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Von Heiner Kubny (Text

Von Heiner Kubny (Text und Bilder) Seemannsgarn von gestern: Im Meer, da schwimmen Seejungfrauen, liebäugeln aus dem Wasser und bezirzen die Matrosen mit schönem Gesang. Heute weiss man: Das waren Walrosse. Riesige runde Gesellen mit knuddeliger Schnauze und grossen Augen. Auch die lockenden Gesänge waren Wunschvorstellungen der Seefahrer, denn «singen» tun Walrosse nur unter Wasser: Sie machen Klopflaute, Klapper- und Pfeifge - räusche, die sie ähnlich einem Vogel ge - zwitscher zu verschiedenen Sequenzen zu - sammenfügen und diese ständig wiederholen. Männchen markieren so ihr Revier und locken damit Weibchen an. An Land hingegen klingen ihre Lautäusserungen mehr nach launischem Gegrunze. Und wären die Seemänner tatsächlich den vermeintlichen Seejungfrauen über die Reling entgegengesprungen, hätte die Begegnung für sie wohl schlimm geendet – obwohl die Tiere den heutigen Touristen gegenüber in der Regel freundlich gestimmt sind. Walrosse beiderlei Geschlechts besitzen kräftige Stosszähne, sie können diese auch als tödliche Waffe einsetzen. Eisbären wissen das. Eine Robbenart Das Walross, Mehrzahl Walrosse oder Wal - rösser, der Ordnung der Raubtiere zugehörend, aufgeteilt in die Unterarten Atlant i - Dank einer riesigen Fettschicht und einer 4 Zentimeter dicken Lederhaut sind Walrosse bestens gegen Kälte gefeit. sches (Odobenus rosmarus rosmarus) und Pazi fisches Walross (Odobenus rosmarus divergens), wahrscheinlich mit den Ohren - robben verwandt (es läuft auf allen vier Flossen): Heimisch auf dem Treib- und Packeis rund um die Arktis, Anfang des 19. Jahrhunderts wegen seiner elfenbeinernen Stosszähne und als Ersatz für den unrentabel gewordenen Walfang bis an den Rand der Ausrottung bejagt, inzwischen aber wieder in grossen Beständen gesichert. Vorläufig wenigstens, denn im Frühling dieses Jahres haben Forscher des US Geo - logical Survey die amerikanische Re gierung aufgefordert, das Walross in die Liste der bedrohten Tierarten aufzunehmen. Wegen dem Klimawandel. Etwas mehr als 1,5 Tonnen werden die gröss - ten Bullen schwer, rund 800 Kilo die Kuh, ein Frischgeborenes bringt 45 Kilo auf die Waage. Letzteres nach einer Tragzeit von 12 Monaten und vor einer Säugezeit von bis zu eineinhalb Jahren. Solange das Kleine noch nicht selber schwimmen kann, drückt die Mutter das Baby im Wasser mit der Vorderflosse an sich und hält es fest. Sollte die Mutter sterben, wird das Junge von einem anderen Weibchen adoptiert. Bis zu Streitereien sind die Ausnahme: Die Kolosse mögens gern gesellig mit ganz viel Körperkontakt. 60 Polar NEWS

fünf Weibchen hält sich übrigens ein Walrossbulle in seinem Harem, der im Notfall in blutigen Zweikämpfen verteidigt wird. Viel Futter Am liebsten fressen Walrosse Muscheln. Für die taucht es bis zu 80 Meter tief (es wurden schon Tauchtiefen von 180 Metern beobachtet), und dort herrscht ziemliche Dunkelheit. Aber das macht nichts: Mit seinen feinen Tasthaaren an der Schnauze spürt das Tier die Muscheln auf, schürzt seine massigen Lippen und spritzt einen feinen Wasserstrahl in den Sand, um die Muschel freizulegen. Oder es wedelt mit der Vorderflosse den Schlamm weg – meistens mit der rechten, weshalb diese Flosse grösser und länger ist als die linke. Wahrscheinlich, so vermuten Biologen, bringt der aufgewirbelte Schlamm viele Nährstoffe in Bewegung, was vielen anderen Tieren zugutekommt. Muscheln alleine genügen aber nicht. Im Grunde ist das Walross ein Allesfresser: Schnecken, Krebse, Würmer, Seegurken, Tintenfische und langsame Fische werden kurzum verspiesen. Schliesslich fasst ein Walrossmagen mehr als 50 Kilogramm Nahrung. An Land tun sie sich auch an frischem Aas gütlich. Vor allem ältere Männchen gehen hin und wieder auf Robbenjagd oder erlegen, allerdings nur selten, auch mal einen Vogel. Noch seltener wurde Kannibalismus beobachtet: Hält ein altes Tier den Hunger nicht mehr aus, kann es vorkommen, dass es einfach einen jüngeren Artgenossen verspeist. Graben oder laufen? Nicht ganz einig sind sich die Biologen über den Einsatz der mächtigen Hauer im Alltag. Die einen sagen, dass die Stosszähne nicht zum Ausgraben der Kleintiere im Meeresgrund eingesetzt werden. Andere sind der Ansicht: Doch, sehr wohl. Zum Beispiel zum Abschaben von Muscheln, die auf Steinen festgemacht sind. Dabei verkeilt sich manchmal ein Stosszahn in einer Felsspalte. Das würde erklären, warum man immer wieder Walrosse mit einem abgebrochenen Stosszahn sieht. In Zoos wurde schon mehrfach beobachtet, wie Walrosse gezielt mit den Stosszähnen am Boden ihres Wasser beckens scharren. Klar ist: Stosszähne sind ein Ausdruck des sozialen Rangs innerhalb einer Herde. Und sie sind eine effiziente Waffe. Ein unvorsichtiger Eisbär wird damit mühelos durchbohrt. Und sie werden als Fortbewegungsmittel eingesetzt: Sie ziehen sich damit auf eine Eisscholle hoch. Oder stützen sich darauf ab, Polar NEWS um ein Nickerchen zu halten. Daher rührt auch der wissenschaftliche Name des Walrosses, Odobenus. Das ist Griechisch und heisst Zahn-Läufer. Die Stosszähne der Männchen sind länger und eher eckig, während diejenigen der Weibchen eher rund sind, dafür stärker gekrümmt. Sie werden in der Regel einen halben Meter lang, in Ausnahmefällen bis zu einem Meter. Weil sie die Stosszähne abnützen und im Alter spröde werden, kann es vorkommen, dass ein Zahn abbricht. Das wäre eine andere Erklärung, warum man hin und wieder Tiere mit nur eineinhalb Stosszähnen sieht. K(l)eine Feinde Feinde haben die Walrösser eigentlich keine: Zwar versuchen Eisbären manchmal, Jungtiere bleiben bis zu fünf Jahre bei ihrer Mutter. Die bis zu 450 Tasthaare des Borstenbarts sind sehr sensibel: Mit ihnen spürt das Walross Muscheln im Sand auf. eine Herde zu verscheuchen, um sich auf ein zurückgebliebenes Tier zu stürzen, ein ganz altes oder ganz junges. Aber das ist, wie wir oben gesehen haben, ein gefährliches Unterfangen. Forscher haben schon beobachtet, dass Walrosse von Killerwalen attackiert wurden. Dann siehts schlecht aus für unsere Freunde, auch wenn sie eine sprichwört - lich dicke Haut haben, durch die sich auch ein Killerwal erstmal durchbeissen muss: 4 Zenti meter dick ist das Leder, dann erst kommt die Fettschicht. Winzige Parasiten wie Blutsaugende Läuse, Faden- und Kratzwürmer, Viren und Bakterien setzen den Walrössern viel mehr zu als die grossen Eisbären und Orcas. Der gefährlichste Feind bleibt jedoch der Mensch. Auch wenn die Walrossjagd und der Elfenbeinhandel weltweit aufs Strengste reglementiert sind. Trauer um Antje Das berühmteste Walross hiess übrigens Antje: Es lebte im Hamburger Tierpark Hagenbeck und verstarb 2003 friedlich im Alter von 27 Jahren. Viele Jahre lang war Antje ein Pausenfüller im Fernsehsender NDR: www.youtube.com/watch?v=95YPak 9Otvo&feature=related. Und um nochmal auf die Gesänge der Meerjungfrauen zurückzukommen: Den berühmtesten Walross-Song haben die Beatles gesungen: «I Am The Walrus», 1967. Dummerweise kommt darin kein einziges Walross vor. Worum es darin geht, wissen nicht mal die Beatles genau. PolarNEWS 61

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