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PolarNEWS Magazin - 11

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Walrosse bilden

Walrosse bilden innerhalb der Robbenfamilie eine eigene Gattung. Wenn es ihnen draussen zu kalt wird, ziehen sie sich ins Wasser zurück: Dort ist es wärmer. 24-mal schneller aus als an der frischen Luft. Blubber heisst die Lösung beim Thema Isolation, wie wir bereits gesehen haben. Aber was ist mit den (wenigen) Extremitäten einer Robbe, den Vorder- und Hinterflippern? Geht dort nicht viel Wärme verloren? Wie viele andere Tiere auch vertrauen die Robben bei dieser Frage auf ein spezielles System ihrer Blutbahnen: Die Arterien, welche das warme Blut vom Herz zu den Flippern leiten, verästeln sich unterwegs mit den Venen, in denen gerade abgekühltes Blut von den Extremitäten herzwärts fliesst. Es erfolgt ein Austausch von Wärme im Gegenstromprinzip: Das arterielle Blut wird allmählich kälter (so dass nur wenig Wärme durch die Flipper verlorengehen kann), und das venöse Blut, unterwegs in Richtung Körperkern, wärmt sich auf (so dass das Innere der Robbe nicht auskühlen kann). Aus dem gleichen Grund frieren Vögel, die auf einer Eisscholle rasten, nicht an der Scholle fest. Robben wenden einen weiteren, wesentlich einfacheren Trick an, um sich zu wärmen, der ist auch uns vertraut: herumräkeln an der Sonne! Dabei speichern die Tiere Sonnenenergie. Bei windigem Wetter suchen sie windgeschützte Stellen auf oder legen sich nahe zueinander. Wenn es extrem kalt wird, ist es im Meerwasser am behaglichsten, denn dessen Temperatur kann nicht tiefer als etwa -1,9 Grad fallen. Luftleere Lungen Wie alle tauchenden Tierarten müssen auch Robben mit ihrem Sauerstoffvorrat haushälterisch umgehen, denn das Herz und das zentrale Nervensystem wollen auch während des Tauchgangs ausreichend mit Sauerstoff versorgt sein. Dieser wird deshalb grösstenteils den beiden wichtigsten Organen zugeleitet, dem Gehirn und dem Herz. Und das geht so: Bevor eine Robbe oder ein anderer Meeressäuger abtaucht, atmet das Tier aus. Es nimmt also nur einen minimalen oder gar keinen Luftvorrat mit unter Wasser. Bei einer Weddellrobbe kollabiert die Lunge ab einer Tiefe von 25 Metern vollständig. Dieser radikale Vorgang verringert den Auftrieb und verhindert den Gasaustausch mit dem Blut und damit das Entstehen der Taucherkrankheit. Das biss - chen Restluft verbleibt in den oberen Atemwegen, aus denen die Luft nicht ins Blut übertreten kann. Das eigentliche Zaubermittel, das den Meeressäugern ein sorgenfreies, tiefes Tauchen ermöglicht, heisst Myoglobin. Dieses Eiweiss findet sich in den Zellen von Skelettmuskeln und des Herzens, auch beim Menschen. Es ist der Speicherplatz für Sauerstoff schlechthin und macht deutlich, weshalb Robben ohne ein Quäntchen Luft in den Lungen lange und bis in grosse Tiefen tauchen können: Der Stoffwechsel bedient sich einfach des gespeicherten Sauerstoffs im Myoglobin. Tieftaucher unter den Meeressäugern verfügen über 10- bis15-mal mehr Myoglobin als ein Mensch. Eingelagerter Sauerstoff Praktischerweise häufen diejenigen Robbenmuskeln, die fürs Schwimmen zuständig sind, viel mehr Sauerstoff an als die anderen Muskeln. Während wir Land ratten in jedem Kilo unserer Muskeln etwa 8 Milliliter Sauerstoffvorräte anlegen können, bringt es eine Robbe auf 70 Milliliter. Das hängt ei - nerseits mit dem Myoglobin zusammen, von dem die Robben einfach mehr haben als wir. Anderseits muss gesagt sein, dass Robben die besseren Taucher sind, weil sie natürlich auch viel mehr Blut in ihren Adern haben als wir Menschen. Im Körper eines zierlichen, 30 Kilogramm schweren Robben - weibchens pulsieren etwa 4,5 Liter Blut – fast die gleiche Menge wie in einem 70 Kilogramm schweren Mann. Zudem ist Robben blut dickflüssiger und weist be - Von Januar 2004 bis April 2006 wurden die Wanderungen von insgesamt 85 mit Sendern markierten See- Elefanten gemessen: auf South Georgia (blau), den Kerguelen (grün), der Macquarie-Insel (türkis) und den South Shetlands (rot). Dabei wurde klar, wie riesig die Distanzen sind, die diese Tiere zurücklegen. Überraschend: Die See-Elefanten von South Georgia bevorzugen tendenziell das eher warme Wasser im Norden. Der lä ngste gemessene «Ausflug» (schwarz) dauerte 326 Tage. Grafik: PNAS 16 Polar NEWS

Seeleopard auf «Beobachtungsposten». Wenn er abtaucht, verschliesst ihm der Wasserdruck die Nasen- und Ohrenlöcher. sonders viele rote Blutkörperchen auf, die erst noch grösser sind als die unsrigen. Neuere Forschungen an Klappmützen, einer Robbenart des Nordatlantiks, haben eine weitere Taktik ans Licht gebracht, mit der sich Robben vor der Kälte schützen und sich ein sicheres Tauchen ermöglichen: Sie hören auf zu frösteln. Während Robben, wie andere Säugetiere auch, vor dem Tauchgang zittern, um sich warm zu halten, setzt dieser Reflex aus, sobald sie abgetaucht sind. So sparen sie Sauerstoff, der sonst für das Muskelzittern aufgewendet werden müsste. Gleichzeitig sinkt damit auch die Körper - temperatur der Tiere um bis zu 3 Grad ab, was auch den Sauerstoffbedarf der übrigen Gewebe reduziert. Polarnacht-Taucher Soweit die Beobachtungen während der Sommermonate. Doch was machen diese Tiere im Winter, wenn es bitter kalt ist, das Meer über hunderte, gar tausende Kilometer gefroren ist und die Polarnacht monatelange Dunkelheit beschert? Kleine Satelliten - sender, die man an den Tieren befestigt, geben uns minutiös Auskunft darüber, wie eine Robbe ihr wahres Leben lebt. Auch Tauchtiefen und -zeiten, die Lage des Körpers unter Wasser und sogar die Beschaffenheit des Wassers, Geschwindig - keiten oder zurückgelegte Strecken lassen sich dank dieser Minisender erforschen. So weiss man jetzt, dass eine Weddellrobbe bei ihrem 15-minütigen Tauchgang in der Antarktis 1840 Meter unter Wasser zurücklegte und eine Tiefe von 401 Metern erreichte (ihre Rekordwerte: 750 Meter Tiefe und 73 Minuten unter Wasser!). Oder die Seeleoparden: Sobald der energie - zehrende Haarwechsel Ende Sommer überstanden ist und der Südozean zu gefrieren beginnt, machen sich die Seeleoparden auf hinaus ins Meer. Sie bleiben jedoch den ganzen Südwinter über im offenen Wasser am Rande des Packeises, das den Konti nenten Antarktika fest umschliesst, und benutzen das Eis nur selten als Ruheplatz. Ein paar von ihnen unternehmen grössere Ausflüge bis zu den subantarktischen Inseln wie Kerguelen, Heard oder Macquarie. Von denjenigen Seeleoparden, die Süd - georgien besuchen, weiss man seit kurzem, dass sie in Wintern mit tieferen Wasser - temperaturen dort häufiger aufkreuzen. Dies wohl deshalb, weil Seeleoparden eisliebend sind – pagophil, wie Biologen sagen. Die grösste zurückgelegte Tages strecke lag bei 150 Kilometern. Während diese Robben im Herbst und Frühwinter noch eher nachts nach Nahrung tauchen, ziehen sie für ihre Streifzüge ab Mitte Winter die hellen Tageszeiten vor. Die meisten gemessenen Tauchgänge waren kürzer als 5 Minuten und reichten in Tiefen von 10 bis 50 Metern hinab, ein Mal ging es bis auf 304 Meter Tiefe. Eine eher ungewöhnliche Zusammenarbeit von deutschen und dänischen Zoologen und Astronomen brachte kürzlich an den Tag, dass der Gemeine Seehund, eine Robbenart der nordeuropäischen Küsten, die Sterne am Polarnacht-Firmament zur Orientierung erkennen kann. Nun spekulieren die Forscher darüber, ob die Astronavigation bei Robben und anderen Meeressäugern vielleicht sogar noch weiter entwickelt ist als bei Zugvögeln. Schlafen unter Wasser Weil Robben acht Monate des Jahres oder länger im offenen Meer verbringen, stellen wir uns unweigerlich die Frage: Wie schlafen die denn? Das Schlafkissen der Robben ist die See – und dort lässt sich selbst unter Wasser prima schlafen. Beim Unterwasserschlaf wachen Robben jedoch sehr häufig und regelmässig auf, um an die Wasseroberfläche aufzutauchen und ein paarmal kräftig durchzuatmen. Wissen - schaftler vermuten, dass sich Robben, die in der Tiefe schlafen, sicherer fühlen als an der Wasseroberfläche, weil dort weniger Feinde anzutreffen sind. Man hat auch erkannt, dass Ohrenrobben ein ganz anderes Schlafverhalten an den Tag (beziehungsweise an die Nacht) legen als » Polar NEWS 17

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