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PolarNEWS Magazin - 12

Serie Vergessene Helden

Serie Vergessene Helden Teil VIII Der Nordpol ist ein warmes Meer Die Erforschung der Polar - regionen brachte so einige schillernde Figuren hervor. Helden, die sich die Zehen abfroren; Heroen, die ins Unbekannte aufbrachen, um für ihre Nationen oder Könige Neuland zu entdecken und die Fahnen in weisse Flecken auf der Landkarte zu pflanzen; Führernaturen, deren Namen und Taten man noch heute mit Ehrfurcht gedenkt. Einer der fast vergessenen Pioniere der Polarforschung war der Deutsche August Heinrich Petermann (1822–1878). Noch heute erinnern drei Gebirgszüge im Wohthat-Massiv (Antarktika) an den umtriebigen preussischen Kartografen, ausserdem die Petermannspitze in Ostgrönland, das Kap Petermann auf der Insel Nowaja Semlia, das Kap Peter - mann sowie das Petermann fjellet in Spitzbergen und der Petermann-Gletscher in Nord - west grönland. Sogar ein Mond - krater trägt seinen Namen. Und auf den Mond hätten ihn wohl so mancher seiner Zeitgenossen gern geschossen. Petermann war einer der umstrittensten Männer, der je der Faszi - nation des (noch unentdeckten) August Heinrich Petermann. Nordpols erlag und alles daran setzte, ihn zu erreichen. Alles ausser sein Leben. Denn Petermann war das, was die viktorianischen Engländer einen «armchair explorer» nannten, einen Lehnstuhl-Eroberer. Der Deutsche kam selber nie weiter nördlich als bis Edinburgh. Er wollte den Pol auf seine Weise erobern – auf dem Papier. Der in Potsdam ausgebildete Kartograf hing nämlich der Idee an, dass sich um den Pol ein freies, schiffbares und warmes (!) Meer befinde. Seine These vom eisfreien Nordpolarmeer hielt er in zahlreichen Karten fest. «Es ist eine wohlbekannte Tatsache», so Petermann nassforsch in einem Brief an die Admiralität, «dass im Norden der sibirischen Küste ein Meer existiert, das zu allen Jahreszeiten offen ist, es besteht kein Zweifel, dass ein ebensolches offenes Meer auch auf der amerikanischen Seite existiert, es ist sehr wahrscheinlich, dass diese beiden offenen Meere einen grossen, schiffbaren Arktischen Ozean bilden.» Diese fixe Idee war nicht in Petermanns Kopf geboren. Lange vor ihm pflegten die alten Griechen die Vorstellung eines milden Landes hinter den kalten Nordwinden, sie nannte es Hyperborea. Auch in Mary Shelleys Schauerroman «Frankenstein» las man vom Nordpol als «einer ruhigen See und einem Land, das an Wundern und Schönheit jeden bewohnten Teil der Erde übertrifft». Um an Mythen oder Märchen zu glauben, war Petermann zu sehr Wissenschaftler. Viel lieber stützte seine These auf den baltischen Naturforscher Ferdinand Baron von Wrangel, der im Auftrag des Zaren um 1820 die sibirischen Küste erkundete und jenseits des Festlandes eine grosse offene Wasserfläche gesichtet haben wollte: «Polinya». Taktisch klug verlegte Peter mann seinen Wohnsitz ab 1847 nach London, dem Nabel der Welt der Karten. Im eleganten, elitären Kreis der National Geographic Society wirbelte er jahrelang mit seiner Idee und durfte ab 1852 sogar hoffen, dass ein Un - glücksfall zu seinem Glück führen könnte: Seit sieben Jahren bangte ganz England um den verschollenen Nordpol fahrer John Franklin. Petermann hegte die Hoffnung, dass bei der Suche nach Franklin auch gleich sein offenes warmes Polar meer gefunden werde. Immer hin waren auf dem Höhepunkt des Franklin-Fiebers 15 Rettungs mannschaften im Nordeis unterwegs. Man fand weder den Pola r - forscher noch Petermanns warmes Nordmeer. Völlig frustriert verliess der einst zum Geografen von Königin Victoria erkürte Petermann England und siedelte ins thüringische Gotha über. Noch immer von seiner These beseelt, gründete er hier eine Fachzeitschrift und weibelte weiter für sein irdisches Paradies, den Pol. Petermann musste über viel Charisma und Wortgewalt verfügt haben, denn aufgrund seiner Ausführungen rüstete man in Frankfurt ab 1868 zwei Nordpolexpeditionen aus. Kapitän Carl Koldewey stach mit Anweisungen Petermanns mit der «Grönland» ins See Richtung Norwegen mit dem Ziel Nordpol – und scheiterte. Es sollten noch 39 Jahre vergehen, bis das kalte Dach der Welt, der Nordpol, erstmal erreicht wurde, am 6. April 1909 von Robert E. Peary. So steht es in der heutigen Geschichtsschreibung. Gesichert ist weder das Datum noch der Entdecker. Sicher aber ist, dass sich Petermann 1878 in seinem Garten erschossen hat. Greta Paulsdottir Buchtipp: Philipp Felsch: «Wie August Petermann den Nordpol erfand». Sammlung Luchterhand (Taschenbuch). 20 Polar NEWS

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