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PolarNEWS Magazin - 13

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Von Rosamaria Kubny

Von Rosamaria Kubny (Text) und Heiner Kubny (Bilder) Die Reise: Tschukotka Wann: 12. – 28. September 2010 Teilnehmer: Rosamaria und Heiner Kubny Werner Breiter, PolarNEWS-Kameramann Sara Leuthold, SF-DRS-Kamerafrau Vielleicht wäre alles gut geworden, wenn dieser Orkan in Anadyr nicht gewesen wäre. Dann hätten wir pünktlich von Moskau nach Anadyr weiterfliegen können und von dort nach Egvekinot, und alles wäre nach Plan gelaufen. Aber erstens kommt es anders, als man denkt, und zweitens in Russland sowieso. Und in Tschukotka ganz besonders. Genau deshalb aber waren wir unterwegs dorthin, zum östlichsten Zipfel Russlands, dem wilden Osten an der Beringstrasse: Wir wollten einen örtlichen Reiseveranstalter testen, ob dieser fähig sei, trotz den in Russland üblichen Zwischenfällen und un - vor hergesehenen Ereignissen eine aus westeuropäischer Sicht ordentliche Tou risten reise durchzuführen. Denn unser bisheriger Partner für PolarNEWS-Reisen konnte das nicht mehr. Deshalb nahmen wir Kontakt auf mit dem tschukotkischen Reisebüro Nortoco. Die Aufgaben, die wir stellten, klangen einfach: ein Besuch der Wal ross kolonie in Vankarem sowie ein Trip zu den Rentierzüchtern in der Tundra bei Amguema. Und dazwischen heil durch die Tundra kommen. Doch vorläufig setzt uns dieser Orkan in Mos kau fest: Heiner und mich, den PolarNEWS-Filmer Werner Breiter und die Kamerafrau Sara Leuthold, die uns im Auf - trag des Schweizer Fernsehens begleitet, um uns bei dieser Testreise zu filmen (siehe PolarNEWS Nummer 13 vom letzten Herbst). Stundenlang warten wir auf dem Flughafen auf weitere Meldungen, bis wir in einem klapprigen Bus in ein noch klapprigeres Hotel gefahren werden, wo wir notdürftig übernachten und uns für die auf den morgigen Tag angekündigte Weiterreise vorbereiten. Freudiges Wiedersehen Nach einem neunstündigen Nachtflug und mit einem Tag Verspätung werden wir in Anadyr schliesslich von Natalia Belokoneva, einer Vertreterin des Reisebüros Nortoco, in Empfang genommen. Doch wie sich herausstellt, spricht sie kein Wort Englisch. Ein Minuspunkt für Nortoco. Zum Glück wartet am Flughafen auch Nikolai Ettyne auf uns: Er ist seit unserer ersten Reise nach Tschukotka vor drei Jahren unser treuer und vor allem verlässlicher Begleiter und wird auch diesmal mit von der Partie sein – und er spricht Englisch. Nikolai erklärt uns, dass von hier aus nur einmal pro Woche ein Flieger nach Egvekinot abhebt und dieser eigentlich gestern gestartet wäre, aber wegen Windstürmen storniert wurde, was allerdings nicht bedeute, dass der Flug morgen durchgeführt werde. Welcome to Russia! Wir schalten auf «Russ - land-Modus», was nichts anderes bedeutet, als dass die nächsten Stunden mit Warten, Telefonieren und Besprechen vergehen. Für Natalia ist das zugleich die erste Ernst - fallprobe: Findet sie eine Lösung für unser Problem? Sie findet: Für den Nachmittag organisiert sie kurzfristig einen Ausflug nach Gudym. Ein Pluspunkt für Nortoco. Nikolai schafft es derweil, in einem Hotel für uns ein Zimmer zu buchen, obwohl dieses schon komplett ausgebucht ist. Die geheime Stadt Gudym Ungeplanter Ausflug Nummer eins: Mit einem kleinen Bus fahren wir zehn Kilometer nach Gudym, der geheimsten Stadt Russlands. Während des kalten Krieges in den Siebziger- Jahren trieben russische Militärs ein riesiges Tunnel- und Bunkernetz in die umliegenden Berge und lagerten darin eine nicht bekannte Zahl Raketen mit atomaren Sprengköpfen. Im Ernstfall hätten die Soldaten der 99. motorisierten Schützen-Division die Raketen vom Flughafen Anadyr aus auf die 800 Kilometer entfernten USA abgefeuert. Damals wohnten rund 10'000 Menschen in Gudym, heute ist es eine zerfallende Geister - stadt und immer noch militärische Hoch - sicher heitszone. Nur eine Handvoll Offiziere wissen, was heute noch in den Anlagen gebunkert wird. Wir treffen einige Arbeiter, die damit be - schäftigt sind, die Ruinen der Anlagen abzu- Beim Anblick der «Kapitan Sotnikov» wird’s uns mulmig: So viele Leute sollen auf so einem kleinen Schiff durch die Beringstrasse fahren? 30 Polar NEWS

Es wabert und wühlt und wuselt: Die Walrosskolonie bei Vankarem ist eine der grössten der Welt. brechen. Natalia ermöglicht uns einen Rund - gang durchs Gelände, danach begeben wir uns mit unserem Bus direkt in einen der bombensicheren Tunnels. Ein mulmiges Gefühl befällt mich in dem düster-dunklen Stollen angesichts der meterdicken, 40 Tonnen schweren Türen, mit welchen die Tunnels geschlossen werden konnten. Ein winziger, aber umso beunruhigenderer Einblick in die unantastbare Welt des russischen Militärs... Und ein weiterer Pluspunkt für Nortoco. Am nächsten Morgen begeben wir uns wieder in die Abflughalle, um uns zu erkunden, ob der Flug nach Egvekinot heute durchgeführt oder erneut verschoben wird. Wir warten. Und telefonieren. Und besprechen. Drei ganze Tage lang. Eine alte Frau erzählt Nikolai, dass sie hier nun schon seit zwei Wochen auf einen Flug wartet, der aus verschiedensten Gründen immer wieder verschoben wurde. Natalia hilf! Sie hilft: In Tschukotka gibt es zwar keine Eisenbahn und nur sehr wenige Strassen, aber von hier aus fährt ein Schiff ins 300 Kilometer entfernte Egvekinot. Natalia besorgt uns Karten und entlässt uns auf die Weiterreise. Ein Pluspunkt für Nortoco. Inzwischen haben wir mit Nortoco die Reise um vier Tage verlängert, damit wir wieder im Plan sind. Auf der «Kapitan Sotnikov» Ungeplanter Ausflug Nummer zwei: Mit uns warten am Quai noch mindestens 200 weitere Fahrgäste, die meisten sind bekannte Gesichter vom Flughafen. Die «Kapitan Sotnikov» trifft pünktlich um 17 Uhr im Hafen ein. Dieses eher leicht gebaute Schiff macht den Eindruck, als sei es für den Einsatz auf Binnenseen gedacht. Jetzt aber soll die Fahrt durch die unruhige Bering strasse gehen – das deutet auf eine abenteuerliche Seereise hin, 170 Seemeilen und 16 Stunden lang. Sollten alle hier wartenden Passagiere mitgenommen werden, wäre das Schiff masslos überfüllt. Das Militär achtet akribisch auf gültige Dokumente der zusteigenden Passa giere. Als wir ablegen, bleibt trotzdem nur eine Handvoll Gäste am Quai zurück. Na dann Schiff ahoi! Entsprechend gross ist das Gedränge auf allen Decks. Sara und ich verkrümeln uns unter einer Treppe. Die drei Vertreter des starken Geschlechts ziehen Wind und Wetter auf dem Aussendeck vor, vorläufig wenigstens. Ausgerechnet in diesem Durcheinander hat einer der Passagiere ganz offensichtlich ein Auge auf mich geworfen: Er bietet uns allen erst Getränke und Essen an, dann zückt er die obligate Wodkaflasche, und nach genügend ex getrunkenen Gläsern fragt er Heiner unverblümt, ob er «seine Tochter» heiraten dürfe. Dieser Mann weiss, wie man Frauen schmeichelt – und Heiner aus der Bahn wirft. Derweil übergibt sich der eine und andere Passagier infolge Seekrankheit. Mehr oder weniger wohlbehalten treffen wir am nächsten Morgen in Egvekinot ein. Endlich. Die beiden einheimischen Tourguides Sergey Gurkin und Igor Ostraniza holen uns im Auftrag von Nortoco am Hafen ab, fahren uns in ihrem Jeep ins 80 Kilometer entfernte Amguema und quartieren uns ein in einem kleinen, schlichten Häuschen. Wie sich herausstellt, müssen wir den Proviant für die kommenden Tage selber einkaufen, denn Nortoco hat nicht an unsere Verpflegung gedacht. Der Kandidat kriegt gleich zwei Minuspunkte. Es rumpelt im Vestochot Am nächsten morgen um halb sieben besteigen wir zwei Raupenfahrzeuge, die aussehen wie Schützenpanzer und von den Russen Vestochot genannt werden: Ab hier gibt es keine Strassen mehr, nur noch Tundra, für uns Passagiere im Vestochot nur sichtbar durch kleine, gepanzerte Scheiben. Dafür rumpelt und rasselt es während der 16- stündigen Fahrt über Stock und Stein ganz gewaltig. Wir werden kräftig durchgeschüttelt, der Motorlärm ist ohrenbetäubend. Ohrenstöpsel sind hilfreich. Immerhin legen die Fahrer regelmässig Zwischenstopps ein, an denen wir uns kurz erholen können. Sergey und Igor bieten uns selber geräucherte Fischspezialitäten an, sie machen unsere Strapazen ein bisschen erträglicher. Ganz abenteuerlich wird die Fahrt, als die beiden Vestochots vor einem riesigen See zu stehen kommen. Der sei vor zwei Wochen noch nicht dagewesen, erklären Sergey und Igor. Sie müssen es wissen, denn sie unternehmen regelmässig Transporte durch diese Gegend. Was also tun? Irgendwie müssen wir da durch. Igor versucht es mit seinem Vestochot als erster: Sachte rollt er ins Wasser, langsam, » Polar NEWS 31

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