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PolarNEWS Magazin - 12

Reisen Der Kraftprotz

Reisen Der Kraftprotz «Kapitan Dranitsyn» mit seinen 25’000 PS unterwegs zur nördlichsten Inselgruppe der Eisbrecher sucht Job Das Polareis schmilzt, russische Eisbrecher werden im Sommer arbeitslos. Statt wie üblich die Nordostpassage freizubrechen, bringen sie jetzt erlebnishungrige Passagiere in den höchsten Norden. Von Fritz Kleisli (Text und Bilder) Die Reise: Franz-Joseph-Land Wann: 27. Juli – 6. August 2010 Schiff: Eisbrecher «Kapitan Dranitsyn» Passagiere: 90 Crew: 90 Was 25’000 PS unter der Haube hat und ein stolzer Eisbrecher ist, sehnt sich nach dickem Packeis. Genau das wollten auch die Passagiere. Nur: Da war keins! Nicht auf der langen Hinfahrt vom russischen Hafen Murmansk auf der Barentssee, nicht oben bei Ankunft in Franz-Joseph-Land – überall nur offenes Wasser. Also musste sich der Eis - brecher mit seiner überschüssigen Kraft auf Eissuche machen. Er dampfte so lange gegen Norden, bis er fündig wurde, bis rauf zum 82. Breitengrad, zum nördlichsten Punkt von Franz-Joseph- Land, auf die Höhe der Rudolf-Insel. 38 Polar NEWS

finnischen Werft Wärtsilä gebaut und unter sowjetischer Flagge in Betrieb genommen. Dank ihrem relativ geringen Tiefgang von nur 8,5 Metern ist sie auch für den Einsatz in den Mündungsgebieten der sibirischen Ströme geeignet. Bereits 1994 wurde sie für den Passagierverkehr eingerichtet und 1999 nochmals modernisiert. Sie besitzt heute relativ komfortable Kabinen mit Aussenfenstern und WC/Dusche für rund 100 Passagiere, eine leistungsfähige Hotel - küche, Essräume, einen Vortragssaal mit Konzertbestuhlung, eine Bibliothek und eine kleine Bar – dennoch bleibt sie ein Arbeitsschiff und hält natürlich keinem Vergleich mit einem Luxuskreuzer stand. Das war aber für die 90 Passagiere auch nie ein Thema, schliesslich befand man sich auf einer Expeditionsreise zum nördlichsten Punkt des eurasischen Kontinents, nur gerade acht Breitengrade oder 888 Kilometer vom Nordpol entfernt. Erde, nach Franz-Joseph-Land. Für die Eiserkundung und für Landausflüge ist er mit einem Helikopter ausgerüstet. Allerdings war auch dieses Eis noch keine echte Herausforderung für den Kraftprotz, der Packeis von fast zwei Metern Dicke knacken kann. Durch «unser» Eis fuhr die «Kapitan Dranitsyn» wie durch Butter. Nur einmal, bei einer etwas üppigeren Ver - werfung, brauchte sie die volle Kraft ihrer drei Propeller. Angetrieben wird dieser klassische Eis - brecher von sechs Dieselmotoren mit insgesamt 24’840 PS, die «Saft» für drei Gleich - strom-Elektromotoren erzeugen. Diese über - tragen ihre Kraft direkt auf drei riesige Stahlpropeller mit einem Durchmesser von je 4,8 Metern. Damit erreicht die «Kapitan Dranitsyn» bei voller Kraft 19 Knoten (rund Polar NEWS 35 km/h). Bei Normalfahrt von 16 Knoten beträgt ihre Reichweite rund 20’000 Kilometer. Die sechs Dieselmotoren verbrennen gewaltige Mengen an Schweröl: 110 Tonnen in 24 Stunden Fahrt – deutlich erkennbar an der dicken Rauch- und Russfahne, die der über 120 Meter lange und fast 30 Meter hohe Koloss mit seinem kubusförmigen Aufbau hinter sich her zog und manchmal eine ganze Bucht so versmogte, dass die Fotografen an Bord glaubten, ihre Objektive zeichneten unscharf... Umgebaut für Passagiere Die «Kapitan Dranitsyn» wurde 1980 in der Ziel: Franz-Joseph-Land Das Archipel, aus 191 Inseln bestehend, befindet sich zwischen dem 80. und dem 82. Breitengrad, liegt rund 1200 Kilometer nördlich von Murmansk und gehört zu Russland. Wieso wurde es dann nach dem österreichischen Kaiser Franz Joseph benannt? Das kam so: 1872 wollte eine österreichisch-ungarische Expedition die Nordostpassage finden und so nebenbei auch noch als Erste den Nordpol erreichen. Der Mut war gross, die Zuversicht auch, aber der Sommer 1872 war so kalt, dass das Dampf-/Segelschiff «Tegetthoff» unter ihren Expeditionsleitern Karl Weyprecht und Julius von Payer schon auf halber Höhe von Nowaja Semlja bei 76 Grad Nord ins Packeis geriet und hoffnungslos einfror. Fortan waren die Polarpioniere keine Entdecker mehr, sondern wurden während Monaten zum Spielball der Eisdrift. Mal ging es auf der Eisscholle nordwärts, mal nach Osten oder Westen, mal wieder rückwärts. Wochen und Monate vergingen, und schliesslich endete die unkontrollierbare Irrfahrt bei 79 Grad Nord an einem Punkt, bei dem die damaligen Karten mit weissen Flecken glänzten. Ende Oktober 1872 brach die Polarnacht über die unglücklichen «Entdecker» herein; die erste Überwinterung im Eis stand bevor. Das war auf dem relativ komfortablen Schiff, das zudem über Vorräte für Jahre verfügte, weiter kein Problem. Zudem hoffte man natürlich, dass der kommende Sommer die «Tegetthoff» aus dem Eis befreien würde – aber diese Hoffnung zerschlug sich schon bald: Man sass weiter in der Eisfalle. Die Pioniere, allen voran» 39

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