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PolarNEWS-14

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Von Heiner Kubny (Text

Von Heiner Kubny (Text und Bilder) Eines muss man den Russen lassen: Sie schrecken vor nichts zurück. Auch nicht vor der verrückten Idee, mitten in der hohen Arktis ein Camp für Touristen, Forscher und Abenteurer einzurichten und diese mit dem Helikopter auch gleich zum Nordpol zu fliegen. Und das nur für jeweils sechs Wochen im Frühjahr, wenn das Wetter warm genug ist, dass einem nicht in Minutenschnelle die Finger abfrieren, und das Eis noch dick genug, dass eine rund 36 Tonnen schwere Antonov An-74 darauf landen kann. Camp Barneo heisst das Lager, das dieses Jahr bereits zum zehnten Mal auf dem 89. Längengrad aufgestellt wurde. Das runde Jubiläum war den Veranstaltern Grund genug, über die aufwändige Logistik einen Dokumentarfilm zu drehen beziehungsweise drehen zu lassen. Den Auftrag dafür erhielt jedoch keine russische Fernsehstation, sondern – das PolarNEWS-Filmteam aus der Schweiz. Was für eine Freude, was für eine grosse Ehre. Unsere Freude erhielt dann aber einen ziemlichen Dämpfer, als wir die ganze Ent - stehungsweise von Camp Barneo näher unter die Lupe nahmen: Da wird mächtig viel geflogen! Zwei Mi-8-Helikopter fliegen von Surgut durch halb Russland in mehreren Etappen bis zum Platz, wo das Camp aufgestellt wird – eine Iljuschin Il-76 TD transportiert Material erst von Moskau nach Murmansk und versorgt dann von da aus in drei Flügen die Heli-Crew mit Material und Männern – und die besagte Antonov bringt von Longyearbyen in Spitz bergen in mehreren Flügen weitere Männer und noch mehr Material zum Camp. Aber wie die Russen lassen auch wir uns von verrückten Ideen nicht abschrecken: Dieses Abenteuer sollte für uns eine besondere Herausforderung werden. Zumal wir aus Erfahrung wussten, dass in Russland zwar Pläne gemacht werden, dass aber am Ende kaum je etwas nach Plan läuft und also improvisieren und umdisponieren zur Tagesordnung gehören. Vielleicht schrecken Russen genau deshalb vor verrückten Ideen nicht zurück. Der Plan wurde also mit den Veranstaltern Polus in Moskau ausgeheckt: Das PolarNEWS- Film team, bestehend aus Werner Breiter, Simon Usteri, Rosamaria und mir, trifft sich in Moskau mit den Organisatoren der Logistik und Alexander Orlov, dem Besitzer von Polus. Ich werde anschliessend mit den Helikoptern mitfliegen (auf der Karte gelb eingezeichnet). Rosamaria, Simon und Werner dokumentieren den ersten Flug der Iljuschin von Moskau nach Murmansk und von dort zu den Zwischen stationen Zhalouzy I und II (rot). Rosamaria und Simon wechseln anschliessend nach Longyearbyen (weiss), um die Antonov und das dortige Materiallager im Auge zu behalten (schwarz). Werner sollte den zweiten Flug der Iljuschin von Murmansk zum Punkt Barneo filmen und über dem Abwurfpunkt mit den Falls - chirmspringern landen (blau). In zehn bis vierzehn Tagen sollte die ganze Geschichte im Kasten sein. Aber wie gesagt: Erstens kommt es anders, als zweitens die Russen denken. 50 Polar NEWS

In der Staatsduma in Moskau bereitet Werner den Politiker Artur Chilingarov für das Interview vor, bewacht von dessen Übersetzer Jurij Maximov. 10. März: Gut vorbereitet steigen wir in Zürich in den Flieger. Film-Ausrüstung und Gepäck wiegen insgesamt 260 Kilo! War das ein Theater, bis wir all die Koffer und Taschen endlich im Hotel in Moskau hatten. Kaum war alles Gepäck in unseren Zimmern verstaut, folgte bereits die erste Planänderung, für den Anfang allerdings eine überaus erfreuliche: Wir durften am folgenden Tag ein Interview machen mit Artur Chilingarov, und zwar im Gebäude der russischen Staatsduma, was unserem Bundeshaus entspricht. Chilingarov ist Staatspolitiker, Held der Sowjetunion, Held der Russischen Föderation, anerkannte Polarforschungs-Koryphäe und Berater von Präsident Dmitri Medwedew und Minister - präsident Wladimir Putin in Arktis-Fragen. Er ist natürlich der Ansicht, dass der Nordpol den Russen gehört (siehe PolarNEWS Nr. 13 vom letzten Frühling). 14. März: Eigentlich hätte ich heute nach Khatanga fliegen sollen, um zu den Heli - koptern zuzusteigen. Aber – Überraschung – es gibt da ein Problem: Unser Übersetzer meint, irgend etwas mit den Bewilligungen für die Helis sei nicht in Ordnung. Morgen gehe es dann los. Dasselbe sagt der Übersetzer morgen und übermorgen und überübermorgen. Wir warten und besorgen uns Bewilligungen, um am Flughafen Moskau-Vnukovo filmen zu dürfen. Wir dokumentieren das Beladen der gigantisch grossen Iljuschin Il-76 TD am Flughafen mit Material und Treibstoff für Barneo und die Zwischenstationen. Ach ja: Eine Besichtigung des Roten Platzes und diverser Museen ist auch ganz nett. Polar NEWS 17. März. Heute sollen Rosamaria, Werner und Simon mit der Iljuschin nach Murmansk starten, sie werden am Morgen um neun vom Taxifahrer abgeholt. Ich begleite die drei zum Flughafen Moskau-Vnukovo, um mich dort von ihnen zu verabschieden. Kaum angekommen, stürmt der Übersetzer herbei: Mein Flug mit den Helis sei abgesagt, ich solle gleich mit in die Iljuschin steigen. Uups... mein Gepäck ist aber im Hotel auf der anderen Seite der Stadt. Macht nichts: Rosamaria steigt ins Express- Taxi, wir drei Männer filmen die letzten Vorbereitungen der Flugzeugcrew, und am Abend geht es endlich los. Die Iljuschin ist wahrlich ein Monster: 50,5 Meter misst die Flügelspannweite, 14,7 Meter ist sie hoch, und wenn sie vollbeladen und vollgetankt ist, startet sie mit einem Gewicht von 190 Tonnen. Angesichts der Dutzenden von Treibstoff-Fässern, Baumaschinen, Zelten, Balken und all dem Material fürs Eis sind unsere 260 Kilo Filmerausrüstung kleines Handgepäck. Die Maschine ist so gross, dass einer von der Crew unterwegs gemütlich eine Kohlsuppe für die Mannschaft kochen kann. Die Operation Barneo scheint auch in Mur - mansk Gesprächsstoff zu sein: Schon auf der Rollbahn stehen Fernsehteams und Jour na - listen bereit. Wir allerdings müssen organisieren, wie wir unser Bagage in den Linienbus stopfen, der uns in die Stadt bringt. 18. März: Wir filmen, wie die Iljuschin komplett entladen und die Fracht für die drei geplanten Flüge zu Zhalouzy I und II und Barneo aufgeteilt wird. Die Treibstofffässer werden mit Kerosin aufgefüllt und doppellagig zu Sechserpaletten geschnürt. Schon beim ersten Flug sollen 26 Paletten am Fallschirm abgeworfen werden. Die Fässer sind aber nicht ganz gefüllt, damit sie beim Aufprall auf dem Eis nicht bersten. Kerosinfässer habens gut: Denen ist es wurscht, wenn sie aus der Luft abgeworfen werden – im Gegensatz zu mir. Doch ich greife vor... Wieder beginnt das grosse Warten. Die «Probleme» mit den Helis werden immer diffuser. Am Sonntag, 21. März, erfahren wir, dass die beiden Helis auf dem Weg von Surgut nach Khatanga in einem Eisregen hängen geblieben sind. 22. März: Hurra, eine konkrete Meldung: Die Helis sind in Khatanga angekommen. Mit fünf Tagen Verspätung. Derweil verabschieden sich Rosamaria und Simon: Sie müssen zurück nach Moskau und von dort weiter nach Longyearbyen, um planmässig die Arbeiten im dortigen Materiallager zu filmen. Ihre geplante Begleitung des ersten Iljuschin-Fluges zu den Zwischenstationen Zhalouzy I und II fällt ins Wasser. Diesen Part werde ich übernehmen müssen – dafür inklusive Fallschirmabsprung. Und wie heisst es doch in Abenteuerromanen prophetisch: Die beiden werden den Nordpol nie erreichen... 23. März: Die Iljuschin ist für ihren ersten Versorgungsflug nach Zhalouzy bereit. Die Helis sitzen in Khatanga fest. Problem: schlechtes Wetter. 24. März: Wir warten. 26. März: Wir warten immer noch. 51 »

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