvekinot nach Amguema kreuzen wir den Weg eines mächtigen Braunbären. Die beste Wahl: Unser treuer Freund Nikolai Ettyne wird der neue Partner für PolarNEWS-Reisen in Tschukotka. aber stur wie ein Panzer tankt er sich buchstäblich durch die riesige Wassermasse, verschwindet fast im See und kommt nach einigen Minuten schliesslich unbeschadet am anderen Ufer an. Jetzt wir. Mit derselben Vorsicht, denn dass Igor es geschafft hat, bedeutet nicht automatisch, dass wir ebenfalls heil rüber kommen. Unter Wasser könnten Löcher oder Gräben sein. Schotten dicht und rein. Das Wasser steht bis fast an den oberen Rand der Fenster, ein kurliges U-Boot-Gefühl, aber wir schaffen es ebenfalls. Igor meint, ein Vestochot würde problemlos auch komplett unter Wasser fahren. Das wollen wir aber lieber nicht ausprobieren... Wir möchten schnell weiter nach Vankarem und dort übernachten. Bei den Walrössern Und dann, endlich, endlich: Die Walross - herde! Unglaubliche 12'000 Tiere machen hier Pause auf ihrer Reise von Wrangel Island in den Süden durch die Beringstrasse. Alles Land, das wir sehen, ist von den kolossalen Tieren bedeckt, es röchelt und schnarrt und brüllt und brummt, es dampft, es wabert, es pulsiert, es ist schlicht und einfach umwerfend schön. Das ist eine der grössten Walross kolo nien überhaupt auf der Erde. Zwei Eisbären sind in der Nähe der Herde. Der eine trottet bald davon, der andere schläft ausgebreitet in einer gemütlichen Mulde. Der hat offensichtlich schon gegessen und lässt sich durch unsere Anwesenheit nicht stören, er ist nicht neugierig. Doch wir sind sehr auf der Hut. Unser Begleiter, der gleichzeitig der örtliche Vertreter des WWF ist, hat seine Waffe geladen... Was für ein wunderbarer, endlos schöner Tag. Dafür haben sich alle bisherigen Strapazen gelohnt. Am nächsten Tag schauen wir uns im 220- Seelen-Dorf Van karem um. Die sanitären Anlagen sind in aller Regel in einem Zustand, dass ich einen kleinen Abstecher zum Strand bevorzuge. Ein Lebensmittelgeschäft bietet nicht viel mehr als vier Kartoffel und eine Flasche Coca-Cola an, die seit über einem Jahr abgelaufen ist. Das Leben ist karg und aus unserer Sicht kurlig in Tschukotka. Aber die Menschen sind freundlich, spontan und guten Herzens. Irgendwie mag ich beides: Das Leben in der Wildnis und den Charakter, der sich daraus bei den Einheimischen ergibt. Zum Nachtessen gibt es übrigens Fleisch und Innereien vom Walross... Wie das schmeckt? Genau so, wie das Land ist, nämlich ziemlich sonderbar. Eigentlich war laut Reiseprogramm auf dem Weg zurück nach Amguema ein eintägiger Abstecher zu den Rentierzüchtern geplant. Doch wir erfahren, dass die Vestochot- Fahrer vom Reiseveranstalter Nortoco für diesen Extratag nicht bezahlt wurden. Auch unser Walrosskolonie-Begleiter wurde von Nortoco nicht entschädigt. Das haben wir dann übernommen. Und die Lebensmittel muss ten wir schon wieder selber einkaufen. Wir verzichten deshalb auf den Ausflug zur Rentierfarm und notieren für Nortoco eine riesige Menge Minuspunkte – plus einen Extra-Minuspunkt dafür, dass eine kleine Bootsfahrt bei der Walrosskolonie satte 800 Franken gekostet hätte. Lauter Improvisationen Dafür kommt’s zum ungeplanten Ausflug Nummer drei: Statt mit dem Flieger legen wir die Strecke Egvekinot–Anadyr erneut auf einem Schiff zurück, diesmal auf dem Kohlefrachter «Anatoliy Torchiv». Immer - hin sind wir die einzigen Passagiere an Bord und werden vom Kapitän sogar zum Dinner eingeladen. Zurück in unsrem Ausgangspunkt Anadyr sind wir schliesslich ein paar Tage früher als geplant. Natalia von Nortoco, die sich hier 32 Polar NEWS

wieder um uns kümmert, schlägt uns vor, ein en Ausflug mit dem Luftkissenboot den Fluss Anadyr hoch zum Vorzeigeort Kanchalan zu unternehmen. Selbstver ständ - lich nehmen wir gerne an, wir haben ja kaum eine Alternative. So kommts zum ungeplanten Ausflug Nummer vier: Die dreistündige Flussreise ist wunderschön, wir bestaunen die raue Gegend, sehen viele Tiere und die schöne Tundra-Flora. Aber weshalb die öde Siedlung Kanchalan ein Vorzeigeort sein soll, wie Natalia uns vorgeschwärmt hat, bleibt mir ein Rätsel. Immerhin lernen wir hier Arkady Makuskyn kennen: Er ist der Chef der örtlichen Rentierbrigade Nr. 5 – Brigaden sind teilweise sehr grosse, nach kommunistischen Idealen strukturierte Rentierzüchter-Kommunen. Doch noch Rentiere Natürlich dürfen wir «seine» Rentierherde be - suchen, so übersetzt eine Dame in gebrochenem Englisch, aber das sei erst morgen möglich und koste ein bisschen was. Spontan nehmen wir sein Angebot an. Wir sind ohne Proviant und völlig unvorbereitet hier, zudem berappen wir diesen Ausflug aus eigener Tasche, aber so eine Chance können wir uns nicht entgehen lassen. Längst haben wir aufgehört, die Minuspunkte für Nortoco zu notieren. Wir übernachten im einzigen Hotel des Ortes, es besteht nur aus zwei Zimmern: eines für Männer und eines für Frauen. Beiden gemeinsam sind uralte, verrostete, durchhängende Betten. Da es hier kein Restaurant gibt, organisieren wir im örtlichen Laden Lebensmittel. Nikolai, unser treuer Begleiter, ist um ein bisschen Komfort besorgt. Dazu gehört natürlich auch ein Gläschen Wodka. Oder zwei. Früh am Morgen um sechs gehts los: Wir fahren zuerst ein paar Stunden mit dem Boot fluss aufwärts, dann eine weitere Stunde übers Land mit einem Kettenfahrzeug, in dem sich vier Schlafkojen, Kochutensilien und ein Fass mit einem bestialisch stinkenden Brei darin befinden. Die Rentierherde ist ein grandioses Erlebnis: Die Menschen hier sind freundlich und hilfreich, sie fangen für uns besonders schöne Tiere mit dem Lasso ein, sie treiben mit ihren Hunden die Herde so zusammen, dass wir die schönsten Bilder kriegen. Einmal treiben sie die Tiere sogar rund um uns herum, wir sind mitten in diesem Schwarm von Rentieren, ein aufregendes Gefühl. Rund 2000 Tiere umfasst diese Herde, allesamt schöne, stolze, anmutige Tundrabewohner, die so wunderbar in diese Landschaft passen. Die Zeit vergeht im Flug. Es ist schon spät, als wir zurück beim Rentierbrigaden-Chef in Kanchalan sind: Arkady Makuskyn lädt uns zum Essen ein, aber nicht bei sich zu Hause in der warmen Stube, sondern in seiner aus Blech und Holz gezimmerten Garage. Hier serviert er uns delikaten geräucherten Fisch, Brot und verschiedenes leckeres Einge machtes. Eine helle Freude, diese für uns ungewohnten Spezialitäten zu geniessen. Erst spät in der kalten Nacht, Arkady hat mir für die Heimfahrt ein Paar Fellhandschuhe geschenkt, erreichen wir Anadyr und fallen todmüde, aber überglücklich in unsere quietschenden Betten. Wir entscheiden uns Heute ist unser letzter Tag in Tschukotka. Wir packen unsere Siebensachen und resümieren den eigentlichen Grund unserer Reise: Nortoco hat es nicht geschafft, uns zu überzeugen, unser neuer Reisepartner in Tschukotka zu werden. Sie brachten es nicht fertig, das «russisch-Standard-Chaos» zu ordnen, sie haben im Gegenteil oft sogar das Chaos erst ausgelöst. Stattdessen gehen wir mit unserem bewährten Freund Nikolai alle Details nochmal durch – und fragen ihn am Ende des Gespräches, ob er zukünftig der offizielle Partner für PolarNEWS-Reisen sein möchte. Nikolai sagt zu. Wir freuen uns sehr. So kommt am Ende doch noch alles zum Guten: PolarNEWS hat einen neuen Partner. Heiner und ich konnten viele grossartige Fotos machen. Werner Breiter hat genügend Szenen unseres Abenteuers zusammen, um daraus den nächsten PolarNEWS-Film zu schneiden. Und Sara Leuthold wird zu Hause ihre gefilmten Szenen dem Schweizer Fernsehen präsentieren. Unser Aben - teuer soll im kommenden Herbst im Schweizer Fern sehen SF DRS ausgestrahlt werden. Und, ach ja: Wir kamen allesamt ohne ir - gendwelche weiteren Probleme zurück in die Schweiz. PolarNEWS Was für ein Prachtskerl: Dieser Rentier-Bulle bringt wohl an die 300 Kilogramm auf die Waage. Polar NEWS 33

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum