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PolarNEWS-14

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Reinhold Messner und

Reinhold Messner und Arved Fuchs waren 1989/90 die Ersten, die diese modernen Kites mit Erfolg in ihrer 92 Tage dauernden, 2450 Kilometer langen Transversale in der Antarktis einsetzten. Die Expedition begann aufgrund logistischer Probleme bereits jenseits des Kontinentalrandes beim Ronne- Eisschelf und führte über den Südpol bis zur neuseeländischen Scott-Station an der Ross- See auf der anderen Seite des Kontinents. Der Bergsteiger und der Seemann liessen zwei Depots einrichten, um ihre Nahrungs - mittel- und Brennstoffvorräte ergänzen zu können. Zum ersten Mal gelang eine derart lange Durchquerung in Antarctica ohne unmittelbare Hilfe von Fahrzeugen oder Schlittenhunden nur mit Ski, Pulkaschlitten und Zugschirmen. Alain Hubert und Dixie Dansercoer haben die Segeltechnik dann im Südpolarsommer 1997/98 auf ihrer legendären und mit wissenschaftlicher Akribie vorbereiteten, 3924 Kilometer langen Durchquerung des Kontinents von Dronning-Maud-Land über den Südpol bis zur US-Polarstation McMurdo perfektioniert. Mit speziellen Powerkites legten die beiden Belgier die bis dahin zweitlängste Distanz auf dem Kontinent in nur 99 Tagen zurück. Sie erreichten dabei Tagesetappen von bis zu 271 Kilometern. Ein grosser Triumph wahren Abenteurergeistes! Erstmals gänzlich auf jede Hilfe von aussen oder selbst eines Partners verzichtete bereits ein Jahr zuvor, 1996/97, der Norweger Børge Ousland, der als der König der Polarläufer schlechthin anzusehen ist. Ihm gelang mit Hilfe von Kitesegeln die erste Solo-Ski - durchquerung des Kontinents von der Schelf - eiskante bei Berkner Island über den Südpol bis zur Ross-See: 2845 Kilometer in nur 64 Tagen, also im Schnitt über 44 Kilometer pro Tag – und das ohne Versorgung aus der Luft oder durch Depots. Eine herausragende Leistung an der Grenze der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit, die richtungsweisend für die nachfolgenden Hoch - leistungsexpeditionen sein sollte. Moderne Polarathleten lernten von ihren Vor- Läufern und steigerten die zurückgelegten Distanzen. Den Norwegern scheint dabei das polare Skilaufen in die Wiege gelegt zu sein. Immer wieder haben die wohl leistungsstärksten Polarläufer der Welt grosse Marksteine an den Polen gesetzt, wie Fridtjof Nansen, Roald Amundsen, Erling Kagge, Børge Ousland oder Rune Gjeldnes, der 2005/06 eine sagenhafte Rekorddistanz von 4804 Kilometern von Dronning-Maud-Land über den Südpol und entlang des Trans - antarktischen Gebirges nach Viktorialand bis in die Terra-Nova-Bucht in nur 90 Tagen zurücklegte. Im Schnitt also über 53 Kilometer am Tag. Es ist die längste Skireise, die je ein Mensch in der Antarktis unternommen hat. Und das alleine! Einsatz mit Ehre So ist es auch nicht verwunderlich, dass der bislang letzte grosse Erfolg in der Antarktis ebenfalls eine norwegische Handschrift trägt und neuerdings zudem weiblich ist. Der Norwegerin Cecilie Skog und dem Ameri - kaner Ryan Waters gelang 2009/10 das erste «unassisted unsupported crossing» des Kontinents von Berkner Island über den Südpol bis zum Fusse des zerrissenen und gefährlichen Axel-Heiberg-Gletschers, der den Beginn des Ross-Eisschelfs und damit das Ende des Kontinents markiert. Hier wurden sie per Flugzeug abgeholt. Die beiden schafften über 1800 Kilometer in 70 Tagen, wobei sie auf die Nutzung der Windkraft verzichteten und den Kontinent erstmals ausschliesslich aus eigener Kraft durchquerten. Ohne jegliche physische Hilfe legten sie im Schnitt 25 Kilometer pro Tag zurück. Dieser Stil gilt als die höchste Form des polaren «by fair means». Viele sehen nämlich die Verwendung von Zugschirmen ähnlich wie ein Segelboot bei einem Ruderbootsrennen. Die zähe Norwegerin verwirklichte damit den grossen Traum ihres Ehemannes Rolf Bae, der 2008 bei einer gemeinsamen Ex - pedition zum K2 ums Leben kam. Übrigens hält seit dem 13. Januar 2011 auch ein Norweger den «Weltrekord» auf der üblichen Skirennstrecke Hercules Inlet–Südpol: Der durchtrainierte Christian Eide rannte in einer Spitzenzeit von 24 Tagen, 1 Stunde und 13 Minuten, also mit einem Tagesschnitt von über 47 Kilometern, mit seinem Schlitten zum Pol. Es wird somit nicht nur der olympischen Devise «schneller, höher, weiter» gefrönt. Auch die immer weitere Reduktion der Mittel ist an den Polen ein Entwick lungstrend: Gelangen die Durchquerungen zuerst mit Traktorenzügen (Vivian Fuchs und Edmund Hillary, 1957/58) und Skidoos (Ranulph Fiennes, Charles Burton und Oliver Shephard, 1980/81), dann wie dargestellt mit Hunde - schlitten und mit Hilfe von Windsegeln, so gilt heute das Scottsche «man-hauling» als spartanischste und damit sportlich anstrengendste Form des Eisreisens. Neue Ziele – neue Erfolge Neue Expeditionserfolge werden mit Spannung erwartet. Offen ist zum Beispiel noch die erste komplette Durchquerung des Kontinents «unassisted unsupported» zur Gänze von einer bis zur anderen Schelf - eiskante und vielleicht auch gleich noch solo. Dieses extrem schwierige Unterfangen könnte derzeit vielleicht noch als eines der tatsächlich «letzten grossen Abenteuer der Menschheit» am Südpol gelten. Es macht sich aber bereits eine neue Generation von Polarabenteurern auf, sich ihre eigenen, ambitionierten Ziele an den Ende der Erde zu suchen und diese in ihrem eigenen Stil anzugehen, der durch Können und eine gewisse Leichtigkeit des Seins besticht: Allen voran die beiden Kanadier Sarah (24) und Eric McNair-Landry (26), deren Eltern Matty McNair und Paul Landry zu den erfahrensten und besten Polarführern der Welt gehören. Sie sind im grönländischen Iqaluit mit Schlittenhunden aufgewachsen, kiten seit Teenagertagen und haben als Bild: Cecile Skog Cecile Skog und Ryan Waters (im Bild Waters auf dem Axel-Heiberg-Gletscher) schafften die erste «unassisted unsupported» Zu-Fuss-Durch - querung des Kontinents 2010. 42 Polar NEWS

Bild: McNair/Northwinds Sarah und Eric McNair Landry zeigen, was die junge Generation der Polarabenteurer im Eis drauf hat. Jugendliche bereits Grönland durchquert, am Südpol als perfektes Team auf fast schon spielerische Weise neue Massstäbe gesetzt und zuletzt mit Ski und Zugschirmen auch die berüchtigte Nordwestpassage bewältigt. Aber egal ob extreme Solo-Skidurch - querungen, Kite-Expeditionen, pionierhafte Entdeckungsreisen und Vorstösse in alpines Neuland oder Skitouren auf verkürzten Rennstrecken im Rahmen kommerziell veranstalteter Events: Antarctica bietet genug Spielraum für alle und wird seine An - ziehungskraft, die schon Männer vom Schlage eines Shackleton, Amundsen oder Scott in ihren Bann gezogen hat, auch für die heutigen Abenteurerreisenden mit all ihren unterschiedlichen Zielen, Motiven und Ansprüchen nicht so schnell verlieren. Ich würde mir dabei lediglich wünschen, dass die wahren sportlichen Leistungen der modernen Polarathleten und die wirklich innovativen Expeditionen, die dem Geist der Pioniere folgen, nicht noch mehr ins Abseits der öffentlichen Wahrnehmung rutschen und nur mehr Medienshows Gehör und somit Sponsorgelder zur Realisierung finden. Der Berg ruft Die alpinistische Entdeckungsgeschichte der Berge Antarcticas begann mit den Aben - teurern, die sich einst mit Hunden und später mit Propellerflugzeugen aufgemacht haben, die hohen Drei- und Viertausender zu besteigen. Heute suchen die weltbesten Spitzen - alpi nisten waghalsige Kletterrouten an Polar NEWS schwierigsten Wänden und Pfeilern des Dronning-Maud-Lands oder der Antark - tischen Halbinsel. Und dann gibt es natürlich die Masse der Bergsteiger, die vor allem ein Ziel haben: Den Mount Vinson, mit 4892 Meter der höchste Gipfel des Kontinents. Erst nachdem alle Achttausender längst bestiegen waren, wurde der schwer zu er - reichende Gipfel des Vinson Massivs am 18. Dezember 1966 im Rahmen einer Expedition des American Alpine Club von Barry Corbet, John Evans, Bill Long und Pete Schoening erstmals bestiegen. Danach blieb es noch Jahre lang ruhig. Der Hype um den Bergriesen begann erst Mitte der 1980er- Jahre. Die amerikanischen US-Dollar-Millionäre Dick Bass (Besitzer des Snowbird Ski Resorts) und Frank Wells (Präsident der Walt Disney Company) lösten mit ihrem Buch über ihren Traum der Seven Summits (die Besteigung des jeweils höchsten Berges aller sieben Kontinente) einen gigantischen Bergreiseboom aus, der sie selbst am meisten überrascht hat. Bass und Wells bezahlten Top-Alpinisten, sie auf die begehrten Gipfel zu führen. 1983 engagierten sie Chris Bonington und Rick Ridgeway für den Mount Vinson. Es war die erst dritte Besteigung des Berges und damals noch eine echte logistische Pionier - leistung. Den Berg überhaupt zu erreichen, war damals viel schwieriger, als ihn zu besteigen. Sogar Reinhold Messner wollte teilnehmen. Er wurde jedoch ausgebootet, da er den Amerikanern sonst als erster Mensch – und «richtiger» Alpinist – den Ruhm der Seven Summits weggeschnappt hätte. Um die Vollendung der Seven Summits entstand ein beinharter Wettlauf, der durch Pat Morrow noch angeheizt wurde. Der ambitionierte kanadische Alpinist führte mit der Carstens Pyramide in Australozeanien (statt dem Mount Kosciusko in Australien) eine andere, heute allgemein gültige geographische Seven-Summits-Liste und sollte sie auch als Erster vollenden. Der begnadete Polarpilot Giles Kershaw und der Outdoorspezialist Martyn Williams, dem mit Morrow gleich auch die erste Skiabfahrt vom Mount Vinson gelang, gründeten die «Adventure Network International». Das erste private Flugunternehmen beförderte fortan betuchte Alpinisten in die Antarktis und ermöglichte über zwei Jahrzehnte auch sämtliche private Südpolexpeditionen. Gab es noch in den späten 1990er-Jahren nur eine Handvoll mutiger Bergreiseveranstalter weltweit, die den Mount Vinson für ihre Kunden anboten, so sind es heute viele Dutzend. Die Seven Summits begründeten eine regelrechte Bergreiseindustrie rund um den Globus. Tausende Alpinisten und Bergreisende sind dem Charme der Idee erlegen, den jeweils höchsten Berg jedes Kontinents zu besteigen. Die Sammlung aller sieben in den verschiedensten Kulturkreisen und Klimazonen gelegenen Berge ergibt ja ein faszinierendes Reiseprojekt für Gipfel - sammler. So erstaunt es nicht, dass sich auch » 43

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