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14 – 15 ZIRKUSREIFER

14 – 15 ZIRKUSREIFER EISBÄR Zur Abkühlung der Kameras und unserer Köpfe, die eigentlich immer noch die grossartigen Eindrücke vom Vortag zu verarbeiten haben, setzen wir uns in die Schlauchboote und fahren den mächtigen Basaltfelsen des Alkefjellets entlang. Über 120’000 Dickschnabellummen, unzählige Eis- und Dreizehenmöwen fliegen über unseren Köpfen, schiessen neben und hinter uns ins Wasser oder schwimmen gemächlich dahin. Ein Eisfuchs bietet uns Einblick in seine Fressgewohnheiten und präsentiert sich den Kameras wie ein Profi am Strand. Da erklingt schon wieder der Ruf «Eisbär!». Wir fahren langsam an das südliche Ende des Fjellets und suchen zuerst auf der Oberkante nach dem Tier. Doch zu unserer Überraschung sitzt der Bär, ein junges Männchen, nicht auf den Felsen, sondern mittendrin in der Felswand. Ein Kletterbär auf der Jagd nach Lummenküken! Eine unglaubliche Leistung für ein über 400 Kilogramm und mehr als zwei Meter grosses Tier. Fasziniert sitzen wir in unseren Booten und beobachten, wie der Bär auf einem Vorsprung kopfüber eine tiefergelegene Stelle erreicht und geschickt mit seinen riesigen Tatzen ein Küken packt. Wenn er jetzt abstürzt, ist der nächste Halt rund 80 Meter weiter unten. Doch der Bär zeigt keinerlei Unsicherheit,sondern verblüfft uns im Gegenteil mit seiner Akrobatik. Keiner von den Guides, die schon seit Jahren hier hoch kommen, hat jemals etwas Vergleichbares beobachtet. Nach fünf Minuten entschliesst sich der Eisbär, weiter nach oben zu klettern. Nun wird es spannend, denn wie sollte das Tier an dieser steil aufragenden Wand klettern? Wie beim Höhepunkt einer Zirkusnummer stockt uns der Atem, als der Bär anfängt, die Felsen zu erklimmen. Im Geist höre ich den Trommelwirbel, während der Bär immer weiter nach oben klettert. Wie ein Freihandkletterer.Trrrrrrrrrrrrr.... und täräää: Er hat es geschafft! Er steht oben auf der Kante! Und wie ein richtiger Artist präsentiert er sich uns auch noch in voller Grösse! Spontaner Applaus und Jubelschreie für einen Eisbären in freier Wildbahn, das hat es wohl noch nie gegeben, aber jetzt tobt das Publikum förmlich. ENDLICH «RUHIGE» TAGE Nach diesen aufregenden Erlebnissen, die den Adrenalinspiegel auf das Maximum hochgeschraubt und die Speicherkarten gefüllt haben, sind die folgenden Tage etwas ruhiger. Aber nicht weniger speziell: Wir erkunden die zweite grosse Insel des Archipels, Nordaustlandet, und geniessen die karge Schönheit der Polarwüste. Stehen staunend vor der mit 190 Kilometern längsten Gletscherkante Europas und betrachten die beeindruckenden Schmelzwasserfälle, die sich tosend ins Meer ergiessen. Auf Barentsøya wandern wir zwischen zehntausenden nistenden Dreizehenmöwen, beobachten einen Eisfuchs auf der Jagd und geniessen den Anblick weidender Rentiere; die Mitternachtssonne scheint uns auf der Fahrt um die Südspitze der Hauptinsel mitten ins Gesicht. Wir beobachten einige Finn- und Zwergwale, die am Eingang zum Hornsund am Frühstücken sind. Mit den Schlauchbooten kurven wir zwischen Eisbrocken und einer Gletscherkante entlang und wandern zwischen Überresten aus der Walfang- und der Pelztierjägerzeit. All dies sind wunderbare Erlebnisse, die uns die Wunder und die Vielfältigkeit der Arktis vor Augen führen. Doch am Abend im Hornsund kommt noch einmal der Adrenalinspiegel in Wallung. Wir möchten uns gerade für das traditionelle Grillfest auf dem Schiff vorbereiten, als eine grosse Gruppe von Belugawalen auftaucht. Über zwanzig Minuten dauert die Parade dieser weissen Meeressäugetiere, die hier auf Spitzbergen einst zu tausenden gejagt und getötet wurden. Unseren letzten Tag auf Spitzbergen lassen wir nochmals zwischen tausenden von Krabbentauchern, die mit ihrem lauten Geschrei trotzdem eine entspannende Wirkung auf uns haben, und auf einer letzten Tundrawanderung ausklingen. Hier können wir noch einmal tief durchatmen, in uns gehen und uns von Spitzbergen und all seinen Wundern in aller Ruhe verabschieden. Diese Inselwelt hat uns auf einer aussergewöhnlichen Reise einen tiefen Einblick in ihre Schönheit, ihre Wildheit, aber auch in ihre Zerbrechlichkeit gewährt. Wie auf jeder Reise hierher haben wir die Wunder der Arktis gefunden. Und eines ist uns allen klar gemacht worden: Spitzbergen ist wirklich Top of Europe, wie das Archipel genannt wird. In jeder Hinsicht.

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