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PolarNEWS Magazin - 11

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Von Heiner Kubny (Text

Von Heiner Kubny (Text und Bilder) Dass sich, wie im Bild auf der vorhergehenden Seite zu sehen, die Wege von Robben und Rentieren kreuzen, kann durchaus vorkommen. Schliesslich sind beide Arten in den polaren und subpolaren Gebieten rund um den Nordpol zu Hause. Aber was suchen die Königspinguine auf diesem Bild? Pinguine leben, wie wir wissen, ausschliesslich auf dem südlichen Teil der Erdkugel. Wer in der grossen Fauna-Bibel «Brehms Tierleben» nachschlägt, findet auf diese Frage keine Antwort. Auch in den «Ein Platz für wilde Tiere»-Folgen des Tierfilmers Bernhard Grzimek wird darüber nicht gesprochen. Erst auf Wikipedia ist am Rande zu erfahren, dass sich die auf South Georgia und auf den Kerguelen lebenden Forscher kleine Rentierherden halten. Was so zwar nicht ganz korrekt ist, uns aber auf die richtige Spur führt. Des Rätsels Lösung: Rentiere wurden von Walfängern Anfang des 20. Jahrhunderts in South Georgia ausgewildert, und noch heute leben die Nachfahren dieser importierten Hirsche in freier Wildbahn auf der Insel. Und auf den Kerguelen. Wir nennen sie deshalb «Südliche Rentiere». Wenn man bedenkt, dass Fach - leute bis zu zwanzig verschiedene Rentier - arten unterscheiden, sei diese nicht ganz ernst gemeinte Bezeichnung als einundzwanzigste «Unterart» hier erlaubt. Biologen bezeichnen übrigens die Mehrzahl von Rentier als «Rener». Wir einfachen Tier - freunde begnügen uns mit «Rentiere», auch wenn der Duden die fachsprachliche Be - zeichnung bevorzugt. Mitbringsel von daheim Über die genauen Daten, wer wann wie viele Rentiere wohin mitgebracht hat, sind in den Archiven unterschiedliche Angaben zu finden. Wir halten uns deshalb an die offizielle Version des Gouvernment of South Georgia, und die geht so: 1911 nahmen die beiden Brüder und Walfänger C. A. und Leonard Larsen zehn Rentiere von Zentralnorwegen mit zur Walfangstation Ocean Harbour an der südlichen Nordküste Südgeorgiens, wo sie die Tiere quasi als Frischfleisch-Nachschub auf der Insel aussetzten. Die Jagd auf die Tiere sollte den Männern etwas Abwechslung in ihren eintönigen Alltag bringen und gleichzeitig den Speiseplan ergänzen – wer will denn schon immerzu die Wale essen, die man den ganzen Tag abschlachtet... Und immerhin: Rentierfleisch ist sehr mager. Weitere fünf Rentiere wurden im gleichen Jahr in Leith Harbour etwas weiter nördlich ausgesetzt. Die Tiere fanden sich in ihrer neuen Heimat gut zurecht: Bereits nach zwei Jahren hatten sie sich vom nördlichen Winter- Sommer-Rhythmus auf den umgekehrten südlichen Ablauf der Jahreszeiten umgestellt und ihre Gebärzeit entsprechend angepasst: Während die nördlichen Rentier weibchen in den Nordfrühlings monaten Mai und Juni kalbern, werfen ihre im Süden lebenden Ver - wandten ihre Kälber in den Süd früh lings - Das Rentier im Wappen Südgeorgiens. Lustig: sein überdimensioniertes Geweih. monaten November und Dez ember. Zudem war das dicke, hohe Tussock gras neben Moos und Flechten als Nahrung reichlich vorhanden. Bereits 1912 wurde das Rentier auf Südgeorgien unter Schutz gestellt: Wer es jagen wollte, musste eine Lizenz erwerben. Unter so günstigen Umständen ist es nur logisch, dass die kleinen Herden bald grösser wurden. In den 1920er-Jahren geriet die inzwischen auf rund 20 Tiere angewachsene Herde von Leith Harbour aber in eine Schnee - Rentiere wurden auch deshalb eingeführt, weil sie verhältnismässig zutraulich und deshalb leicht zu jagen sind. 44 Polar NEWS

Auch wenn sie die südgeorgische Flora abgrasen: «Südliche Rentiere» sind keine ernste Bedrohung für die Pflanzenwelt. lawine und wurde gänzlich ausgelöscht. Die Herde vom Ocean Harbour hingegen wuchs und gedieh. Im Jahr 1925 brachten in Husvik stationierte Wal fänger weitere Rentiere nach Süd - georgien, drei Hirsche und vier Kühe, die sich prächtig vermehrten. Die beiden Herden haben sich aber bis heute nie vermischt, denn sie sind durch für Rentiere unüberwindbare Hindernisse voneinander separiert: Der Fortuna- und der Neumayer-Gletscher trennen die beiden Herden geografisch. Vom Hasen bis zum Affen Rentiere waren bei weitem nicht die einzigen Tiere, die Walfänger von zu Hause mit auf die Insel brachten: Schweine Hasen, Pferde, Schafe, Hühner und Rinder wurden als Nutztiere gehalten, Hunde, Katzen Ziervögel und Brieftauben lebten als Haustiere auf den Stationen. Füchse wurden wie die Rentiere ausgewildert, und ein Arbeiter brachte sogar einen Affen mit. Keine dieser Arten hatte Bestand: Den Nutztieren war’s zu kalt, die Haustiere nahmen die Walfänger wieder mit nach Hause, und die ausgewilderten Füchse verendeten im kalten Südpolarwinter. Die letzte verwilderte Katze starb 1980 in Grytviken. Nur die Rentiere überlebten. Und dummerweise auch Ratten und Mäuse, die mit den Walfängern nach Südgeorgien kamen – und notabene 35 fremde Pflanzen - arten. Die Nager sind bis heute eine starke Bedrohung für die einheimische Tierwelt, weil sie den Vögeln Eier aus den Nestern stehlen und Jungtiere attackieren. Auch die Rentiere richten auf Südgeorgien Schaden an, wenn auch überschaubaren: Wo das Tussockgras abgeweidet ist, geben dessen Wurzeln dem Boden keinen Halt mehr, Erosionen sind die Folge. Ernsthaft bedroht ist aber keine Pflanzenart. Und um es ganz genau zu nehmen: Mit den Rentieren kamen auch die Rentierparasiten: Forscher fanden in den Kadavern von «Südlichen Rentieren» drei verschiedene Band würmer und einen Fadenwurm, alle - samt nicht in der Südpolarregion heimische Tiere. Immerhin: Die von Rentierzüchtern im Norden so gefürchtete Dasselfliege ist auf Südgeorgien nicht lebensfähig. Export-Schlager Heute leben gemäss Angaben der Regierung insgesamt rund 2000 Rentiere auf Süd - georgien. Wobei ihre Anzahl je nach Wetter stark variiert: Wenn der Winter besonders hart ist, verhungern und erfrieren viele von ihnen. Aber wie’s scheint, ist die Insel gnädig mit den Tieren: Langfristig gesehen finden sie genügend Futter, um sich wieder zu vermehren. Fressfeinde haben sie keine, und weit und breit sind sie konkurrenzlos die einzigen Grasfresser. Weil Rentiere sich mit wenig zurechtfinden, haben Züchter auf der ganzen Welt Interesse an ihnen. Deshalb wurden Rentiere auch auf den Kerguelen ausgesetzt, südgeorgische Rentiere wurden 1971 nach Feuerland um - ge siedelt, und seit einiger Zeit halten auch Farmer auf den Falkland-Inseln Rentiere aus South Georgia. Kein Wunder, ziert das Rentier denn auch das Wappen von Südgeorgien: Über einem See-Elefanten und einem Goldschopfpingu - in thront ein Rentier auf einer Klippe. Der Spruch darunter, «leo terram propriam protegat», heisst soviel wie «Lasst den Löwen sein eigenes Land bewachen». Wobei mit dem Löwen England als «Besitzer» von Südgeorgien gemeint ist. Richtige Löwen gab es auf South Georgia nie. PolarNEWS Nicht, dass sie sich nicht mögen würden – aber Rentiere und Pinguine gehen sich lieber freundlich aus dem Weg. Polar NEWS 45

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