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PolarNEWS Magazin - 10

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Ein junger Krill beim

Ein junger Krill beim «Grasen». In 20 Minuten frisst er die Algen auf der Fläche eines A4-Blattes vom Eis. Bild: Hauke Flores schollen sammelt. Auf der rauen, gezackten, unebenen Unterseite des Meereises beginnen Mikroalgen zu wachsen, die grosse Flächen bedecken. Während oben an der wahrlich frischen Luft alles stocksteif gefroren ist und höchstens ein paar Kaiser - pinguine zwischen Brutkolonie und Wasser - kante übers Eis watscheln, müssen sich die Krillschwärme unter dem Eisdeckel wie im Schlemmerparadies vorkommen: Sie weiden die Algenflächen ab. Ein einziges Krillkrebschen, dem der Magen knurrt, knabbert eine Eisfläche von der Grösse eines Briefpapiers in gut zwanzig Minuten sauber. Ist Gefahr im Anzug, versteckt sich der Krill in den Rissen und Spalten des Eises. Gefahr durch Erwärmung Es ist den Forschern noch nicht ganz klar, wie Krill den antarktischen Winter übersteht, zumal er offensichtlich keine Energie in Form von Fett speichern kann und auch die Algenrasen unterm Eis nicht überall und immer gleich ausgebildet sind. Bekannt ist, dass der Stoffwechsel auf ein nötiges Minimum herabgefahren wird. Im Labor hat man zudem herausgefunden, dass der Antarktische Krill bis zu 200 Tage ohne Nahrung überstehen kann. Das schafft er aber bloss, weil das Tierchen schrumpft und den eigenen Körper aufzuzehren beginnt; das alles, um den Stoffwechsel in Gang zu halten. Ohne Eis kein Krill im Südozean! Und das hätte verheerende Folgen für die Nahrungs - kette, in welcher derart viele Tiergruppen eingebunden sind. Besorgte Stimmen weisen darauf hin, dass es just die Antarktische Halbinsel ist, die sich im Zuge der globalen Klimaveränderung noch stärker erwärmt als der ganze Rest des Weissen Kontinentes. Die Zeichen dafür sind deutlich: In den letzten fünfzig Jahren stieg die Lufttemperatur in der Region der Halbinsel um 2,5 Grad – eine Rekordzunahme im weltweiten Ver - gleich! Die Anzahl der frostfreien Tage (mit Temperaturen über 0 Grad) hat um drei Viertel zugenommen, die Strahlung von B-ultraviolettem Licht hat sich verstärkt, das Wasser wird wärmer, und im gleichen Zeit raum sind fast 90 Prozent aller Gletscher auf der Halbinsel zurückgewichen. Dem Schelfeis geht es laut dem British Antarctic Survey nicht besser: Sieben dieser bis zu einem Kilometer dicken Eisplatten sind allein an der Antarktischen Halbinsel durch die Wärme beeinflusst und zerfallen, zum Beispiel das Larsen- und das Wilkins- Schelfeis. Vorausberechnungen lassen er - warten, dass die Fläche des Meereises weiter hin um rund 250’000 Quadrat kilo - meter pro Jahrzehnt abnehmen wird. Am Krill ist diese Entwicklung nicht spurlos vorübergegangen. Allerdings ist nicht gesichert, ob die Abnahme der Krillbe - stände um 80 Prozent seit Mitte der sieb - ziger-Jahre im südwestlichen Atlantik, wo über die Hälfte des antarktischen Krills vorkommt, einzig auf die klimatische Er - wärmung zurückzuführen ist. Wie auch immer: Tierarten, welche sich von Krill ernähren, reagieren bereits auf das magere Nahrungsangebot – ihre Bestände werden kleiner. Krilljagd mit Fangschiffen Ausgerechnet an diesem Punkt taucht nun die Fangflotte der KrillIndustrie am sich verdunkelnden Horizont auf. Zu einer Zeit, in der sich das Klima ändert, das Eis schmilzt, die Forscher noch über wichtigen Zusammenhängen aus dem Leben des Krills herumrätseln und die Krillpopulationen 14 Polar NEWS

Vielfältige Krill-Produkte Krill-Produkte werden für Menschen immer wichtiger: unter anderem als Fischfutter (links) oder als reichhaltiges Öl zur Nahrungsergänzung (rechts). abgenommen haben, bekommen die Menschen Lust auf Krill. Angefangen hat das Interesse an Krill - fischerei bereits Anfang der sechziger Jahre, als die Wissenschaft verlockende Zahlen publik machte: Weil die vielen hunderttausend Robben und Wale, die man seit der Entdeckung der Antarktis und bis in die 1960er-Jahre dort abgeschlachtet hatte, nun keinen Krill mehr wegfressen, soll es einen Überschuss von 150 Millionen Tonnen Krill geben. Die Annahme, dass diese Menge – weil von niemandem mehr konsumiert – einfach irgendwie verrottet, war zwar allzu simpel. Doch allein das Rechenbeispiel genügte, um den Fangnationen ein schier unerschöpfliches Potential vorzugaukeln. Kam hinzu, dass Ende der siebziger Jahre die 200-Meilen-Zone als Hoheitsgebiet der jeweiligen Küstenländer eingeführt wurde. Die internationalen Gewässer der Antarktis mit ihrem Krillreichtum lockten deshalb geradezu als lohnende Alternative. Nach einer Anfangsphase setzte 1973 die kommerzielle Nutzung des Antarktischen Krills ein, expandierte rasch, erreichte 1982 mit 530’000 Tonnen ihren ersten Höhepunkt und bildet seither, trotz augenblicklich geringeren Fangmengen, den grössten Anteil der Fischerei im Südozean. Die aktuelle Fangsaison dauert noch bis 30. November 2009. Insgesamt neun Schiffe aus den sechs Nationen Chile, Japan, Südkorea, Norwegen, Polen und Russland haben für die jetzige Saison eine Krillfanglizenz beantragt und eine Fangmenge von total 589’000 Tonnen vorausgesagt. Allerdings werden derzeit mit jährlich 100’000 bis 160’000 Tonnen nur geringe Mengen dieser Quoten tatsächlich ausgeschöpft. Die mögliche jährliche Höchst fangmenge allein im südatlantischen Sektor des Südozeans wurde bei 4 Millionen Tonnen festgelegt. Krillbestände werden immer zielstrebiger befischt. Wieviel Nahrung die Menschen damit den Tieren wegnehmen, weiss niemand. Es hat sich unterdessen gezeigt, dass Krill viel Protein und Fette enthält. Vor allem ist er sehr reich an mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren, die wichtig sind für Stoffwechsel, Herz- und Kreislauf funk - tionen, Knochen, Gelenke und Gehirn. Obwohl man diese essentiellen Fettsäuren auch in Algenölen und in Obst findet, kurbelt die Krillindustrie die Vermarktung von Krillöl zur Förderung der menschlichen Gesundheit kräftig an. So ist zum Beispiel die Zahl der Krill öl - patente für pharmazeutische Produkte und Nahrungsergänzungsmittel in den letzten Jahren stark angestiegen. Im Moment ist allerdings gefrorenes Krillschwanzfleisch das wichtigste Produkt für den menschlichen Verzehr. Auch für pharmazeutische und industrielle Anwendungen wird Krill verarbeitet. Aus seinen Schalen stellt man Chitin und Chitosan her für Schaumstoffe, medizinische Produkte, Fasern, Folien, Zahnpasta, Papier herstellung und vieles anderes. En - zyme des Krills helfen Restauratoren, Kunstwerke wiederherzustellen. Allerdings wartet ein noch viel grösserer Markt gierig auf die Krillprodukte: Fisch - farmen, von denen es weltweit immer mehr gibt, brauchen Futter. Der Einsatz von Krill als Futter in den sogenannten Aquakulturen scheint Investitionen in die Krillfischerei anzuregen, weil es insbesondere den Lachs - farmen an genügend Nahrung für die Fische fehlt. Somit betreten wir unweigerlich einen Bereich, der die horrende Verschwendung von Ressourcen beim heutigen Fisch konsum offenbart: Bereits stammt jeder zweite Fisch, der auf einem Teller landet, aus einer Fischzucht. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Fischfarmindustrie bis im Jahr 2010 gegen 90 Prozent der Welter zeugung an Fischöl und 56 Prozent des Fischmehls als Futtermittel verbrauchen wird. Laut der Welternährungsorganisation FAO werden im Jahr 2010 allein die Lachse und Forellen in den Fischfarmen dieser Welt 620’000 Tonnen Fischöl verzehren. Krillfang nimmt zu Die weltweit benötigte Futtermenge nimmt zu, der Wirkungsgrad aber bleibt schlecht: Es braucht 20 Kilogramm Fischfutter, um 1 Kilogramm Fisch zu produzieren... Da kommt die Alternative Krill in Zeiten eines schrumpfenden Angebotes gerade recht, denn die Fischereiindustrie kämpft mit stagnierenden Fangmengen. Krill gilt wegen seiner Fülle an Proteinen und Aminosäuren als hochwertiges, attraktives Energiefutter. Seine Pigmente verleihen dem Zuchtlachs eine » Polar NEWS 15

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