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PolarNEWS Magazin - 12

der österreichische

der österreichische Alpinist und Karto - graph Julius von Payer, wurden ungeduldig, man wollte doch neue Länder entdecken! So machten sie sich am Ende der Polarnacht 1873 zu Fuss und mit Schlitten auf, um die eisige Gegend zu erkunden, natürlich nordwärts. Im August 1873 kam endlich Land in Sicht. Unbekanntes Land, das einen Namen brauchte. Sein Entdecker, Julius von Payer, benannte es nach seinem Kaiser: Franz-Joseph-Land. Glück und Unglück Allein schon die Schlittenexpeditionen des Julius von Payer machen ein Revival seiner Reise interessant, zumal die von ihm benannten Inseln so bemerkenswerte Namen wie Prinz Rudolf oder Wiener Neustadt tragen. Einer der Höhepunkte der unsrigen Reise war zweifellos der Besuch des Kap Tegetthoff mit den Zodiaks und der Überflug mit dem Helikopter. Auch der Abstecher auf die Wilczek-Insel war lohnenswert, dort ist das Grab des «Tegetthoff»-Maschinisten Otto Krisch noch heute zu sehen. Es steht auf einem mächtigen Basaltfelsen, der damals noch zu beiden Seiten eingerahmt war von Gletschern, die bis ins Meer reichten. 140 Jahre danach ist davon kein Eisstückchen mehr vorhanden – alles geschmolzen. Geplant gewesen wären auch Anlandungen auf der Northbrook-Insel im Süden von Franz-Joseph-Land, insbesondere auf Kap Flora, wo der englische Polarforscher Frederic Jackson 1894 bis 1896 arbeitete. Auch ein Ausflug auf Bell Island, wo noch eine verfallene Hütte von Leigh-Smith steht, war vorgesehen. Aber hohe Wellen verunmöglichten uns beide Male die Zodiak-Anlandungen, und für einen Heli - flug war es zu windig und zu neblig. Doppeltes Glück hatten wir dafür bei Jackson Island: Einerseits war das Wetter gut genug für die Anlandung. Anderseits Die Fahrt der «Kapitan Dranitsyn» auf der Suche nach Eis zwischen dem 80. und 82. Grad nördlicher Breite. Franz-Joseph-Land ist die am nördlichsten gelegene Inselgruppe der Welt. durften wir an Land gehen, obwohl in der Nähe Eisbären gesichtet wurden. Hier musste Nansen überwintern, als er 1895 beim Versuch scheiterte, den Nordpol zu erreichen. Noch heute sind die wenn auch kargen Überreste der primitiven Steinhütte zu sehen, die Nansen und seinem Begleiter Johansen das Überleben ermöglichten. Jackson heisst die Insel übrigens, weil sie von Nansen so benannt wurde aus Dankbarkeit gegenüber seinem Retter Frederic Jackson: Der hatte Nansen und Johansen 1896 auf Kap Flora auf der Northbrook-Insel empfangen und ihnen die Rückkehr nach Norwegen ermöglicht. Geologische Sensationen Schon bei unserem ersten Stopp in der Tichaja-Bucht bei der Insel Hooker wurden wir mit den auf Franz-Joseph-Land typischen Basaltplateaus vertraut gemacht: Wir erkundeten den beeindruckenden Rubini- Vogel felsen, auf dem zig-, ja hunderttausende von Lummen, Möwen und Gryllteisten brüten. Die erstarrten Lava- Basaltsäulen können sechs- oder achteckig sein, aber immer bilden sie eine flache Oberfläche und sind so ein idealer Untergrund für die brütenden Vögel. Unter Geologen noch berühmter ist die Insel Champ mit ihren wundersamen Steinkugeln von der Grösse eines Ping- Pong-Balles bis zu Giganten von drei Metern Durchmesser. In der Fachsprache heissen sie Kon kretionen, sie sind Teil der Boden bildung. Man muss sich das so vorstellen: Am Anfang steht ein Kern – das kann ein Auf 82 Grad Nord werden wir endlich fündig: Wir stossen auf Eis! Wenn auch auf dünnes... Reiche Vogelwelt im höchsten Norden: Gryllteisten sind Alkenvögel mit einer Flügelspannweite von einem halben Meter. 40 Polar NEWS

Ammonit, ein Skelett oder auch nur ein Sandkorn sein, das sich im Boden befindet. Durch ständiges Zufliessen von Sicker - wasser, das durch die Poren des Sandsteins dringt, entsteht eine Art Zement, zum Beispiel aus Kieselsäure oder Eisen, der im Laufe der Jahrtausende Schicht um Schicht um den Urkern aufbaut und die Kugel – noch immer im Boden – grösser und grösser werden lässt. Durch den Zement und der damit einhergehenden chemischen Reaktion wird die Oberfläche der Kugel viel härter als der sie umgebende Sandsteinboden. Nun kommt der zweite Teil, der ebenfalls wieder zigoder hunderttausende von Jahren dauern kann: Die Erosion. Der Boden wird von Wind und Wetter langsam abgetragen, und die Kugel gelangt nach und nach an die Das Klima ist rau, der Steinboden karg. Trotzdem weiss sich der arktische Mohn zu behaupten. Oberfläche. Da sie viel resistenter ist als der Sandsteinboden, liegt sie schliesslich frei in der Landschaft. Faszinierend. Wunderbare Flora Obwohl man es kaum für möglich hält, dass in dieser eisigen Umgebung Pflanzen gedeihen können – sie tun es in zahllosen Arten. Nur winzig klein zwar (ein Eldorado für Makrofotofans!), aber sie blühten wie zum Gruss genau während unserer Besuchszeit Ende Juli: knallfarbige Moose, Steinbrech in rot und weiss, gelber arktischer Mohn, Flechten in unglaublichen Formen und Farben. Eisbären ohne Eis Dass durch den Klimawandel den Bären das Eis unter den Tatzen wegschmilzt, hat man schon oft gelesen oder gehört. Weit dramatischer wird die Sache allerdings, wenn man das selbst erlebt. Tatsächlich sahen wir viele Bären – an Land! Ein trostloser Anblick: der König der Arktis am schwarzen Sandstrand oder gar im Gras. Jenen Tieren, die den Anschluss ans Eis verpasst haben (das sich immer weiter nach Norden zurückzieht), bleibt nichts anderes übrig, als aufs Festland auszuweichen, also auf eine Insel. Da es hier aber keine Robben gibt, fehlt den Bären die Hauptnahrung, die sie brauchen, um sich das Fett für den Winterschlaf anzufressen. Zwar ist der Bär ein Allesfresser, der notfalls sogar von Gras leben könnte. Aber das wäre dann höchstens ein trostloses Über-die-Runden-Kommen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wäre eine Bärin nicht in der Lage, aus Gras die Milch zu produzieren, die sie für die Aufzucht der Jungen braucht. Natürlich fällt auch auf einer Insel hie und da mal was «Fettiges» ab, ein angespülter Wal oder ein verendetes Walross. Und da der Eisbär auch Aas verdauen kann, wird er es irgendwie schaffen zu überleben. Interessant ist auch, dass sich der Polarbär mit dem Braunbären paaren kann. Sollte also das Eis so weit schmelzen, dass der Eisbär an Land leben muss, wartet eine neue Zukunft auf ihn: als Braunbär. In ein paar tausend Jahren gibt es mit Sicherheit wieder eine Eiszeit, und dann mutiert der Braunbär eben wieder zum Polarbären. Walrosse in Gefahr Eigentlich haben Walrosse keine Feinde. Nicht mal ein Eisbärengebiss kann ihre dicke Haut und die Blubber genannte Fettschicht durchdringen. Die verletzlichen Jungtiere werden von der Kolonie sorgsam in deren Mitte genommen, nach aussen geschützt und verteidigt von mächtigen Exemplaren mit riesigen Elfenbeinzähnen, vor denen sich sogar der Eisbär fürchtet. » Polar NEWS Jeder Eisberg ist einzigartig – und Fantasie-anregend: Traumschloss aus Eis. Die Wahrzeichen der Insel Champ: Steinkugeln, sogenannte Konkretionen. 41

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