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PolarNEWS Magazin - 10

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Der lange Weg zur

Der lange Weg zur Jungfernfahrt Das holländische Motorschiff «Plancius» ist bereit für den Stapellauf. Wie aus einem schlichten schwimmenden Marine-Labor ein modernes Expe ditions-Schiff für Touristen wurde. Von Heiner Kubny (Text und Bild) Fünf komplett ausgerüstete wissenschaftliche Labors, Taucherausrüstungen und Zu - behör, Krane und Seilwinden und ein Anker, der tausende von Metern herab gelassen werden konnte: Das Motorschiff «Tydeman» war ein gutes Forschungsschiff. Seit 1976 cruiste es im Auftrag der König lichen Holländischen Marine als Vermessungsschiff durch die Weltmeere und brachte wissenschaftliche Daten nach Hause. Bis das Schiff 2004 von der Armee ausgemus tert und im Hafen von Den Helder fest vertäut wurde. Doch ausgedient hatte die «Tydeman» noch lange nicht. Etwa zur gleichen Zeit merkten die Chefs der holländischen Reederei Oceanwide Expe - ditions in Vlissingen, dass ihr der Nachschub an neuen Schiffen auszugehen drohte: Bisher hatte die Reederei immer russische eisverstärkte Passagierschiffe gechartert und zum Teil selber umgebaut, aber diese wurden langsam, aber sicher altersschwach. Und in Russland war keine Möglichkeit in Sicht, ein neues Schiff aufzutreiben. Eine Renovation der alten Schiffe wäre zu teuer geworden, und ein neues Schiff bauen zu lassen, hätte viel zu lange gedauert – sowas beansprucht mehrere Jahre. Ein Schnäppchen Da wurde Michel van Gessel, der Boss von Oceanwide Expeditions, auf die «Tydeman» im Hafen von Den Helder aufmerksam. Dieses Motorschiff wäre ideal für Touristen - expeditionen, wie sie Oceanwide anbietet: 90 Meter lang, 14,4 Meter breit, 4,5 Meter Tiefgang mit eisverstärktem Rumpf, 12 Knoten Geschwindigkeit. Richtig umgebaut, würde die «Tydeman» für rund hundert Passagiere angenehmen Platz bieten – man wollte schliesslich nicht als Casino- Schiff mit massenhaft Touristen ins ewige Eis fahren. Schliesslich kaufte Oceanwide 2006 der Marine die «Tydeman» für eine runde Million Euro ab. Ein Schnäppchen, sozusagen. Während Monaten wurden Ideen und Wünsche in Form von Skizzen und Plänen zu Papier gebracht. Damit alles gut koordiniert und die Schnittstellen bei den Arbeiten richtig geplant werden konnten, teilte man die Umbau-Arbeiten in drei Divisionen auf: Hans Heuvel übernahm die Verantwortung darüber, den Umbau durchzuführen nach den strengen Regeln des Lloyds Register, des International Maritime Register und des Solas (Safety Of the Life At Sea). Marc van der Hulst war verantwortlich für den Einkauf der verbauten Materialien, der Innenräume und sämtlicher Einrichtungen. Cees de Vries wurde die Koordination des Umbaues übergeben. Er war zuständig für den Einhalt der Termine, ihm wurden auch sämtliche Maschinen überantwortet. Brücke steht falsch Im Juni 2007 war es endlich soweit: Die Handwerker übernahmen das Zepter. Zuerst demontierten sie das komplette Innenleben des Schiffes. Böden und Wände wurden rausgeschnitten, um Platz zu schaffen für die Ansprüche der zukünftigen Reise- Passagiere. Komfort oder gar eine Pano - ramalounge mit grossen Fenstern war auf dem ehemaligen Arbeitsschiff nicht gefragt. Die Touristen, die das Schiff dereinst befördern sollte, legen aber Wert auf grossartige Aussicht, einen Hörsaal, einen angenehmen Speisesaal, Gangways zur Ausbootung – und ein gewisses Mass an Komfort. Drei Decks wurden deshalb verlängert und ein zusätzliches aufgebaut. Durch die Um - bauarbeiten und die Umkonzeptionie r ung von einem Arbeitsschiff der Marine zu einem Expeditionsschiff für Touristen war nun die Brücke, das Herzstück eines jeden Schiffes, am falschen Platz. Also mussten die Schweisser die Brücke rausschneiden und ein Deck höher und weiter vorne wieder einbauen. Um die Passagiere schneller ausbooten zu können, wurden gleich zwei Gangways eingebaut. So entsteht kein Personenstau, wenn alle Passagiere gleichzeitig an Land gehen möchten. Damit ist das Schiff optimal für Reisen ins ewige Eis ausgerüstet. Denn für die Antarktis bestehen Be stimm - ungen, nach denen höchstens 100 Passa - gieren gleichzeitig an Land sein dürfen: Das entspricht auf dem Schiff also genau der vorgesehenen Anzahl Passagiere, die nun zügig und komfortabel an Land werden gehen können. Um den neusten Sicherheitsbestimmungen gerecht zu werden und um die Solas-2010- Zertifizierung zu erhalten, mussten die Böden und Wände verstärkt werden und gegen eventuelle Feuersbrunst an Bord resis - tent sein. Eine moderne Sprinkleranlage 28 Polar NEWS

Im Trockendok des Hafens von Den Helder in Holland wurde die «Tydeman» zur «Plancius» umgebaut. Die Arbeiten der Handwerker dauerten 28 Monate. sowie der Einbau von nichtbrennbaren oder schwer entflammbaren Materialien waren also ein Muss. Dazu gehören auch ein zentrales Treppenhaus sowie Brandschutz - schleusen. So wurden 100’000 Kilo neuer Stahl verbaut, allerdings nicht ohne Folgen: Da nun der Schwerpunkt nicht mehr stimmte, wurden zusätzlich 200’000 Kilogramm Ballast in Form von Beton und Wasser im Rumpf untergebracht. Das Gesamtgewicht des Schiffes liegt nun bei 3377 Tonnen. Insgesamt wurden über 90 Kilometer neue Kabel verlegt. Ständig waren 100 Hand - werker an der Arbeit. Den letzten Glanz Polar NEWS brachten die insgesamt 10’000 Liter neue Farbe. Alles in allem kostete der Umbau rund 20 Millionen Euro. Und weil in den fast zwei Jahren Umbau zeit aus der «Tydeman» ein fast komplett neues Schiff geworden ist, erhielt dieses auch einen neuen Namen: M/V «Plancius», benannt nach dem holländischen Theo logen, Karto - grafen und Astronomen Petrus Plancius, der von 1552 bis 1622 lebte und unter anderem einige neue Sternenbilder einführte. Petrus Plancius war überzeugt, dass es einen Seeweg über den Norden nach Asien geben musste. Seine Aus führungen inspirierten viele Abenteurer seiner Zeit – der Entdecker Willem Barents machte sich Ende der 1590er-Jahre sogar nach Plancius’ Plänen auf die Suche nach der Nordostpassage. Ge - funden hat er sie nicht: Barents starb in Novaja Semlja an Erschöpfung. Das M/V vor dem Schiffsnamen steht übrigens für Motorvessel, Motorschiff. Modern und umweltfreundlich Die «Plancius» kann sich heute sehen lassen: Bestückt mit drei Dieselmotoren mit je 1230 PS Leistung und auf dem neusten Stand des Expeditions-Tourismus. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf das Wohlbefinden der zukünftigen Gäste ge - » 29

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