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PolarNEWS Magazin - 12

Wissenschaft Reif für

Wissenschaft Reif für die In Der Klimawandel erwärmt die kalten Regionen. Tiere und Pflanzen aus südlicheren Gebieten wandern deshalb nach Norden hoch, zum Beispiel nach Spitzbergen. Wie machen die das? Weite Teile der Küste von Spitzbergen sind mit Treibholz bedeckt. Es stammt aus Sibirien und wurde von der M Von Stefan Stoll (Text) und Heiner Kubny (Bilder) Im kleinen Flughafen von Longyearbyen, der Hauptstadt von Spitzbergen, drängen sich die ankommenden Reisenden. Jetzt nur noch schnell das Gepäck vom Band nehmen, dann geht es los. Die hocharktische Inselgruppe wartet darauf, entdeckt zu werden. Die Angebote sind vielfältig: Im Winter lässt sich die Inselgruppe am Besten per Schneemobil oder mit dem Hundeschlitten erkunden, im Sommer auf kombinierten Schiffs- und Wanderreisen. Neben dem normalen Reisegepäck hat aber jeder Reisende unbeabsichtigt zusätzliches Ge päck mitgebracht: verschiedene Pflanzen - samen. Im Durch schnitt kleben vier davon an den Schuhen jedes am Flughafen ankommenden Reisen den. Das hat eine Studie von Wissen schaftlern an der Universität von Spitzbergen (UNIS) ergeben. Diese Samen werden mit auf die Tour genommen und können, wenn sie abfallen, auskeimen und so neue Arten auf der Inselgruppe ansiedeln. Viele der eingeschleppten Samen aus südlicheren Regionen hatten bislang aber keine Chance, sich dauerhaft anzusiedeln. Die niedrigen Temperaturen und kurzen Sommer verhinderten bei den meisten Pflanzen arten die Samenreife. Mit dem Klimawandel ändert sich das nun: Bereits in den letzten 30 Jahren ist die Jahres durch schnittstemperatur in der Arktis um 1,5 Grad angestiegen, bis zum Jahr 2100 ist, abhängig von der Menge klimaschädlicher Gase, die in Zukunft ausgestossen werden, ein weiterer Temperaturan - stieg um 4 bis 8 Grad prognostiziert. Die Arktis ist damit die am stärksten vom Klimawandel betroffene Region weltweit. Schrankenlose Meerestiere Mit steigenden Temperaturen bietet sich immer mehr Lebewesen die Möglichkeit, ihr Verbreitungsgebiet in den Norden auszudehnen. Bei der Ausbreitung ist der direkte Transport durch den Menschen die bequemste Methode – und durch ein immer engeres 28 Polar NEWS

sel? eeresströmung über das Polarmeer herantransportiert. Anhaftende Pflanzensamen konnten Spitzbergen kolonisieren. Verkehrsnetz und Gütertransporte zu den abgelegensten Orten der Welt auch eine zunehmend effiziente. Aber die Tier- und Pflanzenwelt hat auch andere Möglich keiten, sich neue Lebensräume zu erschliessen. Für Meeresbewohner zum Beispiel ist die Ausbreitung in den Norden besonders einfach. Alle Meere sind direkt miteinander verbunden. Durch die Erhöhung der Wasser - temperaturen konnten in den letzten Jahren bereits einige Fischarten, wie zum Beispiel die Grosse Schlangennadel, neu in die Küsten gewässer von Spitzbergen einwandern. Andere Arten wie Schellfisch und Lachs, die früher selten waren, werden mit steigenden Wassertemperaturen immer häufiger. Was die Fischer freut, bereitet vielen Meeresökologen Sorge. Denn die neuen Arten drängen die kaltwasserliebenden Arten zurück. Noch können diese Arten weiter in Richtung Norden ausweichen, aber sobald die Nordküste von Spitzbergen erreicht sein wird, gibt es für kälteliebende, küstenbewohnende Fischarten keine nördlicheren Refugien mehr. Erdgeschichtliche «Neuheit» Für Landlebewesen ist die Ausbreitung nicht ganz so einfach wie für Meeresbe wohner. Wie gelangt man trockenen Fusses auf eine Inselgruppe wie Spitzbergen, ohne die Hilfe von Touristen in Anspruch zu nehmen? Es ist möglich, so viel steht fest. Vor 20’000 Jahren, während des Höhepunktes der letzten Eiszeit, war Spitzbergen vollständig von Gletschern bedeckt, nur vereinzelt durchbrachen Berggipfel den Eispanzer. Diese Bedingungen boten höherem Leben keine Überlebenschancen. Genetische Studien belegen, dass die allermeisten, wenn nicht sogar alle Arten erst mit dem Ende der letzten Eiszeit eingewandert sind. Zu diesem Zeitpunkt war Spitzbergen bereits eine Inselgruppe, ungefähr 600 Kilometer sowohl von Skandinavien als auch von Grönland entfernt. Wie die Pflanzen nach Spitzbergen kamen, haben die norwegische Professorin Inger Alsos und ihre Kollegen mit genetischen Methoden untersucht: Eine Reihe von Pflanzenarten wie das vierkantige Heide - kraut oder die Krähenbeere kamen aus Grönland nach Spitzbergen. Leichte Samen wie die vom Heidekraut können dabei von den vorherrschenden Winden aus Süd-West durch die Luft oder über das Meereis geblasen werden. Auch aus Nordnorwegen wurden leichte Samen vom Wind nach Spitzbergen transportiert, zum Beispiel diejenigen der Kraut - weide. Wie für Weiden typisch, sind ihre Samen mit feinen Härchen versehen und sehr flugtauglich. Die Krähenbeere, die ebenfalls aus Grönland nach Spitzbergen kam, war dagegen vermutlich auf die Mithilfe von Vögeln angewiesen. Die Beeren dieser Pflanze werden gerne von Schneehühnern gefressen, ihre Samen körner aber nicht verdaut. So traten die Samen ihre Reise nach Spitzbergen wahrscheinlich im Darm der Tiere an. Wind und Wetter Auch flugfähige Insekten werden hauptsächlich mit dem Wind aus Skandinavien und Grönland nach Spitzbergen transportiert. Gelegentlich lässt sich dieser Transport sogar eindrucksvoll beobachten: Im Juli 2000 etwa wurden nach anhaltenden Winden aus Süden plötzlich überall auf Spitzbergen Kohl motten, eine Schmetter lings art, gesichtet. Aus Mangel an geeigneten Futterpflanzen starben die Kohlmotten aber rasch. Kleine, nicht flugfähige Insekten und Milben können dagegen auf Vögel als Transport mittel zurückgreifen. Die Tiere leben oft in grosser Zahl im Nest von Seevögeln. Partikel des Nestmaterials und mit ihm die Tiere bleiben im Federkleid der Vögel hängen und werden so über weite Strecken transportiert. Es wurde gezeigt, dass einige kleine Insekten sogar tage- bis wochenlang auf der Meeresoberfläche überleben können. So » Polar NEWS 29

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