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PolarNEWS-14

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Von Peter Balwin (Text)

Von Peter Balwin (Text) Der arktische Sommer war schon ziemlich weit fortgeschritten. Vor den Küsten Spitzbergens trieb keine einzige Eisscholle mehr; alles Meereis war seit Wochen geschmolzen, und die Eiskarten auf den Kreuzfahrtschiffen um die fast menschenleere hocharktische Inselgruppe herum zeigten die Packeisgrenze gute zweihundert Kilo - meter weiter nördlich von hier. So war es immer gewesen in den letzten paar Jahren im späten August: Die Inseln Spitzbergens lagen jetzt, am Ende des arktischen Sommers, in einem jeweils eisfreien Meer. Sicherlich muss es ein enormes Hunger - gefühl gewesen sein, welches das mächtige, schäbig-schmutzig anzuschauende Eisbären- Männchen auf der Tundra im Woodfjord dazu bewogen hatte, sich mit aller Vorsicht den paar Eiderenten am Ufer zu nähern. Seit zwei, vielleicht sogar seit drei oder mehr Monaten hatte dieser Eisbär nichts mehr in seinen riesigen Magen gekriegt. Irgendwie hatte er im Frühsommer den Anschluss verpasst. Das vereiste Meer hatte zu tauen begonnen, er aber versäumte es, mit der sich nach Norden verschiebenden Eiskante mitzuhalten – und sah sich plötzlich auf der erblühenden Tundra festsitzen. Einen Sommer lang ohne Nahrung! Die fetten Robben nämlich, das Lieblingsessen des Eisbären, waren dort, wo sich jetzt das Eis befand. Trotz seiner imposanten Körperfülle gelang es dem Eisbären, sich auf wenige Dutzend Meter an die Wasservögel heranzumanövrieren. Die ruhenden Eiderenten schienen die Gefahr nicht zu bemerken, bis der Bär mit seinen letzten Kräften zu einem gewaltigen Sprint ansetzte. Blitzschnell stieben die Enten auseinander und flogen davon – bis auf eine; sie war noch in der Mauser und deshalb flugunfähig. Auf sie sauste mit roher Kraft eine Bärenpranke hernieder, mehrmals, wieder und wieder, bis von der flach geklopften Ente im sich bildenden Erdloch kaum etwas übrig blieb. Diese Beute wollte sich der Eisbär keinesfalls entgehen lassen, ein Amuse-bouche zwar nur, ein winziges Appetithäppchen für einen Bärenmagen, der ohne weiteres 70 Kilogramm auf einmal aufnehmen könnte. Szenen wie diese vom Woodfjord in Spitz - bergen spielen sich auch andernorts in der Arktis immer häufiger ab, seit der weltweite Klimawandel das Nordpolargebiet er wärmt. Den Eisbären schmilzt ihr ureigener Le bens - raum, das Eis des Arktischen Ozeans, praktisch unter den Tatzen weg. Als eisbewohnender Jäger hängt der Eisbär vom Packeis ab. Seine Hauptbeute, Bart- und Ringelrobben, bekommt er nur dort zu fassen, an den Atemlöchern der Robben. Im mehrheitlich eisfreien Sommer hingegen, wenn ihm seine Nahrung buchstäblich davonschwimmen kann, ist fasten angesagt. Dann steht alles, was irgendwie essbar erscheint, auf dem Speiseplan des grössten Land raubtieres der Erde: Vögel und deren Eier, Seetang, Aas und Siedlungsabfälle müssen herhalten, um den Eisbären irgendwie über die schwierige Sommerzeit zu bringen. Forschung per Sender Seit sich der Eisbär vor erst 150’000 Jahren vom Braunbären getrennt und zu einer eigenen Tierart entwickelt hat, ist Ursus maritimus, der «Meeresbär», auf das Packeis im Arktischen Ozean angewiesen. Damit hat er sich den wohl extremsten Lebensraum dieser Erde erobert, denn das Eis des Meeres verändert sich ständig. Es schmilzt und gefriert erneut, es bricht auf, verschiebt sich, oder türmt sich zu meterhohen Presseisrücken auf. Dies ist die Bühne des Lebens für die 20’000 bis 25’000 Eisbären, die es heute gibt. Nur hier finden sie ihre Nahrung, nur hier gelingt es ihnen, auf einen paarungswilligen Partner zu treffen und ihre Jungen aufzuziehen. Gleissend hell in den Monaten immerwährenden Tageslichtes im Sommer – bitterkalt und dunkel in der monatelangen Polarnacht: wer die endlose Eisfläche eines gefrorenen Meeres seine Heimat nennt, muss gut zu Fuss sein. Eisbären sind denn auch tatsächlich ständig unterwegs. Obwohl die Pack - eisfläche aus menschlicher Sicht keinerlei Anhaltspunkte zu bieten scheint, irren Eis - bären nicht einfach ziellos umher. Als Allesfresser frisst der Eisbär auch Vogeleier. Wenn er aber keine Robben mehr findet, reicht das nicht. 16 Polar NEWS

Bei neueren Studien machen sich Zoologen vermehrt die Vorteile eines Satellitensenders zu nutze. So gelingt es den Forschern, besenderte Eisbären über Monate zu verfolgen und ihr Bewegungsmuster auf dem Eis auszuwerten. Erstaunlich, was dabei herauskommt! Es gibt Eisbären, die in einem Jahr nachweislich zwischen 3300 und 7100 Kilometer zurücklegten. Bei ihren einsamen Wanderungen übers Eis bleiben die Bären zudem in einem angestammten Aktionsraum, Home Range ge - nannt, dessen Grenzen sie nur selten überschreiten. Ein solches Aktivitätsgebiet, das eisige Reich des Königs der Arktis, misst oftmals zwischen 100’000 und 340’000 Quadratkilometer. Und was macht ein Eisbär auf seinen langen Wanderstrecken? Packeis und Eisbrücken Die Suche nach den Atemlöchern von Robben, an denen irgendwann die ersehnte Nahrung in Form einer leckeren Bart- oder Ringelrobbe auftauchen muss, ist das eine. Das andere dient der Fortpflanzung: Als Einzelgänger müssen sich Eisbären gegenseitig auf dem Packeis suchen, wenn’s zwischen März und Mai um die Zeugung von Nachwuchs geht. Dank ihres herausragenden Riechvermögens können Männchen den Geruch paarungsbereiter Weibchen bereits über viele Kilometer wittern und der Duftspur folgen. Auch in einer solchen Lebensphase gilt: ohne Packeis keine Paarung. Für trächtige Eisbären-Weibchen sowie später für deren Junge spielt die Meereisdecke (und der Schnee) ebenfalls eine bedeutende Rolle. Die meisten trächtigen Eisbärinnen der Arktis suchen zu Anfang des Winters bestimmte Landgebiete auf, um dort auf genügend Schnee zu warten und dann ihre Wurfhöhle im Triebschnee anzulegen. Nur wenn das Meer rechtzeitig und ausreichend zufriert, können die künftigen Eisbärenmütter solche Geburtszentren, wie zum Beispiel die Kong-Karls-Inseln in Spitzbergen, die Wrangelinsel oder Franz- Joseph-Land in der russischen Arktis, einfach und energiesparend über die Eisbrücke erreichen. Und nur wenn ausreichend Schnee in optimaler Qualität fällt, gelingt es den Bärinnen, eine Geburtshöhle zu bauen, die bis in den nächsten Frühling hält. Wie wichtig der Zeitpunkt des Gefrierens ist, zeigt sich am Beispiel der kleinen Insel Hopen im Südosten von Spitzbergen: Friert das Meer im Herbst zu spät zu, kommen die trächtigen Weibchen nicht nach Hopen zum Gebären. Wie weit sich das Eis von den Landgebieten zurückgezogen hat im Verlaufe des Sommers, hat wiederum massgeblich Polar NEWS damit zu tun, wie stark und schnell das Meer im Sommer aufgetaut ist. Die derzeitige klimatische Entwicklung weltweit wird den Eisbären nicht nur mit Blick auf die Erreichbarkeit der Wurfhöhlen - gebiete schwer zu schaffen machen. Auch beim arktischen Schnee, einer wichtigen Komponente zur Konstruktion einer dauerhaften, gut isolierenden Kinderstube, ist nichts mehr wie früher. Schnee muss natürlich in ausreichender Menge fallen. Fällt er reichlich und zur rechten Zeit und bläst ihn der Wind zu tiefen Verwehungen an den Leeseiten von Ge lände - unebenheiten zusammen, erst dann sind die optimalen Voraussetzungen für die Konstruk - tion einer Wurfhöhle gegeben. Während die meisten Eisbärinnen rund um den Nordpol die Variante «Wurfhöhle an Land» bevorzugen, gibt es in der Beaufortsee Abweichlerinnen von dieser Norm. Dort, im Eismeer vor den Küsten Nordalaskas und Kanadas, bleiben viele der trächtigen Weibchen gleich auf dem Meereis. Sie wählen Schneehöhlen auf dem driftenden Packeis und auf dem Küsten-Festeis. Schnee muss liegen bleiben Aber dieses natürliche Bedürfnis der Eisbären in der Beaufortsee ist durch die Erderwärmung gestört. Zoologen haben herausgefunden, dass die Zahl jener Bärinnen, die sich ihre Wurfhöhle auf dem Packeis graben, in den letzten zwei Jahrzehnten von 62 Prozent auf 37 Prozent zurückgegangen ist. Grund hiefür ist einerseits die zeitliche Bis zweieinhalb Jahre bleiben die Jungtiere bei ihrer Mutter. Findet die Mutter nicht genug Nahrung, sterben die Kleinen zuerst. Verzögerung, mit welcher das Meer im Herbst zufriert, und anderseits die schlechtere Eisqualität. Letztere führt dazu, dass sich das Packeis nicht mehr optimal zu Presseisrücken oder anderen Unebenheiten auftürmt. Damit sich der windverfrachtete Schnee aber hoch genug ansammeln kann, muss er sich an Hindernissen auf dem Packeis ablagern können. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass man jeweils im Herbst der vergangenen Jahre an den Ufern der Beaufortsee so viele Eisbären wie nie zuvor gesehen hat. Falls der Trend anhält und weiterhin wertvoller Eisbären-Lebensraum wegschmilzt, ist anzunehmen, dass die rund 2800 Eisbären der Beaufortsee-Region innerhalb der nächsten hundert Jahre aussterben werden. Düstere Prognosen In einer neuen Studie, welche im Februar dieses Jahres im wissenschaftlichen Online- Journal «Nature Communications» veröffentlicht wurde, gingen kanadische Zoologen der Frage nach, wie sich die Wurfgrösse beim Eisbären in der Zukunft entwickeln wird. Als Basis des Berechnungsmodells dienten die Eisbärinnen an der westlichen Hudson Bay in den frühen 1990er-Jahren. Damals schlug die Fortpflanzung bei fast 30 Prozent der dortigen Bärinnen aus energetischen Gründen (Nahrungsmangel) fehl. Würde nun das Eis infolge der Klimaer - wärmung um einen Monat früher aufbrechen, so die Studie, dann könnten zwischen 40 und rund 70 Prozent der Bärinnen in der » 17

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