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PolarNEWS Magazin - 13

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Interview Martha und

Interview Martha und Peter Cerny vor der Skulptur «Schamane mit Vogelhelfer» von David Ruben Piqtoukun in der Galerie Cerny in Bern: Schamanismus und Trans Wo führt das hin? Martha und Peter Cerny eröffnen in Bern eine Galerie und ein Museum für Inuit-Kunst. Im Gespräch erläutern die beiden Sammler, warum sie davon so angetan sind, wann Kunst beginnt und wo sie vielleicht aufhört. Von Christian Hug (Text) und Heiner Kubny (Bilder) Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Was ist Inuit-Kunst? Peter Cerny: Innerhalb des Nordpolarkreises gibt es verschiedene Völker, die zum Teil ihre ganz eigenen, regional sehr eng definierten Kunstformen haben. Unter Inuit-Kunst versteht man das künstlerische Schaffen der grössten Volksgruppe nördlich des Polar - kreises, eben der Inuit. Einige der Exponate in Ihrer Ausstellung sehen für den Laien eher aus wie Ver zie - rungen. Wann hört die Verzierung auf und beginnt die Kunst? Tatsächlich machten die Inuit über Jahr - hunderte keine Kunst in Sinne unseres Kunst - ver ständnisses, sondern verschönerten Gegen - stände ihres Alltags, ähnlich wie bei uns ein geklöppeltes Tischtuch oder ein besticktes Kuhglockenband. Doch für die Inuit waren Verzierungen nicht bloss eine Art Schmuck, sondern hatten und haben fast immer auch eine spirituelle und kulturelle Bedeutung, wie wir sie kaum kennen: Eine mit spirituellen 22 Polar NEWS

formationen spielen eine wichtige Rolle in der Kunst der Inuit. Motiven verzierte Harpune findet im Glauben der Inuit eher ihr Ziel. Was aber immer noch keine Kunst ist. Stimmt. Bei Verzierungen, auch beim Kuhglockenband, sprechen wir nicht von Kunst, sondern von Kunsthandwerk. In den Inuit-Sprachen existierte übrigens auch nie ein Wort für Kunst, wie wir sie definieren. Die eigentliche Inuit-Kunst, ein Sektor der Gegenwartskunst, begann erst gegen Ende der 1940er-Jahre: Zwischen Inuit und Wal - fängern, Missionaren und Handelsunter - nehmen hatte sich ein Austausch von Gütern entwickelt. Ein gewisser James Houston, Kanadier und im Auftrag der Regierung im Norden unterwegs, ermunterte die Inuit, ihre kunsthandwerklichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Das setzte eine dynamische Entwicklung in Gang. Man kann den Anfang der Inuit-Kunst also aufs Jahr genau datieren? Wenn man so will, ja. Viel wichtiger aber als eine Jahrzahl war der Umstand, dass viele Inuit in den 1930er und vor allem 1940er- Jahren sesshaft geworden sind. Erst mit einer festen Behausung und der anschliessenden Verfügbarkeit von Elektrizität hatten die Menschen mehr Möglichkeiten, sich künstlerisch zu betätigen. Wer, wie früher vorwiegend üblich, als Nomade über das Polareis zieht, vermeidet jedes unnütze Gramm Gewicht auf seinem Schlitten. Deshalb ist es auch logisch, dass sich die künstlerische Kreativität aller nomadisch lebenden Völker ausschliesslich auf praktische Alltagsgegenstände beschränkt. Was bedeutet das? Dass ein talentierter Skulpteur, Schnitzer oder Maler nun mehr Freiheiten hatte, als Gegen - stände mit kulturell und spirituell definierten Sujets zu verzieren. Grössere, schön ausgearbeitete Werke entstanden, auch in Form von Steindrucken. Der Künstler oder die Künst le - rin konnten sich Fragen stellen zu Themen aus ihrem Leben und diese in Form eines künstlerischen Ausdrucks beantworten. Diese Ent - wicklung zu beobachten, ist auch deshalb sehr spannend, weil sie sich in Siedlungen abspielt, die oft sehr weit auseinander gelegen sind. Trotzdem schnitzen, zeichnen oder bildhauern viele Künstler immer noch jahrhundertealte Sujets wie die Göttin Sedna oder Eisbären. Natürlich! Inuit-Kunst ist immer verbunden und verwurzelt mit der Tradition, dem Alltag und der Umgebung. Genauso wie es die bäuerliche Kunst in der Schweiz ist. Oder die Kunst der Aborigines. Und wo liegen die Unterschiede zwischen den neuen und alten Eisbären? Früher mussten die Steine aus dem Permafrost herausgeschlagen und mit Kajaks transportiert werden, bevor sie mit Beilen und Feilen bearbeitet werden konnten. Somit gab es nur kleine, sehr einfache Steinfiguren, die meistens Tiere und eben Sedna darstellten. Mit zunehmender Sesshaftigkeit und der Verfügbarkeit effizienterer Transportmittel wurden die Skulpturen grösser und schwerer und feiner ausgearbeitet – letzteres, weil wie gesagt elektrisch betriebene Werkzeuge verfügbar wurden. Heute werden von bekannteren Künstlern auch Steine aus entfernteren Regionen bearbeitet, vereinzelt werden für kleine Werke auch ältere Zahnarztbohrer eingesetzt. Themen wie Menschen, Tiere, Schama nis - mus, Transformationen und Umwelt sind dominierend. Aber die Geschichten, welche die Kunstwerke erzählen, bleiben dieselben... Ja und nein. «Ethno-Kunst» ist so definiert, dass sie ihre Sujets eben aus dem Alltag des betreffenden Volkes schöpft und in der Tradition verwurzelt ist. Anderseits dienen genau diese traditionellen Sujets auch dazu, Geschichten aus dem neuen, dem modernen Leben zu erzählen. Können Sie das in einem Beispiel zeigen? Nehmen wir die Skulptur «Kreatur des Packeisrandes»: Eine Menschenfigur mit zwei Mündern und drei Augen. Der Künstler David Ruben Piqtoukin, der sie geschaffen hat, erzählte, dass Inuit heute in der Zeit des Klimawandels noch viel genauer ihre Umwelt beobachten müssen als früher, wenn sie überleben und ihre Kultur wahren wollen. Und dass sie miteinander reden und sich gegenseitig über ihre Beobachtungen informieren müssen. David Ruben Piqtoukin hat sich also mit einem Thema auseinandergesetzt und seine Gedankengänge aus seinem persönlichen Empfinden heraus umgesetzt. Diesen Schaffensprozess muss man auch aus einer weiteren Perspektive betrachten. Nämlich? Wie viele indigene Völker mussten die Inuit den Übergang von ihrer traditionellen Welt, in der sie über Jahrhunderte gelebt hatten, in die heutige Moderne innerhalb von kürzester Zeit schaffen. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen, fordert die Inuit aber stark und findet auch im Kunstschaffen seinen Aus - druck. Viele Inuit-Künstler haben mir erzählt, dass der Schaffens- und Arbeitsprozess sie mehr interessiert als das eigentliche Ergebnis. Wo wird das hinführen? Unsere westliche Kunst entwickelte sich vom Königsportrait zu den Farbklecksen der abstrakten Male - rei. Werden Inuit eines Tages ebenfalls Farbkleckse malen? Vielleicht werden sie das eines Tages. Aber dann ist es keine Inuit-Kunst im eigentlichen Sinne mehr. Sondern dann sind es Künstler mit Inuit-Wurzeln, die abstrakte Bilder malen. Viele Inuit-Künstler der Gegenwart sind in urbane Gegenden ausserhalb des Polarkreises umgezogen und haben dort neue Impulse aufgenommen. Ihre Arbeiten blieben aber trotzdem klar der Tradition verbunden. Sie sind, wie gesagt, an der Auseinandersetzung mit ihrer Kultur mehr interessiert als an – wie Sie das nennen – Farbklecksen. Martha Cerny (hat sich bisher an den Ausstellungs-Gegenständen zu schaffen gemacht und interveniert nun): Aus meiner Sicht wäre das trotzdem weiterhin Inuit- Kunst. Denn der Künstler ist und bleibt ein Inuk. » Polar NEWS 23

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