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Polarabenteurer sehen

Polarabenteurer sehen solche Unter neh - mungen jedoch als Rückentwicklung oder Sackgasse, haben sie ja mit sportlicher Herausforderung und Naturerlebnis wenig zu tun. Ob Amundsen, der mit seinen Begleitern am 14. Dezember 1911 als erster Mensch den Südpol erreichte, zu ahnen gewagt hat, dass der Südpol einmal bequem mit All rad - fahrzeugen just for fun befahren wird? Was würde er wohl sagen, wenn er wüsste, dass die USA 2006 sogar den 1450 Kilo meter langen South Pole Highway, eine durch - gehende Piste von der Ross-See bis zum Südpol, fertiggestellt und damit die neu errichtete Amundsen-Scott-Station durch eine Nabelschnur mit der Hauptbasis McMurdo am Kontinentalrand verbunden haben? Auch wenn polartaugliche Flächenflugzeuge wie Twin-Otter, Basler DC-3, Hercules C- 130 oder Iljushin IL-76 angesichts der riesigen Dimensionen des Kontinents wohl nie gänzlich durch Fahrzeuge ersetzt werden, so werden die Allradfahrzeuge in den kommenden Jahrzehnten der touristischen Er - schliessung des Kontinents kräftig Vorschub leisten. Ein behutsamer Einsatz auf bestimmten Routen am Polarplateau wird dabei zu verkraften sein. In den Gebirgen verhindern ohnehin die gefährlichen Spaltenzonen, dass hier Fahr - zeuge kreuz und quer herumdüsen. Es bedarf jedoch besonnener Köpfe, den Fahr zeug - einsatz in der Antarktis zu beschränken, sonst zerstört der moderne Polar tourismus letztlich genau das, was er sucht: Den Wildnischarakter dieser einzigartigen, abgeschiedenen Welt. Auf den Spuren von Helden Die moderne Fahrzeugtechnik und Flug - logistik ermöglichen heute die touristische Erschliessung des Südpols. So werden Skilast-degree-Reisen durchgeführt, also auf die letzten ein, zwei oder drei Breitengrade (1° = 111 Kilometer Gehdistanz) reduzierte Skitouren bis zum Pol, aber auch Ballon - fahrten, Marathons oder sonstige «Extrem - abenteuer» am südlichen Ende der Welt. Eine ebenso clevere wie erfolgreiche Ge - schäfts idee hatte vor wenigen Jahren ein britischer Reiseveranstalter, indem er für gegeneinander antretende Teams mehrtägige Skirennen als «Wettläufe zum Südpol» organisiert. Von Fahrzeugen und Kamerateams begleitet, mit nicht allzu schwer beladenen Schlitten ausgerüstet (Proviant und Brennstoff wird ja nur für kurze Zeit benötigt) sowie zu einem Halbzeit- Zwischenstopp samt obligatorischem Medical check verpflichtet, kämpfen sich die Teams vom Flugzeuglandepunkt irgendwo am Polar - plateau im abgesicherten und objektiv relativ gefahrlosen Bereich so schnell wie möglich durch die Eiswüste bis zum Pol. So auch zum Jahreswechsel 2010/11, als sich ein österreichisches und ein deutsches Team bestehend aus je vier Personen im Auftrag der nationalen Fernsehanstalten ORF und ZDF bemühten, als Erstes die Ziellinie am Südpol zu erreichen. Für die modernen Renn - läufer (darunter Ausdauersportler, Soldaten und ein Olympiasieger von Weltruhm, aber allesamt unerfahrene Polargänger) war es sicher die Reise ihres Lebens und eine extrem anstrengende Tour. Die Naturverhältnisse sind ja heute immer noch die gleichen wie anno 1911/12. Und es ist eine respektable sportliche Leistung, eine Distanz von knapp 400 Kilometern in elf Tagen zu marschieren. Doch sonst hatte die moderne Veranstaltung – ohne diese diskreditieren zu wollen – mit der historischen Expedition kaum etwas gemein. Amundsen und Scott starteten seinerzeit mit ihren Untergebenen nicht nur an der gegenüberliegenden Seite des Kontinents von der Küste des Ross-Eisschelfes und hatten bis zum Pol eine Distanz von knapp 1500 Kilo - meter und die gleiche Strecke wieder retour zurückzulegen. Sie stiessen vor allem in völlig unbekanntes Terrain und absolutes Neuland vor. Ihr Erfolg und selbst ihre heile Rückkehr waren mehr als ungewiss, wie es sich bei Scott bekanntlich tragisch bewahrheitete. Dass die moderne Ausrüstung, die leichten Kunststoffschlitten, die sturmstabilen Zelte, die schnell trocknende, winddichte und warme Polarkleidung, die Hochleistungs - benzinkocher und die ebenso schmackhafte wie energiereiche Nahrung heute völlig andere Voraussetzungen bieten, liegt ohnehin auf der Hand. Der Südpol im Zentrum des Kontinents Antarctica ist das Ziel aller Polarträume. Der Mount Vinson befindet sich am nördlichen Rand des Ellsworth-Lands. Chance verpasst Allein schon der Blick auf die Navigations - geräte verzerrt jeden Vergleichs massstab. Sind heute alle Positionsdaten auf Knopf - druck vom GPS abrufbar, so mussten die Pioniere täglich ihre Position mühsam mit Sextanten bestimmen und mittels Tabellen errechnen. Und auch wenn der finanzielle und logistische Aufwand dafür enorm ist, aber Satellitentelefone und Allradfahrzeuge ermöglichen eine Evakuierung von jedem Punkt des Rennens. So konnte schliesslich auch ein verzweifeltes Mitglied des österreichischen Teams bequem in eines der Begleitfahrzeuge einsteigen, als sich durch Unachtsamkeit leichte Erfrierungen an seinen Fingern abzeichneten. Ist das eine würdige Hommage an den Wett - lauf der historischen Kontrahenten? Wie würden Amundsen und Scott wohl reagieren, wenn sie wüssten, dass ihrer grossartigen Pionierleistungen zum Hundert-Jahr-Jubi - läum durch ein teures Publicity-Projekt 38 Polar NEWS

Peinliche Veranstaltung: Die Fernseh-Show «Wettlauf zum Südpol» gab ein völlig falsches Bild der Antarktis wieder. Bild: Will Steger erinnert werden sollte, das bestenfalls Unterhaltung und Re-Kreation, nicht jedoch eine Expedition und schon gar nicht ein Vorstoss in etwas Neues war? 99 Jahre nach den dramatischen Entdeckungsreisen am Südpol diente die Antarktis einem für das Fernsehen geschickt in Szene gesetzten Sportevent als medienwirksame Bühne und der Mythos des Südpols als Marketing- Booster. Den modernen Wettbewerb aber in Verbindung mit dem zu setzen, was Amundsen oder gar Scott erlebt und durchgemacht haben, gerät zum Gegenteil einer Würdigung. Viele Polarexperten sind sich einig: Das grosse Südpol-Jubiläum wäre die sprichwörtliche Jahrhundertchance für eine gross - artige Pionierexpedition gewesen, die sich durch besondere Kreativität auszeichnet oder wirklich an der Grenze der menschlichen Leistungsfähigkeit und vor allem mit dem Risiko zu scheitern durchgeführt wird. Damit wäre es vor allem auch möglich geworden, einer breiten Öffentlichkeit das moderne polare Expeditionswesen seriös nahezubringen, das in seiner Königsklasse auch heute noch durchaus Parallelen zu den historischen Unternehmungen der Ver - gangen heit aufweist. Doch 2011/12 rüsten sich schon die nächsten Unerschrockenen für den Anpfiff zum nächsten «Race to the Pole». The show must go on! In Zeiten, in denen selbst in der Antarktis durch Satellitenfernerkundung fast jeder Ort bekannt und kartiert ist, richtet sich der Blick nicht mehr auf geographisches Neuland, sondern vielmehr zurück auf die Zeiten der wahren Pioniere. Deren Ideen, Versuche und Erfolge lassen angesichts der Unge wiss - heiten und Entbehrungen, denen sie ausgesetzt waren, kalte Schauer über den Rücken laufen. Annähernd «auf den Spuren» von Amundsen und Scott waren 2006 ein britisches und ein norwegisches Team (letzteres unter der Führung von Rune Gjeldnes) im Rahmen einer BBC-Dokumentation, um die beiden historischen Expeditionen mit Ori - ginal ausrüstung, -nahrung und -taktik so authentisch wie möglich nachzuvollziehen. Auch das Wie entscheidet Einziger Wermutstropfen: Aufgrund des Hundeverbots in der Antarktis konnte lediglich ein imaginärer «Südpol» auf dem grönländischen Inlandeis auf einer gleich langen Route und unter sehr ähnlichen Natur - verhältnissen bezwungen werden. Die Er - kenntnisse der Extremabenteurer waren er - staunlich und lassen höchsten Respekt vor den Mühsalen der historischen Eroberer zollen. Heute geht es bei sportlichen Polarexpe - ditionen längst nicht mehr um «Erobe - rungen» oder gar die Befriedigung nationaler 6400 Kilometer mit Hundeschlitten in sieben Monaten: Die Mitglieder der «Transantarctica»-Expedition 1989/90 während einer Pause. Interessen, sondern vielmehr um persönliche Ziele und alpinistische oder skiläuferische Herausforderungen. Dass dabei bisweilen bei manch einem sogar die Idee aufkommt, «Weltrekorde» aufstellen zu wollen, so als ob man Expeditionen mit Wettkämpfen auf normierten Rennbahnen vergleichen könnte, darf nicht verwundern und ist im Zirkus medienwirksamer Inszenierungen im Wettlauf um die Gunst ahnungsloser Grosssponsoren wohl leider nur allzu naheliegend. Bei Polarläufen ist die zurückzulegende Distanz ein entscheidendes Kriterium. Der übliche Startpunkt für die meisten Südpolgeher liegt heute am Kontinentalrand des Ronne-Eisschelfes beim Hercules Inlet, immerhin rund 1130 Kilometer vom Pol entfernt. Dass der Startpunkt des TV-Events «Wettlauf zum Südpol» irgendwo mitten am » Polar NEWS 39

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