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PolarNEWS Magazin - 1

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Interview Diese Expedition hat mein Leben um 180 Grad gewendet Im Juli 2004 lernte ich auf dem russischen Eisbrecher «Kapitan Dranitsyn» den Extrem-Abenteurer und Polarforscher Victor Boyarsky kennen. Wir waren beide unterwegs zum Franz-Josef-Land. So hatte ich genügend Zeit, Victor viele Fragen zu stellen. Victor, wo bist du aufgewachsen und wie war dein beruflicher Werdegang? Victor Boyarsky: Es mag sich merkwürdig anhören, aber ich bin im Süden von Russland aufgewachsen, in der Region am Schwarzen Meer. Geboren wurde ich in St. Petersburg, mein Vater war Seemann, und darum ist die ganze Familie zum Schwarzen Meer gefahren, wo ich 10 Jahre zur Schule ging. Ich wollte immer ein Seemann werden wie mein Vater oder auch ein Polarforscher. Aus diesem Grund bin ich wieder nach St. Petersburg zurückgegangen, denn ich wollte an die Maritime Schule. Zuerst änderte ich aber meine Pläne und studierte Elektronik, anschliessend konnte ich als junger Wissen - schaftler das erste Mal in die Antarktis. Seit 1973 habe ich an fünf Antarktisexpeditionen und an mehr als sechs Expeditionen in die Arktis teilgenommen. Ich habe als Wissen - schaftler auch auf Treibeisstationen in der Arktis gearbeitet. Wann warst du das erste Mal am Nordpol? 1978 habe ich als Wissenschaftler auf einer der Driftstationen im Nordpolarmeer gearbeitet, es war die Treibeisstation Nr. 23, die auf einer Packeisscholle etwa 100 Kilometer vom Nordpol entfernt ausgesetzt wurde. Während der wissenschaftlichen Arbeit, die wir unter anderem auch von Flugzeugen aus leisteten, haben wir be schlossen, am Pol eine Landung durchzuführen. Das ist uns im April 1978 gelungen. Seitdem hatte ich das Glück, mehr als dreissig Mal zum Pol zu gelangen. Du warst auch mehrere Jahre auf russischen Forschungsstationen in der Antarktis tätig. Wie bist du an diesen doch recht seltenen Job gekommen? Es war schon immer mein Traum, Polar - forscher zu werden, die Kombination von Wissenschaft und Abenteuer hat mich immer angezogen. Sieben bis acht Monate pro Jahr war ich auf Reisen, manchmal in der Arktis, mehrheitlich jedoch in der Antarktis. Meine Aufgabe bestand darin, mittels Radar die Dicken von Eis- und Schneedecken zu messen und Karten herzustellen, die zeigen, wie es unter dem Eis aussieht. In den Jahren 1985 und 1986 arbeitete ich sogar zwei Sommer - saisons lang auf der Station Vostok. Vostok ist die Forschungsstation im Innern der Antarktis, 1500 km von der Ostküste und der Station Mirny entfernt. Dort wurde am 21. Juli 1983 der Kälterekord mit minus 89,6 Grad gemessen. Warst du zu diesem Zeitpunkt da? Leider nicht. Wissenschaftliche Arbeit wird in der Antarktis teilweise das ganze Jahr hindurch ausgeführt, also auch im Winter, aber der grösste Teil der Arbeit konzentriert sich auf die antarktischen Sommermonate, haupt - sächlich auf Dezember und Januar. Meine Oben: Unterwegs vom Eiscamp «Borneo» zum Nordpol. Für die Distanz von 120 Kilometern werden fünf bis sechs Tage benötigt. Unten: Treue Begleiter während der Transantarctica- Expedition waren unsere Schlittenhunde. 14 Polar NEWS

Aufgabe in diesem Zeitraum war die Teil - name an einem internationalen Projekt zur Entdeckung von Mionen und Neutronen im Eis der Antarktis. In dieser Zeit fallen die Temperaturen in Vostok nicht unter minus 50 Grad. Die ganz tiefen Wintertempe raturen von minus 80 Grad und darunter habe ich nicht erlebt. Du wurdest 1990 berühmt, weil du die Antarktis durchquert hast. Was war die Motivation zu dieser ungewöhnlichen Expe - dition? Und wie lange hast du dich darauf vorbereitet? Ich würde nicht sagen, dass ich durch die Transantarktis-Expedition sehr berühmt wurde, auf jeden Fall nicht in Russland. Damals war die Phase der Perestroika, als die Menschen und Journalisten alles andere im Kopf hatten als eine Expedition durch die Antarktis. Wir haben uns drei Jahre lang intensiv auf diese Expedition vorbereitet, zuerst in Minnesota trainiert und mit dem Team Grönland von Süden nach Norden durchquert, um zu testen, ob und wie wir miteinander klar kommen. Diese Expedition hat mein Leben um 180 Grad gewendet. Sie markiert in meinem Leben den Wende punkt weg von der Forschung hin zum professionellen Abenteurertum. Es war eine grosse Chance, mit einem internationalen Team die Antarktis so intensiv zu erleben. Keine Flugzeuge, keine Motoren, keine Drogen, nichts als Eis und Natur mit Freunden und Hunden. Wie lange dauerte diese bis heute nie mehr wiederholte Expedition und was waren die Risiken? Die Tansantarktis-Expedition war wahrscheinlich die längste Polarexpedition der jüngeren Zeit. Sie hat vom Start bis zum Ziel 221 Tage gedauert. Wir haben die Antarktis von Westen nach Osten durchquert und dabei Auf der 221 Tage dauernden Expedition wurden 6'500 Kilometer zurückgelegt. Äusserst wichtig war dabei die Ernährung von Mensch und Tier. insgesamt 6500 Kilometer zurückgelegt. Grundsätzlich war jeden Tag, jede Stunde mit unerwarteten Risiken zu rechnen. Es war aber nicht das harsche Klima, die Kälte oder die Dauer der Expedition, die uns am meisten Sorgen bereiteten. Es war schlicht die Angst davor, dass sich einer zum Beispiel ein Bein bricht und wir deshalb die Expedition abbrechen müssen. Am meisten Angst hatten wir aber vor der Schwierigkeit, einen Verletzten oder Kranken zu evakuieren, ihn über hunderte von Kilometern Eiswüste zurückzuschleppen in die Zivilisation. Sind weitere so spektakuläre Expeditionen geplant? Bis heute habe ich die Antarktis, Grönland und das arktische Packeis auf Skiern überquert. Eigentlich habe ich das Gefühl, dass es nicht mehr allzu viele Gegenden gibt, die ich auf diese Weise durchqueren könnte. Ich arbeite auf Eisbrechern, um zum Nordpol zu gelangen, und unternehme regelmässig Ski - fahrten zum Nordpol. Manche dieser Expedi - tionen haben zum Ziel, die Finan zierung des Antarktis- und Arktis-Institutes beziehungsweise des Museums in St. Petersburg sicherzustellen. Du bist bereit, verrückte Dinge zu machen. Würde Dich eine Fahrt zum Mond oder zum Mars reizen? Während der Transantarktis-Expedition führte das europäische Raumfahrtzentrum im Rahmen der Vorbereitungen eines möglichen Fluges zum Mars psychologische Unter - suchungen und Tests durch. Ein australischer Professor hat uns damals gefragt, ob wir an Polar NEWS 15

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