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400 Meter über dem Eis

400 Meter über dem Eis wirft die Iljuschin Treibstoff und Material für das Camp ab. Die Paletten gleiten auf Fallschirmen zu Boden. 29. März: Inzwischen haben Werner und ich so ziemlich alles gesehen und gefilmt, was es in Murmansk zu sehen und zu filmen gibt. Mit den Helis, so werden wir informiert, gibts neue Probleme. Diesmal sind es irgendwelche fehlenden Bewilligungen. Rosamaria und Simon erledigen derweil in Longyearbyen ihren Job. Sie schwärmen, wie aufregend alles sei bei ihnen, während Werner und ich uns fast zu Tode langweilen. 30. März: Alexey Zhdanov, unser Übersetzer, ruft mich am Morgen um 9 Uhr an. Er möchte mit der Fallschirmspringer-Crew um 14.30 Uhr vorbeikommen, um uns bezüglich des Ab sprungs zu instruieren. So gegen 17 Uhr trudeln die Männer ein. Erstmals erfahren Werner und ich, wie der Ablauf stattfinden soll. Mir wird ganz bange. Zum Nachtessen vertrage ich heute nur etwas Leichtes. Auch Werner ist nervös: Er hat sich heute abend eine Mütze gekauft, damit sein werter Kopf am Fallschirm nicht einfriert. Werner und ich gehen den Ablauf noch einmal ganz genau durch: Sobald die beiden Heli - piloten alle Formalitäten am Zoll von Srednyi erledigt haben, fliegen sie mit ihren Mi-8 los, die mit je zwei Zusatz-Kerosintanks ausgestattet sind. Damit fliegen sie so weit ins Eis hinein, wie der Sprit reicht: Der Punkt, wo sie landen, wird Zhalouzy I genannt. Dessen Position funken die Piloten nach Mur - mansk: Hier startet nun die Iljuschin mit Treib - stoff, Material und Fallschirmspringern – und mir. Ohne zu landen, werden wir über ZhalouzyI Treibstoff für die Helipiloten ab werfen und gleich weiterfliegen Richtung Norden. Irgendwo werden dann die sechs Fallschirmspringer, noch mehr Treibstoff und zwei Mannschaftszelte abgeworfen: Das ist ZhalouzyII. Während die Fallschirmspringer Zhalouzy II aufbauen, tanken die Helis auf und fliegen ebenfalls zu Zhalouzy II. Die Aufgabe der Helipiloten ist es nun, um den 89. Längengrad herum eine Eisfläche zu suchen, die gross und stabil genug ist, um darauf das Camp Barneo aufzubauen. Das kann unter Umständen mehrere Tage dauern. Haben sie einen geeigneten Ort gefunden, funken sie dessen Koordinaten nach Mur - mansk, wo die Iljuschin zum zweiten Mal startet: Diesmal wirft sie über dem definierten Barneo-Punkt weitere sechs Fallschirm - springer, Treibstoff, Zelte und Baumaterial, zwei Baumaschinen und Werner ab. Geschafft! Nach dem Absprung aus 3500 Metern bei minus 56 Grad landen Heiner (links) und sein Tandempilot Sacha sicher auf dem Eis. Die Männer von der Zwischenstation Zhalouzy II «zügeln» derweil zum Punkt Barneo, wo sie mit dem Aufbauen des Camps beginnen. Mit ihrem dritten Flug transportiert die Iljuschin weiteres Material von Murmansk zum Camp Barneo. Morgen solls losgehen. Gute Nacht, Werner. Gute Nacht, Heiner. 31. März: Die Nacht ist kurz, aber geschlafen habe ich vor lauter Aufregung sowieso kaum: 3 Uhr Tagwache. 3.45 Uhr Taxi. 4.30 Uhr Flughafen. Wieder drängeln ein paar Jour - nalisten herum, rund um den Flieger herrscht das rege Treiben der letzten Vorbe reitungen. Noch einmal Materialcheck. Zollkontrolle, 6 Uhr Start. Werner und ich suchen gute Punkte an den Paletten, wo wir unsere Minikameras anbringen können. Der «Maître de Cabine» kocht eine Kohlsuppe mit Huhn. Dann machen sich die Fallschirmspringer langsam bereit. Nach drei Stunden Flug sehen wir die beiden Helis in der endlosen Weite der Eiswüste stehen: Wir haben Zhalouzy I erreicht. Zweimal überfliegt unser Riesenvogel auf nur 400 Metern Höhe die beiden Helis, damit sich die Piloten ein Bild von der Gegend machen können. Am Boden haben die Helipiloten rote Signalfeuer gezündet. Der Qualm zeigt den Iljuschin-Piloten die Windrichtung an. Beim dritten Überflug werden die Ladeluken geöffnet, die Piloten drücken aufs Gaspedal, der Flieger neigt sich im Steigflug, und fünf Treibstoff-Paletten rollen von alleine hinten raus ins Freie. Punkt Eins unserer Mission ist erfüllt. 52 Polar NEWS

Wir steigen auf 4000 Meter und fliegen weiter nordwärts. Nach 20 Minuten beschliessen die Piloten: Hier soll Zhalouzy II sein. Wieder überfliegen sie die Gegend auf 400 Metern Höhe. Weil diesmal keine Helipiloten drunten stehen, die ein Leuchtfeuer zünden können, wirft unser «Maître de Cabine» im Flug riesige Rauchpetarden aus der geöffneten Tür des Fliegers: Nun wissen die Piloten, woher der Wind weht. Es folgt dasselbe Prozedere nochmal: Ladeluke öffnen, Vollgas geben, Paletten rollen ins Leere und hängen bald an Fallschirmen. Wir brauchen zwei Tiefflüge, bis alle 21 Paletten aus dem Flieger sind. Die Iljuschin steigt auf 3500 Meter. Das ist hoch genug, damit die Fallschirmspringer punktgenau die Abwurfstelle ansteuern können: Jetzt sind wir dran. Herrje, was bin ich aufgeregt! Das Adrenalin sprudelt mir förmlich aus den Ohren. Mein letzter grosser Sprung war vom 5-Meter-Brett in der Badi. Und auch das war vor vielen vielen Jahren. Jetzt aber steht mir ein Tandem-Absprung aus 3500 Metern Höhe bei Minus 56 Grad bei einer Geschwindigkeit von 330 Stunden kilo - metern bevor (normalerweise jucken Fall - schirmspringer bei weniger als der Hälfte dieser Geschwindigkeit aus dem Flieger – und bei wesentlich wärmeren Temperaturen). Alexey Budnitskiy, der Fallschirmspringer- Kommandant, hat uns bei der Instruktion erzählt, das sei, als würde man im Sprint in eine Betonwand rennen... Wir befestigen Handschuhe und Mützen mit drei Lagen Klebeband, die Stiefel binden wir am Gurt an, weil uns die sonst augenblicklich abgerissen würden. Noch einmal kurz so tun, als würde man lächeln, und dann hü! Das mit der Wand stimmt. Und saukalt ist es auch. Aber vor lauter Aufregung kriege ich davon nichts mit. Nach 1500 Metern freiem Fall öffnet sich der Fallschirm, vier Minuten später legt mein Fallschirmpilot Sacha eine Landung hin wie auf ein Federkissen. Oh ja: die Landschaft ist wunderbar, schön, atemberaubend, grossartig, die Mitternachts - sonne hängt noch tief und verströmt warmes Licht! Wir allein im weiten Eis mit 21 Paletten Kerosin und Zelten. Aber dafür werde ich erst später Zeit und Aufmerk - samkeit haben. Jetzt heisst es erstmal alle Paletten zusammensuchen, Zelte aufstellen, und zwar zackig, wir sind hier in der hohen Arktis, da kann trödeln tödlich sein. Vieles habe ich in der russischen Arktis schon gelernt. Neu dazu kommt: Dass sich Wodka bei einer Temperatur von minus 40 Grad auch als Brotaufstrich verwenden lässt. Und dass russische Fallschirmspringer ihre Zelte gerne auf 40 Grad plus heizen. Derart überhitzt, latschen sie in Trainerhosen und T-Shirt ins Toiletten-Iglu nebenan. » Polar NEWS Als erstes wird im Zwischenlager Zhalouzy II für die Mannschaft das Zelt aufgestellt und ein Materiallager eingerichtet. Im Zelt wirds dank einem leistungsfähigen Ölofen schnell sehr warm. Da kommt sogar Sacha ins Schwitzen. Die Paletten werden eingesammelt, ein Zwischenlager wird eingerichtet. Inzwischen sind auch die Helis nach Zhalouzy II gelangt. 53

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