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PolarNEWS Magazin - 12

Skuas jagen in der Regel

Skuas jagen in der Regel zu zweit. So bleiben diese Königspinguin-Eltern trotz vereinten Kräften chancenlos. Von Peter Balwin (Text) und Heiner Kubny (Bilder) Noch ist die frostige Atmosphäre dieser antarktischen Sommernacht nicht verflogen. Eine eisbedeckte Bergspitze legt ihren letzten kalten Schatten just auf jenen Teil der Pinguinkolonie, wo die Jungvögel dicht ge - drängt im sogenannten Kindergarten zu - sammen stehen. Alles wartet auf den ersten Sonnenstrahl. Kaum ist die ersehnte Wärme endlich hinter der schroffen Bergflanke hervorgebrochen, beginnen die dicken Leiber der schlafenden See-Elefanten am Strand zu dampfen, blinzeln die träge auf den Kieselsteinen liegenden Pelzrobben mit ihren pechschwarzen Augen in die aufgehende Sonne. Auch die immer etwas nervös wirkenden Weiss - gesicht-Scheidenschnäbel sind erwacht und eilen schon zwischen den Nestern der Pinguine herum – allerdings ziemlich ziellos, weil noch kein Pinguin futter zu stehlen ist. Ein ruhiger, friedlicher, ungestörter Morgen auf der Antarktischen Halbinsel nimmt seinen Lauf. Verständlich, dass die dunkle Silhouette, die scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht ist und nun bedrohlich über den Köpfen der jungen Pinguine schwebt, grosse Unruhe unter den Vögeln auslöst. Eine Skua – ein Feind! Der junge Tag hat seine Unendlichkeit eingebüsst; urplötzlich müssen die kleinen Pinguine damit rechnen, dass dieser Tag auf Erden ihr letzter ist. Während sich das Jungvolk aufgeregt zusammendrängt, reck en die Altvögel zur Abwehr ihren langen, spitzen Schnabel gen Himmel. Die grosse, kräftig gebaute Subantarktikskua landet am Rande der Pinguinkolonie, um sich ihr Frühstück in aller Ruhe zu Fuss auszusuchen. Obwohl sie von ihren potenziellen Opfern forsch angefeindet wird, stolziert die Skua inmitten der verängstigten Pinguine hin und her wie ein molliger Fabrikpatron, der mürrisch seinen Besitz abschreitet. Im Norden und im Süden So gefährlich Skuas, diese stolzen Raub - möwen, in den Augen mancher anderer Vogelarten auch erscheinen mögen, so faszinierend sind sie aus der Sicht menschlicher Naturbeobachter. Vor etwa 10 Millionen Jahren begannen sich die Skuas von ihren nächsten Verwandten, den Möwen, zu trennen und als eigene Familie zu etablieren: derjenigen der Raub - möwen (Stercorariidae). Die heute weltweit sieben Skua-Arten bewohnen die kühlen bis kalten Regionen des Planeten. Drei Arten nennen die Ant - arktis sowie subantarktische Inseln ihr Zu - hause (Subantarktikskua, Chileskua und Antarktikskua). Diese südlichen Skuas wiegen durchschnittlich 1425 Gramm, und ihre schmal gebauten Flügel erreichen eine Spannweite von bis zu 1,37 Metern. Auf der südlichen Halbkugel sind die Subant - arktikskuas die grössten Vertreter der Raub - möwen. Vier Arten brüten auf der Tundra und in anderen kühlen Zonen der Nordhalbkugel (Skua, Spatel-, Schmarotzer- und Falken - raubmöwe). Während die drei Letztge - nannten mit einer Flügelspannweite von 1,2 Metern und einem Körpergewicht von 490 Gramm relativ zierlich ausfallen, er - reicht die «grosse» Skua der Nord - hemisphäre antarktische Körpermasse. Alle Skuas sind grosse, plump gebaute Seevögel, die schnell, wendig und kraftvoll fliegen können. Eine hakenförmige Spitze ziert den kräftigen Schnabel – beides un - trügliche Indizien für ein Leben als Beute - greifer. Anders als bei den wirklichen Möwen sind bei den Raubmöwen die Weibchen grösser als die Männchen. Der Gewichtsunterschied liegt immerhin zwischen 11 und 17 Prozent. Diese markante körperliche Ungleichheit führt man darauf zurück, dass das Skua- Weibchen sein Nest und seine Jungen mit seiner grösseren Körperfülle besser verteidigen kann. Die schlankeren, kleineren Männchen hingegen sind gut im Jagen, denn es ist hauptsächlich ihr Job, Nahrung heranzuschaffen. Kompliziert und gefürchtet Weil Skuas als Raubmöwen immer wieder andere Vögel bedrängen, standen sie nie sehr hoch auf der Gunstskala des Menschen, der leider noch immer versucht, Tiere allgemein an seinen eigenen Wertvorstellungen zu messen. Bereits mit der Namensgebung war die Ehre der Raub(!)möwen be schmutzt. Das Wort Skua soll sich aus dem färöischen Namen skúgvur ableiten, was wiederum von der altnordischen Bezeichnung skumr für «unfreundlicher Mann» stammen soll. In der ornithologischen Fachwelt sorgen Skuas damals wie heute für Verwirrung und rote Köpfe. Schuld daran sind einerseits die verwandtschaftlich-genetischen Verhältnisse, 14 Polar NEWS

weil noch lange nicht klar ist, wie viele Skua- Arten und -Unterarten es heute wirklich gibt. Anderseits ist es gar nicht einfach, eine Raubmöwe draussen im Feld immer eindeutig zu benamsen! Die Bestimmung von Skuas in der Natur gehört selbst heute, im Zeitalter hervorragender optischer Beo - bachtungshilfen und ausgezeichneter Feld - führer, zu einer der grössten Heraus - forderungen der modernen Ornithologie. Grund dafür ist das Gefieder dieser Raub - möwe, welches eine Vielzahl unterschiedlicher Variationen aufweisen kann, je nach Alter des Vogels oder der Jahreszeit. Poly - morphismus nennen die Vogelkundler eine derartige Vielgestaltigkeit innerhalb einer Vogelart. Dazu kommt noch, dass die Wissenschaft die Subantarktikskua in etliche Unterarten (Subspecies) aufgeteilt hat – was Fachleute zu hitzigen Diskussionen verleitet. Die ausgebissenen Zähne, respektive die entzündeten Beobachteraugen, welche diese Fachfrage herbeiführt, überlassen wir hier getrost den Zoologen, den Systemati kern und Taxonomen. Gut gemeint, nichts genützt In den Zeiten vor dem 19. Jahrhundert hatten die damaligen Vogelkundler noch kaum je eine Skua zu Gesicht bekommen. Einzig ein paar Jagdopfer, die Expeditions teilnehmer mit nach Hause brachten, verhalfen den Experten zu erstem Bestimmungs material. Weil aber Skuas wie gesagt in jedem Lebensalter und nach Art und Jahreszeit ganz verschieden aussehen, führten die wenigen Vorlagen zu chaotischen Bestimmungs- Ergebnissen. So hatte der führende Skua- Experte noch 1876 keine Ahnung von einer Antarktikskua, dafür listete er 18 unterschiedliche Namen alleine für den Vogel auf, den wir heute Falken raubmöwe nennen. Der Schmarotzer raub möwe gab er gar 23 Namen. Und wenn wir in Brehms «Thierleben» nachschlagen, sticht dem Leser viel Skepsis und Ablehnung nicht nur zwischen den Zeilen entgegen. Es heisst dort wörtlich: «An Mut, Raubgier, Neid und Ungesellig keit überbietet die Skua alle übrigen Seeflieger. Sie ist der gefürchtete Vogel des Meeres. ... Kein anderer Vogel nistet in der Nähe der Skua, denn jeder fürchtet die gefährliche Nach bar - schaft.» Die Skua als ausgesprochene Flugakrobatin verfolgt, sagen wir: eine Dominikaner möwe, die eben ein Fischchen aus der Drake Passage gefangen hat. Der verfolgte Beutevogel versucht laut kreischend, sein eben erst gefundenes Fressen zu behalten, unternimmt waghalsige Flugmanöver, um der Subantarktikskua zu entwischen, die ihn intensiv verfolgt. Chancenlos! Schliesslich sieht die Möwe keinen anderen Ausweg mehr, als ihr Fischchen loszulassen, oder bereits verschluckte Nahrung hervorzuwürgen, nur um den lästigen Verfolger endlich loszuwerden. Dieser als Kleptoparasitismus bezeichnete Vorgang ist allerdings nicht nur auf die Skuas beschränkt (zum Leidwesen vieler unschuldiger Vogelarten). Auch andere Vögel klauen den Nachbarn das Essen. Greifvögel und Falken sind ausgesproche -ne Klepto para - siten, aber auch einzelne Möwen arten, Seeschwalben oder die tropischen Fregatt - vögel. Bei unseren Skuas jedoch hat sich diese Form der Luftpiraterie am schönsten entwickelt – zumindest was die Flugschau betrifft. Bei der bulligen Spatelraubmöwe des Nordens sowie bei den Skuas der Südhalbkugel ist die Grenze zwischen Stehlen und Jagen nicht immer eindeutig. Eine Verfolgungsjagd, die als Kleptopara sitismus beginnt, kann in eine Attacke auf Leib und Leben des Verfolgten umschlagen. Während die Schmarotzerraubmöwe wahrscheinlich weltweit die einzige Vogelart ist, die sich das ganze Jahr über einzig durch Stehlen und Abjagen den Bauch vollschlagen könnte, sind längst nicht alle Luft attacken die- » Nahrung dank Akrobatik Ihren etwas unschönen deutschen Namen Raubmöwe hat sich die Skua-Familie durch ihr oft unkollegiales Verhalten selber eingebrockt. Sie stiehlt den anderen Vögeln die eben erjagte Beute! Wer einmal die Chance hat, eine solche Verfolgungsjagd zu beobachten, wird diese Flugschau lange nicht vergessen. Polar NEWS Je kälter und karger der Lebensraum, um so weniger wird das Nest ausgepolstert. Dieses Ei wurde in eine Mulde auf den nackten Boden gelegt. 15

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