Aufrufe
vor 2 Jahren

PolarNEWS Magazin - 12

Interview «Zum Glück

Interview «Zum Glück werden die Regeln strenger» Wohin entwickelt sich der Tourismus in den polaren Gebieten? Darf man überhaupt reinen Gewissens dorthin reisen? Und wenn ja: Wie? Andreas Minder und Bruno Bisig von Kontiki-Saga in Baden wissen die richtigen Antworten. Interview: Christian Hug Bilder: Heiner Kubny Warum reisen Menschen in polare Ge - biete? Andreas Minder: Die Gründe sind vielfältig: Manche suchen das Originale und Authentische. Andere möchten Tiere in der freien Wildbahn beobachten. Wieder andere setzten sich zu Hause intensiv mit dem Klima wandel auseinander und wollen das Gebiet sehen, über das sie gelesen haben. Als Reisebüro mit Spezialgebiet Skandinavien erleben wir oft, dass Leute, die zum Beispiel in Norwegen waren, höher in den Norden wollen, quasi an der Rand der Welt. Oder sie waren schon im hohen Norden und möchten nun den tiefen Süden bereisen. Wir bemerken eine erstaunlich grosse Zahl von Repeatern, wie wir den «Wiederholungs tätern» sagen. Wer einmal vom «arktischen Virus» befallen ist, kehrt immer wieder in die polaren Regionen zurück – was ich persönlich sehr gut nachvollziehen kann! Wie hat sich der Polar-Tourismus in den letzten zehn, zwanzig Jahren entwickelt? Bruno Bisig: Für die Schweiz führt niemand Statistiken über Besucherzahlen, auch über die nordpolaren Gebiete gibt es kaum Zahlen. Die Internationale Vereinigung der Reiseanbieter in die Antarktis, IAATO, erfasst zumindest Reisende in die südpolare Gegend: 1992 waren das 7000 Leute aus der ganzen Welt, 2008 zählte man 30’000. Ist das viel? Bisig: Viel ist relativ. Die Touristen leben auf dem Schiff, und die Schiffe verteilen sich über ein Gebiet von etwa der Grösse Europas. So gesehen sind 30'000 nicht viel. Warum hat die Zahl der Reisenden so zugenommen? Minder: Weil einerseits das Interesse der Menschen an polaren Gebieten und Themen gestiegen ist. Und weil anderseits die Reiseanbieter auf diese Nachfrage reagiert haben. Zudem sind solche Reisen heute verhältnismässig billiger als noch vor zwanzig Jahren. Die Internationale Vereinigung von Veranstaltern von Expeditions-Seereisen in arktische Gebiete AECO zählte 1992 exakt zwölf Schiffe mit einem Fassungsvermögen von je rund 50 Touristen. 2008 cruisten 55 polartaugliche sowie zum Teil grössere Schiffe durch die kalten Gegenden. Bisig: Interessanterweise wurden dabei keine neuen Schiffe gebaut, sondern man baute bestehende Schiffe um, die früher andere Routen gefahren sind. Einzig die «Fram» der norwegischen Reederei Hurti gruten wurde 2007 komplett neu als reines Expeditions - schiff für polare Gewässer gebaut. Haben der Klimawandel und der Berliner Eisbär Knut dazu beigetragen, dass die Nachfrage gestiegen ist? Minder: Knut nicht. Aber der knuddelige Eisbär hat hoffentlich dazu beigetragen, dass sich seine Fans vermehrt mit Erder - wärmung und Klimawandel auseinandergesetzt haben. Es gibt zwar Reisende, die nach so einer Auseinandersetzung in polare Gebiete reisen, aber in absoluten Zahlen sind das nur wenige. Worin unterscheidet sich eine Reise in polare Gebiete von einer Mittelmeer- Kreuz fahrt? Bisig: Im Gegensatz zur klassischen Kreuzfahrt bezeichnen wir Polarfahrten als Expeditionsreisen. Bei der Kreuzfahrt werden die Reisenden innerhalb des Schiffes unterhalten mit Musik, Tanz und allerlei Angeboten. Bei Polarfahrten findet die «Unterhaltung» ausserhalb des Schiffes statt, sprich draussen bei Landgängen. Drinnen werden Vorträge gehalten statt Tanzmusik gespielt. Man kommt somit also definitiv mit viel mehr Wissen von einer Polarfahrt nach Hause, obwohl das keine eigentlichen Bildungsreisen sind. Und natürlich sind die Reisegruppen sehr viel kleiner. Und wenn ich alleine reisen will? Bisig: Dann buchen Sie ebenfalls bei uns: Wenn Sie einen Monat auf Spitzbergen wandern wollen, können wir das organisieren. Im Süden ist das allerdings nicht möglich: Dort bleiben Sie immer in der Gruppe beziehungsweise auf dem Schiff. Was sind die wichtigsten Argumente in einem Beratungsgespräch, wenn sich jemand für Polarreisen interessiert? Minder: Das Schiff, die Route, die Be - gleitung. Jeder Gast sollte auch wirklich auf 22 Polar NEWS

«Dafür ist der Einfluss des Tourismus viel zu klein»: Bruno Bisig (links) und Andreas Minder vor dem Sitz des Reise-Anbieters Kontiki-Saga in Baden. dem Schiff fahren, das ideal für ihn ist. Die einen ziehen ein einfach eingerichtetes, aber kleines und familiäres Schiff vor, andere haben grössere Komfortansprüche an ihr Schiff. Vor allem in der Antarktis ist die Routenwahl wichtig, um Enttäuschungen zu vermeiden: Wer auf der kurzen Route nur zur Antarktischen Halbinsel fährt, sieht keine Königspinguine. Um die zu sehen, muss die grosse Antarktis-Expedition über die Falkland-Inseln und Südgeorgien gewählt werden. Und schliesslich die Bordsprache: Nur bei ausgewählten Expeditionsreisen sind Deutsch sprechende Lektoren an Bord. Aus ökologischer Sicht gesehen: Wie gross darf eine Gruppe sein, damit das sensible Ökosystem nicht gestört wird? Minder: Wir arbeiten ausschliesslich mit Reedereien zusammen, die kleine Schiffe für 100 bis 200 Passagiere betreiben. Unser grösstes Schiff ist die «Fram» mit 250 Passagieren. Diese Grösse ist ideal, denn das Reisen ist vor allem im Süden streng reglementiert: Gemäss der International Association of Antarctica Tour Operators IAATO dürfen höchstens 100 Personen zur selben Zeit an Land gehen. Und im Norden? Minder: Dort sind die Regeln weniger streng. Da kann es schon mal vorkommen, dass zwei Schiffe am gleichen Nachmittag in derselben Bucht ankern wollen. Doch normalerweise organisieren sich die Schiffe vorgängig untereinander. Trotzdem sieht man in letzter Zeit auch grosse Kreuzfahrtschiffe mit 3000 Passa - gieren in kalten Gewässern kurven... Bisig: Das stimmt. Leider. Diese Kreuz - fahrt riesen fahren eigentlich ganz woanders hin, machen aber unterwegs einen Kehr in die Antarktis. Doch diese Schiffe dürfen von Gesetzes wegen gar nicht ankern, und die Passagiere dürfen nicht an Land. Alles, was die Leute tun können, ist, von weiter Ferne den Pinguinen zuwinken. Und nach dem Winken besuchen sie den Hammondorgel-Kurs auf Deck sieben... Machen solche Abstecher Sinn? Minder: Nein, überhaupt nicht! Natürlich werben solche Veranstalter in ihren Pros - pekten wie die seriösen Anbieter mit Aben - teuer und intimen Erlebnissen, aber das ist schlicht gelogen. Viele Passagiere finden das nicht mehr als lustig, wenn sie zu Hause sagen können «ich war auch dort». Aber im Grunde waren sie nie dort. Bisig: In der Arktis kommt es vor, dass Schiffe mit mehreren hundert Passagieren » Polar NEWS 23

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum